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Die Baustelle Zuhause: Als Kerstin und Stefan Berger ein halbes Jahr nach dem Hochwasser wieder in ihr Haus ziehen konnten, waren die Bauarbeiten noch lange nicht abgeschlossen. Bis heute gibt es Kleinigkeiten zu tun.

Hochwasser 2013

Fischerdorf erinnert sich: „Wir sind durch die Hölle gegangen“

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Fischerdorf - Die Hochwasser-Opfer in Simbach haben schlimme Tage hinter sich – und viele schlimme noch vor sich. Kaum jemand kann das so gut nachempfinden wie die Menschen in Fischerdorf (Kreis Deggendorf), die bei dem Hochwasser 2013 alles verloren haben. Bei ihnen ist alles wieder aufgebaut – und doch hat die Flut Spuren hinterlassen.

Fischerdorf versinkt im Wasser: Ein Rettungsboot steuerte am 6. Juni 2013 durch den Ortsteil. Das Wasser der Donau stand meterhoch in den Straßen.

Seit dem 4. Juni 2013 ist Josef Schiller nicht ein einziges Mal über die Donaubrücke gefahren, ohne nach dem Wasserstand zu schauen. „Das wird immer so bleiben“, sagt er. „Für den Rest meines Lebens.“ Schiller gehört eine Metzgerei im Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf. Sie ist auf den Tag genau vor drei Jahren vom Hochwasser völlig zerstört worden. So wie nahezu jedes Gebäude in Fischerdorf. Doch keiner hätte gedacht, dass die Erinnerungen am dritten Jahrestag nach der Katastrophe wieder so intensiv sein könnten. „Wir leiden alle mit den Menschen in Simbach“, sagt er.

Josef Schiller lebt mit seiner Frau und seinem behinderten 33-jährigen Sohn in einer Wohnung über der Metzgerei. „Wir haben damals beobachtet, wie das Wasser steigt“, erzählt er. „Aber wir dachten, wir können es aussitzen.“ Ein paar Stunden später stand die braune Schlammsuppe bereits so hoch, dass die Schillers mit einem Boot gerettet werden mussten. „Es war ein furchtbares Gefühl, alles zurücklassen zu müssen“, erinnert er sich. „Wir standen in dieser Nacht alle unter Schock.“

Josef Schiller war einer der ersten Fischerdorfer, die nach einer Woche zurückkehrten. Er stand in seiner völlig zerstörten Metzgerei, der Gestank von vergammeltem Fleisch war unerträglich, der Schaden nicht ansatzweise zu schätzen. Es gab sofort finanzielle Hilfen für alle Hochwasseropfer, die Hilfsbereitschaft beim Wiederaufbau war riesengroß, erzählt er. „Damals bin ich vor lauter Arbeit nicht zum Nachdenken gekommen – und das war gut so.“

Optisch erinnert in seiner Metzgerei heute nichts mehr an die Flut. Aber innerlich hat sie Spuren hinterlassen, die niemals ganz verschwinden werden. Jeder starke Regen, jedes Unwetter löst die Erinnerungen wieder aus. „Am liebsten würde ich diese Zeit für immer hinter mir lassen“, sagt Josef Schiller. Doch nach der Katastrophe in Simbach ist das Hochwasser wieder das große Thema in Fischerdorf.

Kurz nach der Flut: Am 4. Juni 2013 stand das Wasser am Haus der Bergers fast zwei Meter hoch.

Die Flut vom 4. Juni 2013 hat Fischerdorf nicht nur äußerlich verändert. „Auf unser Zusammenleben hat sie sich positiv ausgewirkt“, sagt Oberbürgermeister Christian Moser rückblickend. „Wir sind alle durch die Hölle gegangen. Wir haben alle erlebt, wie wichtig jede kleine Hilfe war.“ Deshalb sind in Fischerdorf durch die Nachrichten aus Simbach nicht nur die Erinnerungen so präsent – sondern auch das Bedürfnis zu helfen so groß.

Kerstin Berger erinnert sich noch an den Moment, als sie vor drei Jahren ein Paket öffnete, das sie für ihre damals dreijährige Tochter Leni und den einjährigen Philip in die Hand gedrückt bekommen hatte. Süßigkeiten und Spielsachen waren darin. Die 32-Jährige hatte Tränen in den Augen. Das erste Mal seit Tagen waren es keine Tränen der Verzweiflung, sondern Tränen der Rührung. Als am 4. Juni 2013 der Damm brach, stand das Wasser in ihrer Straße mehr als zwei Meter hoch. Alles ging kaputt, monatelang mussten die Bergers in einer Ferienwohnung von Freunden leben. Auch heute, drei Jahre später, sind noch kleinere Arbeiten am Haus unerledigt.

Der ganze Ortsteil eine Baustelle: In den Monaten nach der Flut wurde überall in Fischerdorf gebaut und renoviert.

„Wir hatten das Glück, dass unser Haus versichert war“, erzählt Berger. Die Familie war eine der ersten, die im Dezember 2013 wieder einziehen konnte. Einen kurzen Moment lang wollte Kerstin Berger das gar nicht. Aus Angst, der Damm könnte noch einmal brechen. „Wollen wir nicht woanders hinziehen?“ fragte sie ihren Mann. Stefan Berger ist in Fischerdorf aufgewachsen. Er ist fest verwurzelt in dem Ortsteil, zweiter Vorsitzender der Feuerwehr. Er wollte nicht woanders leben – und seine Frau im tiefsten Herzen auch nicht.

Am Freitag in den frühen Morgenstunden ist Stefan Berger mit acht anderen Feuerwehrlern nach Simbach aufgebrochen. Um zu helfen, beizustehen, aufzuräumen. Kurz bevor er losgefahren ist, hat seine Frau ihm ein Paket in die Hand gedrückt. Darin waren Süßigkeiten und Spielsachen. „Gib es jemandem, der es brauchen kann“, sagte sie. Stefan Berger hat wortlos genickt.

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