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Neue Disziplin Acker-Weitwurf: Fischer Bernhard Ernst bringt sein Boot in Position.

Fischers Lust, Fischers Frust: Der Ammersee

Dießen - In einer neuen Serie beleuchten wir die oberbayerischen Seen aus unterschiedlichsten Blickwinkeln. Heute zum Auftakt: die Fischer vom Ammersee.

Der starke Honda-Motor jagt das Boot über den Ammersee, zwei Minuten sind es von Dießen- St. Alban bis zur Seemitte. Bernhard Ernst stoppt. Still liegt der See, grünschwarz, er ist hier etwa 70 Meter tief. Sonne. Alpenblick. In der Ferne das Kloster Andechs, an der Ostseite St. Alban. Fischer ist ein herrlicher Beruf.

Teil 2 der Seen-Serie: Der Schatz im Walchensee.

Denkt man so. Ist aber nicht so, sagt Bernhard Ernst (40), der Fischer. Und erzählt. Über alte Fischereirechte, die bis zum 12. Jahrhundert zurückreichen. Darüber, dass es früher 150 Fischer am Ammersee gab. Und heute nominell noch 36 Inhaber von Fischereirechten, wenn man auch die Klosterfrauen von St. Alban dazuzählt, die sich aber allenfalls an ihrer Hütte am Seeufer blicken lassen. Und dass der Pachtvertrag der Fischer mit dem Freistaat Ende dieses Jahres ausläuft, und die Verhandlungen schwierig sind. Sehr schwierig. Kein Wellengang unterbricht den Redefluss, aus Ernst sprudelt es, er hat Zeit, denn Fische gibt es nicht mehr im Ammersee, zumindest keine Renken mehr, die doch der „Brotfisch“ der Fischer sind. Schlimm, sagt Ernst.

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Längst hat der promovierte Biologe einen Nebenjob: freiberuflicher Sachverständiger für Gewässerkunde. Oder soll man sagen Hauptjob? Denn Fischer ist Bernhard Ernst, der Vorsitzende der Fischereigenossenschaft am Ammersee, derzeit ja nicht. Über die Ursache der Misere gehen die Meinungen auseinander. Der Kormoran ist schuld, sagen die Fischer. Falsch, die Schutzbereiche für den Fischlaich fehlen, sagen die Vogelschützer. Bernhard Ernst sieht die Sache differenziert. Er berichtet von einer Blaualgenart, die ein Fischgift produziert und sich im See gut vermehrt. Auch das könnte ein Grund für das Ausbleiben der Renke sein.

Nur der Waller ist noch da, am Einlauf der Ammer fängt man stattliche Exemplare. Der Ammersee-Saibling schmeckt zwar und ist im See gut vertreten, aber er ist in den Restaurants nicht gefragt. Zander, Aal, Seeforelle, der Barsch, all das macht einen Fischer am Ammersee nicht satt. Von 29 Fischarten im Ammersee stehen zehn auf der Roten Liste. Manchmal entleert ein Fischfreund a.D. sein Aquarium im Ammersee, dann verirrt sich ein Goldfisch in den See. „Die werden schnell gefressen.“ Kleine Abwechslung im Speiseplan von Hecht & Co.

In guten Zeiten, so hat ein anderer Fischer an Land erzählt, zog ein Ammersee-Fischer mit einem Fang gut 100 Kilo an Land – das sind etwa 700 bis 800 Fische. Das letzte Mal war Ernst vor gut vier Wochen mit seinen Netzen draußen: Nylon, Maschengröße 32 Millimeter, 1000 Meter lang, vier Meter breit. Darin sollen sich die Renken mit ihren Kiemen verfangen. Tun sie aber nicht. Drei Renken waren das kümmerliche Ergebnis. „Es gibt keine Renken mehr“, sagt Ernst. Der andere Fischer nickt. Natürlich kommt schnell die Sprache auf den Kormoran, 2010 der „Vogel des Jahres“. „Das war Absicht“, sagt der Fischer. Im Mündungsgebiet der Ammer brüten die Kolonien, sie vertilgen 45 Tonnen Fisch pro Sommer. Bei den Behörden seien die Vogelkundler eine Macht. Schon macht unter Fischern das böse Wort von der „Vogel- Stasi“ die Runde, die sich mit ihren Beobachtungsstationen am Seeufer breit mache.

Zurück zu Ernst, dem Fischer. Auf der Rückfahrt drosselt er seinen Motor. Schleichfahrt, auf einem Pfosten sitzt ein Kormoran. Der Pfosten markiert eine Renken-Aufzuchtstation. Unter Wasser liegen vier Netzwürfel, mit je bis zu 50 000 Stück Fischbrut. Einen Zentimeter sind die Fischchen klein, freigelassen werden sie bei sechs Zentimetern Länge. An drei Stellen im Ammersee wird der Renken- Nachwuchs künstlich aufgepäppelt – die Würfel sind beleuchtet, das zieht Plankton an. Die Überlebensrate der Renken-Babys ist aber gering – mehr als 50 ausgewachsene Fische werden nicht übrig bleiben. „Ein Tropfen auf dem heißen Stein“, sagt Ernst.

Zehn Meter sind es noch bis zum Kormoran. Langsam streckt sich der schwere Vogel und entschwindet in der Ferne. Irgendwie doch ein majestätischer Anblick, oder Herr Ernst? Der nickt. In solchen Momenten sieht auch Bernhard Ernst den Vogel, nicht den Fischräuber.

Wussten Sie schon ...? Das kleine ABC zum Ammersee

Drittgrößter See in Bayern (nach Chiemsee und Starnberger See).

46,6 Quadratkilometer groß, maximal 87 Meter tief. Seebreite maximal fünf Kilometer.

Entstanden vor 15 000 Jahren am Ende der letzten Eiszeit (Würm-Eiszeit).

Der Ammersee verlandet langsam – etwa 20 000 Jahre wird es noch dauern, ehe er durch Gesteinsschutt der Hauptzuflüsse sowie biogene Ablagerungen verfüllt ist. Hauptabfluss ist die Amper. Ein kompletter Wasseraustausch dauert theoretisch 2,7 Jahre.

Ramsar-Konvention: See mit Ammer- und Ampermoos als „Feuchtgebiet von internationaler Bedeutung“ geschützt.

302 Vogelarten – zum Teil auf Durchzug – bisher nachgewiesen. Häufigste Brutvögel: Haubentaucher, Kormoran, Bläßhuhn, Lachmöwe, Feldschwirl, Sumpfrohrsänger, Teichrohrsänger.

29 Fischarten. Sehr selten: der Kilch. Der maximal zwölf Zentimeter große Ammersee-Kaulbarsch wurde 2010 als neue, nur im Ammersee beheimatete Art nachgewiesen.

Segeln und Surfen an markierten Plätzen erlaubt, ebenso Tauchen und Baden.

Polizeiboot in Dießen stationiert.

Die Tipps

Was tun am Ammersee? Hier einige Tipps:

Andechs: Klosterbrauerei; bei der Pilgerreise Stippvisite in die Rokoko-Klosterkirche nicht vergessen!

Gut Kerschlach bei Pähl: Biologische Landwirtschaft zum Anfassen (mit Reitanlage)

Herrschinger Bucht: Netter Spazierweg mit Einkehrmöglichkeiten; Abstecher zum Archäologischen Park (Grabstätten aus dem 7. Jahrhundert und Fundament einer frühchristlichen Adelskirche) lohnend.

Raisting: Erdfunkstelle aus dem Jahr 1963 mit charakteristischer Kuppel, Industriedenkmal heute außer Betrieb; Besichtigung derzeit nur von außen möglich.

Schifffahrt: Zahlreiche Anlegestellen für die fünf Schiffe „Herrsching“, „Augsburg“, „Dießen“, „Utting“ und „Schondorf“.

Utting: Labyrinth im Maisfeld „Ex Ornamentis“, in diesem Jahr zum Thema „40 Jahre Sendung mit der Maus“, geöffnet erstmals am 10.7., täglich dann aber 21.7.

Von Dirk Walter

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