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Direkt vor dem Altar fand Pfarrer Rein vor einem Jahr den kleinen Christian in der Krippe

Das Findelkind aus der Weihnachtskrippe

Dasing/Pöttmes- Christian wurde im Dezember 2008 in einer Krippe ausgesetzt. Ein Jahr später nun erzählt die Pflegemutter seine Geschichte, die so traurig beginnt – und mit so viel Liebe endet.

Zwei Stunden ist Christian erst auf der Welt – und schon ganz allein. Das winzige Wesen liegt in der Krippe einer Pfarrkirche. Mitten vor dem Altar steht sein hölzernes Bettchen, nichtmal ein Büschel Stroh liegt darin. Christian friert. Er weint.

Seine Mutter, eine Rumänin (38), hatte ihn in irgendeiner kleinen Wohnung geboren, ohne Arzt, ohne Hebamme. Sie war überfordert, verzweifelt, brachte Christian in die Kirche, legte ihn in die Krippe und hoffte, dass Gott ihn schützen möge. Dort liegt Christian nun – und wartet auf Rettung. Oder auf den Tod. Doch zum Glück dauert es nicht mehr lange bis Hilfe kommt, an diesem kalten Dezembertag 2008 in Pöttmes (Kreis Aichach-Friedberg).

Die Tür zur Kirche öffnet sich. Pfarrer Thomas Rein ist vom Pfarrhaus herüber gekommen, um zu beten. Ihm fällt sofort auf: Über der Krippe liegt ein kleiner roter Teppich, der dort nicht hingehört. Unter dem Stück Stoff findet er den wimmernden Säugling. „Das war Fügung“, sagt der Pfarrer. „Ich gehe nicht jeden Tag hinüber. Dass Christian nur 20 Minuten in der Krippe lag – da hat der Himmel seine Hände im Spiel gehabt.“

Findelkind war unterkühlt, aber es lebte

Thomas Rein hebt das winzige Findelkind aus der Krippe, ruft den Notarzt. Christian ist schwach, unterkühlt – doch er lebt. Im Krankenhaus päppelt man das 2700-Gramm-Bündel mit Infusionen auf. Das Neugeborene scheint gesund zu sein.

Ein Jahr später besucht unsere Zeitung den kleinen Christian in seinem neuen Zuhause in Dasing. Friedlich liegt er in seinem Laufstall, das Kaminfeuer flutet den Raum mit wohliger Wärme, der Einjährige brabbelt entspannt vor sich hin. Lange kann Elena (Name geändert) ihr Pflegekind nicht allein lassen. „Vielleicht hat es der liebe Gott gut mit uns gemeint“, sagt sie, hebt Christian aus dem Laufstall und drückt ihn zärtlich an sich.

Inzwischen hat der kleine Bub ein neues Zuhause gefunden.

Elena ist 58 Jahre alt. 35 Jahre ihres Lebens arbeitete sie als Kinderkrankenschwester – sie weiß, wie man sich kümmert. Irgendwann wurde sie selbst krank, musste ihren Beruf aufgeben. „Meine Tochter ist erwachsen, mein Mann hat einen Vollzeitjob – ich brauchte eine neue Aufgabe.“ Elena entschließt sich, ein Pflegekind aufzunehmen.

Ihre ersten beiden Schützlinge sind Babys von Müttern, die im Gefängnis sitzen. Nach nur zwei, drei Monaten muss sie sich wieder von ihnen trennen. „Emotionaler Stress“, nennt das Elena. Ein drittes Mal will sie das nicht durchstehen müssen. Ihr nächstes Pflegekind, entschließt sie sich, soll bleiben. Sie erinnert sich noch gut an jenen Tag, als sie Christian anfing zu lieben. Damals, im Krankenhaus, mit all den Ärzten. „Alle dachten, er ist gesund“, erzählt Elena. „Die Ärzte machten eine Ultraschalluntersuchung – reine Routine.“ Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand ahnte: Christian leidet unter einer Fehlbildung des Gehirns. Die Krankheit ist selten, nur wenige Fälle sind dokumentiert.

„Auch ein behindertes Kind ist ein Kind“

Heute ist der Einjährige fast blind, leidet unter motorischen Störungen, spastischen Anfällen. Vielleicht wird es mit den Jahren besser. Vielleicht auch nicht. Für die tiefe Liebe, die Elena empfindet, spielt das keine Rolle. „Auch ein behindertes Kind ist ein Kind“, sagt sie mit fester Stimme. „Er gibt mir unendlich viel zurück.“ Außerdem: „Man stößt ein Kind nicht aus dem Nest.“

Auch nicht, wenn die Zeiten hart sind. Und die ersten Wochen mit Christian waren hart. Elenas Pflegesohn schreit unentwegt, sieben Stunden am Stück, bis er endlich erschöpft in den Schlaf abdriftet. Nichts kann ihn beruhigen, die kleinen Ärmchen krampfen, der Kopf ist dunkelrot, der winzige Körper nassgeschwitzt.

Elena, die Kinderkrankenschwester, weiß sich zu helfen. Liebevoll, unendlich geduldig pflegt und fördert sie ihr Findelkind. Schließlich kommt Christian doch zur Ruhe. „Ich glaube, der liebe Gott hat die richtige Familie für ihn gefunden“, sagt sie. „Und für mich das richtige Kind.“ Heute geht es Christian gut in seiner neuen Familie. „Es ist, als ob er unser eigenes Kind wäre“, sagt Elena. Sie legt ihn zurück in den Laufstall, zögert kurz, streichelt ihm noch einmal über den Kopf. Sie kann es sich nicht vorstellen, ihn jemals wieder zu verlieren.

Vor ein paar Tagen kam Pfarrer Thomas Rein zu Besuch. Zum Geburtstag hat er Christian eine kleine Statue von der Jungfrau Maria mit Jesuskind geschenkt. „Er braucht eine gute Mutter“, sagt der Seelsorger. „Und eine gute Mutter, die hat er gefunden.“

von Thomas Schmidt

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