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Wichtig ist, dass der Geist auch im Urlaub rege bleibt.

"Genießen - aber richtig"

So bleibt Ihr Kind in den Sommerferien fit

München - Ferien ist Urlaub von der Schule. Irrtum! Volker Schmalfuß, 57, Leiter der Schulberatungsstelle Oberbayern-Ost, erklärt, warum man in den Ferien nicht versandeln sollte, wie Vokabellernen Sinn macht und weshalb das Schreiben einer Postkarte lernpsychologisch bedeutsam sein kann.

Update vom 13. Dezember 2016: Auch im kommenden Jahr gibt es wieder einige Gelegenheiten für bayerische Kinder, ihre freie Zeit mehr oder weniger sinnvoll zu verbringen. Die Ferien in Bayern im Jahr 2017 im Überblick finden Sie hier.

Wie hält man sein Kind in den Ferien fit?

Sechs Wochen sind eine lange Zeit. Unser Gehirn muss am Laufen gehalten werden. Otto Normalschüler soll seine Ferien genießen, aber auch nicht versandeln. Erste Regel: Erholung ist wichtig, aber man sollte die Ferien bewusst gestalten, sonst fällt man in ein Loch. Zweite Regel: Man sollte die normalen Schwingungen des Lebens beachten. Klingt abstrakt, gemeint ist: Anstrengungs- und Erholungsphasen sollten sich abwechseln. Sechs Wochen Ferien sind definitiv zu lang für nur Erholung.

Was dann?

Anreize jeglicher Art sollten genutzt werden. Das Gehirn aktiv halten, das ist meine Botschaft. Unser Gehirn lernt immer, sagt der Hirnforscher Manfred Spitzer.

Wie trainiert man es?

Ich fange jetzt mal mit außerschulischen Beispielen an: Ganz banal: Ein Besuch im Tierpark oder Museum kann neue Impulse geben. Oder vielleicht kann man mal eine neue Sportart ausprobieren. Das sind Anreize, die nicht unbedingt den Zusammenhang zur Schule erkennen lassen. Eltern sollten in den Ferien der bloßen Passivität entgegen wirken.

Also das Kind nicht vor dem Fernseher parken?

Bitte nicht! Nicht zu viel Computer, nicht zu viel Fernsehen, nicht zu viel am Handy. Diese Medien geben keine Anreize. Unsere Kinder tun sich heutzutage schwer, Langeweile auszuhalten. Langeweile kann aber auch eine gute Erfahrung sein, weil daraus eine Motivation geboren werden kann, aktiv zu werden. Also: keine Angst vor Langeweile.

Was schlagen Sie vor?

Vor Ausflügen könnte man dem Kind Aufgaben geben. Beispiel: Eine Familie fährt an den Chiemsee oder in die Münchner Residenz – da könnte doch der 13-jährige Sohn die Recherchearbeit übernehmen: Wohin kann man da hingehen, was wäre interessant für Dich? So eine Recherche im Internet schafft auch ein Fünftklässler schon.

Das Kind sollte also die Planung übernehmen?

Natürlich nicht der ganzen Reise, aber eines Ausfluges – warum nicht? So kann sich das Kind im Urlaub einbringen – nach dem Motto: Ich hab da was entdeckt – und das sollte nicht der Freizeitpark oder das nächste Schwimmbad sein. Aber es kann das legendäre Fußballstadion in einer Großstadt sein – wenn es den Buben begeistert, warum nicht? Lernen findet über Emotionen statt. Das Kind sollte nicht nur den Eltern hinterher trotten – nach dem Motto: Der Papa wird’s schon wissen, wohin es geht, und ich latsch halt dann hinterher. Je älter die Kinder sind, desto stärker kann man sie einbinden.

Und was ist, wenn die Familie einfach nur zwei Wochen Sonne, Strand und Meer haben will?

Ist auch in Ordnung, das darf man nicht verteufeln. Aber wir reden von sechs Wochen. Dann sollten die Wochen davor oder danach dafür genutzt werden. Viele vergessen, dass es nach den Ferien wieder die Schule losgeht. In der letzten Woche herrscht dann Panik: Huch, die Schule! Und es wird hektisch gelernt. Ich sage: Viele kleine Portionen sind da besser als eine große.

Was halten Sie von klassischen Lernhilfen? Da ist ja viel auf dem Buchmarkt, etwa „Grundschul-Rätselspaß“, „Clever durch die 1. Klasse“ usw.?

Wenn der Grundschüler im Zeugnis die Rückmeldung bekommt, dass es bei bestimmten Themen Lücken gibt, dann können solche Materialien hilfreich sein. Zum Beispiel wenn der Viertklässler Schwierigkeiten beim Rechnen im Zahlenraum bis zu einer Million hat. Ein beliebter Fehler bei Eltern: Sie lassen so ein Heft von vorne bis hinten durcharbeiten. Bitte nicht! Lieber punktuell Themen aussuchen. Und besser nur einige Seiten rauskopieren und dem Schüler geben.

Könnte nicht das Kultusministerium solche Aufgabenpools im Internet anbieten?

Es wäre in der Tat sinnvoll, wenn die einzelne Schule solche Aufgaben im Internet anbietet – passwortgeschützt, so dass nur Schüler einer Klasse Zugriff haben. Das machen viele Schulen, leider nicht alle. Wenn Eltern geschickt sind, kann man aber auf vorgefertigte Aufgaben vielleicht verzichten. Fragen Sie Ihr Kind doch einmal vor dem München-Ausflug ganz banal: Wenn man eine MVV-Karte kauft für vier Personen, wie viel muss man dann zahlen? Der Alltag ist voll von Rechenbeispielen.

Sollte man in den Ferien Vokabeln lernen?

Vokabeln sind Grundwissen. Die Schüler wissen das. Gut wäre es natürlich, wenn es gelingt, die Sprache im Urlaub anwenden zu können.

Also der klassische London-Besuch. Bei Latein ist das schwierig.

Sicher, da geht’s nicht. Da ist dann Vokabellernen in den Ferien hilfreich. Aber Vokabeln sind nicht gerade das, was jeder gerne lernt. Hilfreich ist es, in den Ferien feste Zeiten zu vereinbaren. Etwa in der Früh oder am Abend eine kleine Einheit. Es sollte für das Kind klare Abläufe geben, die zur Routine werden. Morgens zehn Minuten oder abends zehn Minuten. Bitte nicht ärgern, wenn vier, fünf Vokabeln nicht gut sitzen. Feste Zeiten – kurze Zeiten, das ist die Regel. Kein tagesfüllendes Schulprogramm.

In manchen Fächern kann man nicht richtig lernen. Etwa in Deutsch.

Hier gibt es einen ganz banalen Tipp. Man sollte sich unterhalten – aber nicht nur über das Thema: Was mach’ ma morgen? Es gibt doch Themen, die die Kinder beschäftigen. Je nachdem, wie sich das Kind intellektuell fordern lässt, kann man auch über abstrakte Dinge diskutieren, über politische und soziale Angelegenheiten. Oder man kann einen gemeinsamen Lesestoff entdecken. Lesen ist ein ganz wichtiger Baustein, um sich im deutschen Sprachgebrauch zu trainieren. Das kann ein Buch sein, das dann auch der Papa parallel liest, oder kurze Artikel, Sachtexte. Wenn’s um Autos geht, dann soll’s halt um Autos gehen. Oder um Sport. Oder man entdeckt das alte, klassische Vorlesen wieder. Auch das Hörverstehen kann trainiert werden.

Wie?

Langweilige Autofahrten kann man da wunderbar nutzen. Wie wäre es statt des ewigen Bayern- 3-Gedudels mal mit einem Hörbuch? Anregungsarme Situationen sollten genutzt werden. Das Hörbuch ist da eine spannende Möglichkeit. Es gibt aber noch etwas ganz Wichtiges.

Nämlich?

Das Schreiben. Das kann ja im Urlaub vor lauter SMS-Botschaften vergessen werden. Die SMS-Sprache ist eine andere als das klassische Schreiben. Die Postkarte, oder vielleicht sogar der Brief, an Oma und Opa ist für manche Kinder eine große Herausforderung geworden – aber sie wird beim Empfänger große Freude auslösen.

Interview: Dirk Walter

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