Coronavirus - Impfung
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Die Impfbereitschaft in Bayern lässt offenbar nach.

„Von Herdenimmunität noch weit entfernt“

Große Flaute in den Corona-Impfzentren: Anmeldungen gehen stark zurück - Landkreise reagieren

  • Dominik Göttler
    VonDominik Göttler
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  • Dirk Walter
    Dirk Walter
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Lange war der Impfstoff knapp – jetzt könnte der Impfturbo endlich zünden. Doch in vielen Impfzentren geht die Nachfrage nach Terminen zurück. Die Landkreise reagieren mit Appellen und Sonderimpfaktionen.

München – Knapp die Hälfte aller Bürger in Stadt und Landkreis Rosenheim haben die erste Impfung bislang erhalten. „Von der Herdenimmunität sind wir noch weit entfernt“, warnen Oberbürgermeister Andreas März und Landrat Otto Lederer angesichts einer Impfquote* von 47,9 Prozent in einem gemeinsamen Appell. Den 12 000 verfügbaren Impfdosen im Rosenheimer Impfzentrum in dieser Woche standen nur 5000 Terminanfragen gegenüber. Lederer und März rufen deshalb die Bürger auf: „Nutzen Sie das zur Verfügung stehende Impfangebot!“

Corona-Impfung in Bayern: Söders Ziel - Bis zu den Sommerferien mindestens 70 Prozent der Bürger mit Erstimpfung

Stand Freitag waren in Bayern 37 Prozent der Gesamtbevölkerung vollständig geimpft, 52,6 Prozent einmal. Bayern liegt damit unter dem Bundesdurchschnitt, einzelne Bundesländer wie Nordrhein-Westfalen haben bei den vollständig Geimpften schon die 40-Prozent-Marke überstiegen. Die gesteckten Ziele der Politik sind hoch: Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte diese Woche, bis zum Beginn der Sommerferien Ende Juli sollten 70 Prozent der Menschen im Freistaat mindestens eine Corona-Impfung* erhalten, 50 Prozent bereits die Zweitimpfung.

Derzeit sind 61 Prozent der über 18-Jährigen mindestens einmal geimpft, gut 43 Prozent haben vollständigen Impfschutz. Die Zielmarke: Bis Ende September, sagte Söder, sollten 85 Prozent der über 18-Jährigen einen vollständigen Impfschutz haben. Ist das zu ehrgeizig? Einige Anzeichen deuten daraufhin. Nach Angaben des Bayerischen Hausärzteverbands haben viele Praxen im Laufe dieser Woche die Impf-Warteliste vollständig abgebaut. Der Verband ruft auf, sich jetzt zu melden. Verbandschef Dr. Markus Beier ist optimistisch.

Hausärzteverband: 70 Prozent sind impfwillig, 15 Prozent müssen überzeugt werden

Er geht davon aus, das 70 Prozent impfwillig sind, weitere 15 Prozent müssten überzeugt werden. Auf eine hohe Impfbereitschaft deuten Zahlen des Robert-Koch-Instituts, das dazu regelmäßig Umfragen in Auftrag gibt. Unter allen ungeimpften Personen gaben Anfang Juni 67 Prozent an, sich „auf jeden Fall“ bzw. „eher“ impfen zu lassen. Das RKI beziffert den Anteil impfbereiter bzw. bereits geimpfter Personen auf maximal 88 Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Impfkampagne in Bayern nehme „Fahrt auf“, sagt Beier. Deutschland habe bei den Erstimpfungen „bereits den einstigen Impfvorreiter USA überholt“.

Erstmals, so sagt der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, dürften die Praxen in der kommenden Woche mit 2,3 Millionen Dosendie Menge an Impfstoff geliefert bekommen, die sie tatsächlich bestellt haben. Mit dem Impfen könnte es also richtig losgehen. Jeder, der will, kann schnell drankommen.

Corona in Bayern: Impfflaute in den Impfzentren - Zögern die Menschen wegen der Sommerferien?

Doch wo sind die Impfwilligen? In Garmisch-Partenkirchen gab es zuletzt null Anmeldungen für Erstimpfungen im Impfzentrum für die kommende Woche. In Dachau sind die Wartelisten leer. Und auch in Ebersberg bleiben Hunderte Termine unbeansprucht. Stundenlang ist das Team von Impfzentrums-Chef Liam Klages damit beschäftigt, abends Nachrücker aufzutreiben.

Den ungeliebten Astrazeneca*-Impfstoff biete man gar nicht mehr an. „Jetzt haben wir den Impfstoff und werden ihn nicht los“, sagt Klages. Und mit Blick auf die Arztpraxen sagt Kristina Ott, ärztliche Corona-Koordinatorin im Kreis Garmisch-Partenkirchen: „Ich habe mit den Kollegen telefoniert. Die ersten Praxen haben nächste Woche überhaupt keine Erstimpfungen mehr.“

Der Rosenheimer Hausarzt Reinhard Kuppler vermutet, dass aktuell einige wegen der anstehenden Urlaubszeit mit der Impfung zögern – „weil sie fürchten, dass der Zweittermin mitten in die Ferienzeit fällt“. Möglicherweise breite sich aber auch eine Sorglosigkeit angesichts sinkender Inzidenzzahlen aus.

Corona-Impfungen: Regionen in Bayern setzen auf Sonderaktionen - „Müssen jetzt aktiv auf die Suche gehen“

Um ihren Impfstoff dennoch an den Mann oder an die Frau zu bringen, setzen einige Regionen auf Sonderaktionen. Im Landkreis Altötting können sich Menschen aus ganz Bayern mit Biontech und Moderna impfen lassen. „Wir sind jetzt in einem neuen Stadium der Impfkampagne“, sagt ein Sprecher des Altöttinger Landratsamtes. „Wir müssen jetzt aktiv auf die Suche gehen.“

Im Berchtesgadener Land, das mit einer Impfquote von 45 Prozent unter dem ohnehin bescheidenen bayernweiten Schnitt liegt, versucht bei einer Impfaktion junge Menschen im Alter von 12 bis 17 Jahren für eine Biontech-Impfung zu begeistern, weil die Nachfrage bei den Erwachsenen zurückgegangen ist. „Zumindest im Vorfeld hat sich eine hohe Nachfrage abgezeichnet“, sagt eine Sprecherin der Kreisbehörde. (mit cf/mw/tor/ja/lan)

Die neue Impf-Empfehlung der Stiko verbreitet Chaos in bayerischen Arztpraxen. Zwei Verbände machten nun ihrem Ärger mittels eines Briefes Luft. Übrigens: Die wichtigsten Geschichten aus dem Freistaat gibt‘s jetzt auch in unserem brandneuen, regelmäßigen Bayern-Newsletter.

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