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Szenen, die man nicht mehr aus dem Kopf kriegt: Feuerwehrleute werden oft mit Toten konfrontiert, wie hier bei einem Unfall in München.

Was freiwillige Helfer aushalten müssen

„Das verkraftet man nicht“

München - Als Ende Februar ein Feuerwehrmann nahe Ebersberg im Einsatz zusammenbrach und starb, entbrannte die Debatte: Wie stark sind Freiwillige unter Druck? Wie gehen sie mit dem Stress um? Drei Geschichten von der Feuerwehrfront.

Doris Lammert, 40, Feuerwehrfrau aus Eurasburg

Der schlimmste Einsatz ihres Lebens war ein Autounfall: Feuerwehrfrau Doris Lammert, 40, aus Eurasburg im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen rast mit ihren Kollegen zum Unfallort. Dort sieht sie eine Zeugin, die vor sich hin murmelt „Vroni* ist tot, oder?“ Immer wieder murmelt sie das. Vroni ist ein Allerweltsname. Doch es ist Doris Lammerts beste Freundin, die dort tot zwischen Trümmern liegt. Ein Schock für die Feuerwehrfrau. Aber sie ist Profi – auch als Freiwillige. Sie sichert die Unfallstelle, kümmert sich um herumliegende Autoteile. Ihr Unterbewusstsein unterdrückt die Gefühle. Erst bei der Beerdigung realisiert sie, was geschehen ist.

Für Doris Lammert ist die Feuerwehr mehr als ein Hobby: Als die 40-Jährige ihren Mann heiratete, war ein Foto vor dem Einsatzauto Pflicht. Im Hauptberuf ist die Feuerwehrfrau Krankenschwester – zwei Jobs, für die man gute Nerven braucht.

Doris Lammert ist Kranken-schwester und seit 30 Jahren ehrenamtlich im Blaulicht-Einsatz – 26 Jahre Rotes Kreuz, 17 Jahre THW, gleichzeitig seit sieben Jahren bei der Feuerwehr. Mit 14 hat sie bei einem Unfall ihren ersten Toten gesehen. „Ich habe viel mit Kollegen und Freunden geredet“, sagt sie. So blieb sie stark. Inzwischen ist sie Feuerwehr-Ausbilderin, Gruppenführerin, geschult für Krisenintervention. Sie kann mit dramatischen Erlebnissen umgehen, und gibt das auch an die Jugend weiter. Oft schont sie den Nachwuchs: Bei schrecklichen Unfällen, sagt sie, „lasse ich einen jungen Kollegen schon mal am Funk stehen“.

Als Feuerwehrler geht man sowieso oft genug ans Limit. Unfälle sind belastend, aber es gibt eine Sache, die Doris Lammert zur Weißglut bringt: Schaulustige. „Solche, die mit dem Handy auf den Baum klettern, damit sie besser sehen können.“ Dabei spricht sie von den Feuerwehrlern selbst als „legalisierte Schaulustige“. Der Drang, nachzusehen, was passiert ist, sagt sie, sei immer da. Der Unterschied zu Schaulustigen: „Wir helfen auch vor Ort.“ Und zwar mit einem gehörigen Adrenalin-Schub, den die Alarmierung auslöst. Ohne könne man einen Einsatz auch gar nicht durchführen: „Das verkraftet man nicht.“ Und nach dem Einsatz fehlt oft die Zeit für ein befreiendes Gespräch – Stichwort Bürokratie. Lammerts Kommentar: „Uferlos.“ Noch ein Problem: Für Fortbildungen an der Feuerwehrschule bekommt man meist erst zwei Wochen vorher Bescheid – klar, dass da die Chefs in der Arbeit nicht begeistert sind.

Die fehlende Akzeptanz ist es, die das Leben der Ehrenamtler schwerer macht. „Ich möchte ja wirklich keinen Orden dafür bekommen“, sagt Lammert. „Den Leuten soll nur wieder bewusst werden, dass wir alles kostenlos und in unserer Freizeit machen.“

             * Name geändert

Matthias Holzbauer, 47, Feuerwehrmann aus Glonn und Feuerwehrseelsorger in ganz Oberbayern

Es gibt Gerüche, furchtbare Gerüche, die es nur an Unfallorten gibt. Blut, Benzin, beißender Gestank, der sich in die Seele frisst. Um solche Bilder loszuwerden, erzählt Matthias Holzbauer, 47, kommen Feuerwehrleute nach besonders belastenden Einsätzen zu ihm. Holzbauer aus Glonn im Kreis Ebersberg ist seit 30 Jahren Feuerwehrmann, zudem ist der Diakon hauptamtlicher Seelsorger für alle Freiwilligen Feuerwehren in Oberbayern. Er hat viele schlimme Geschichten gehört, manche davon selbst erlebt. Einmal verunglückte einer seiner Kameraden tödlich. Holzbauer kannte auch seine Familie gut, die Schwester war bei der Feuerwehr.

Matthias Holzbauer, der Feuerwehr-Seelsorger, hat seine Einsatzkleidung immer im Kofferraum.

Er wurde alarmiert, um die Familie direkt nach dem Autounfall zu betreuen. „Das war für mich eine Grenzerfahrung“, erzählt er. Holzbauer sprach mit den Angehörigen, beruhigte sie, war für sie da. „Da muss man die eigenen Befindlichkeiten hinten anstellen“, sagt der Seelsorger, „und Kopf und Seele bei der Sache haben.“

Es hört sich erst einmal merkwürdig an, aber das Geheimnis ist: Schwere Unfälle müssen zur Routine werden. Trotzdem gibt es Situationen, die auch erfahrene Helfer aus der Fassung bringen. Unfälle mit Kindern, Kameraden, Bekannten. „Da ist der Schutzmechanismus sofort durchbrochen“, sagt Holzbauer. Viele kommen nach solchen Erlebnissen nicht zur Ruhe. Das Risiko, als Feuerwehrler an einer posttraumatischen Belastungsstörung zu erkranken, ist drei Mal so hoch wie bei anderen Menschen.

Aber es hat sich einiges getan bei der Feuerwehr: Früher war es verpönt, als Feuerwehrmann Emotionen zu zeigen. Das ist heute zum Glück anders. Matthias Holzbauer baut deshalb in Oberbayern ein Beratungsnetz auf. In jedem Landkreis soll es Feuerwehrseelsorger geben, an die sich Feuerwehrleute nach belastenden Einsätzen wenden können. Mindestens genauso wichtig: die Familie. Holzbauer sitzt auf der Rundbank in seinem Haus in Glonn, Familienfotos stehen herum. „Es ist gut, wenn man heimkommt, und es ist jemand da. Das Gefühl, das Leben wieder zu spüren. Wenn ich meine Kinder sehe, ist das ein Gegenpol“, sagt er. Er ist froh, dass seine Familie Verständnis für die Einsätze hat.

Seine Schutzausrüstung und sein Funkgerät hat er stets im Auto, er ist immer einsatzbereit. Bis zu 20 Stunden arbeitet er jede Woche als Kreisbrandinspektor, ehrenamtlich. Doch die Anerkennung dafür bleibt oft aus. „Ich würde mir hier von Seiten der Politik manchmal mehr Rückendeckung und Initiative wünschen“, sagt Holzbauer. Es fehle Geld für die psychosoziale Notfallversorgung. Noch so ein Problem: Viele Unternehmer stellen ihre Angestellten ungern für Einsätze frei. Oder sie stellen sie gar nicht mehr frei. Eine Katastrophe für jede Freiwillige Feuerwehr. Trotzdem ist Holzbauer noch gerne dabei, natürlich ist er das. „Weil’s schee is, weil es einem Spaß macht.“ Weil es sein Leben ist.

Michael Burger, 47, ehemaliger Feuerwehrmann aus München

Brand in einem Mehrfamilienhaus in München. Michael Burger, 47, fährt zum Einsatzort, er ist als erster da. Im Haus ist ein Mädchen von den Flammen eingekreist. Burger sprintet ins Gebäude – und bringt das Kind in Sicherheit. Kurz später platzt die Scheibe des Wohnzimmers. Genau da, wo Augenblicke zuvor noch das Mädchen stand. Der Feuerwehrmann hat ein Leben gerettet. Allerdings hat er gleichzeitig einen Strafzettel bekommen. Er klemmte an der Scheibe seines Einsatzfahrzeugs. 30 Euro wegen Falschparkens. „Was will man da noch sagen?“ Dinge wie diese haben Michael Burger die Motivation genommen. 26 Jahre war er bei der Freiwilligen Feuerwehr in München-Forstenried. Vor rund vier Jahren warf er hin: „Jetzt kennt’s mi gern hom, i mog nimma.“

Michael Burger warf vor vier Jahren sein Ehrenamt hin – bei der Feuerwehr ärgerten ihn zu viele Dinge.

Der Tontechniker hat vieles gesehen, das ihn von der Feuerwehr wegtrieb. Zum Beispiel Theoretiker, die nicht wissen, wie man löscht: „Feuer kann man nicht mit Statistiken ausmachen.“ Früher seien die Feuerwehrmänner Handwerker aus verschiedenen Branchen gewesen, sagt er, Leute, die von der Praxis Ahnung haben. Heute sei das anders: „Eine Kettensäge kann man nicht nach einem Ausbildungsabend bedienen.“

Ein weiteres Problem: Menschen, die kein Verständnis für das Ehrenamt aufbringen, wenn man aufgrund eines Einsatzes zu spät zu einem Termin kommt: „Sie sind bei der Feuerwehr? Haben Sie nichts Besseres zu tun?“ Das hat er oft gehört. Burger, eigentlich ein sehr fröhlicher Mensch, wird sauer, wenn er daran denkt, wie wenig die Arbeit als Feuerwehrler geschätzt wird.

Auch viele Politiker, findet er, erkennen die Notwendigkeit neuer Gerätschaften nicht. Als Tontechniker musste Burger einmal bei einer Bürgerversammlung arbeiten. Auf der Tagesordnung: ein neues Fahrzeug für die Feuerwehr. Das Resultat: ellenlange Diskussionen. „Braucht’s das?“ – „Die spielen doch eh nur Karten.“ – „Das alte Fahrzeug geht doch noch.“ Irgendwann platzte Burger der Kragen. Er griff zum Mikro und mischte sich ein. „Da hätte ich eigentlich gefeuert werden müssen, aber das Risiko war es mir wert.“ Geholfen hat es nichts: Das Fahrzeug wurde nicht genehmigt.

Das frustriert. Aber ganz aufgeben kann er seine alte Leidenschaft nicht: Noch heute fährt Burger mit einer Notfalltasche im Auto umher. „Feuerwehrler sein“, sagt er, „ist eine Grundeinstellung.

Anton Hirschfeld & Claudia Schuri

Weitere Erfahrungsberichte haben wir in unserer Feuerwehr-Serie zusammengetragen. Wenn Sie dem Link folgen, finden Sie alle Teile der Serie.

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