Zurück in den Kosovo

Neuanfang in Deutschland: Ein bescheidener Traum

Mitrovica - Besim H. ist im Februar mit seiner Familie aus dem Kosovo geflüchtet, weil es in seiner Heimat keine Perspektiven gab. Nach zehn Monaten wurden die Anträge seiner Frau und der Kinder abgewiesen, Besim ist ihnen freiwillig gefolgt. Aber er hat seinen Traum von einem Neuanfang in Deutschland noch nicht aufgegeben.

Seit knapp drei Monaten ist Besim H. zurück im Kosovo. Und seitdem ist er kaum zur Ruhe gekommen. Er hat einen Deutsch-Kurs besucht – damit er die Sprache nicht verlernt. Er hat bei einem Familienarzt einen Monat lang ein Praktikum gemacht, um seine Kenntnisse als Krankenpfleger aufzufrischen. Unentgeltlich. Und er hat jede Menge Holz gehackt, denn die Heiz-Vorräte seiner Familie waren so gut wie aufgebraucht. „Ich bin froh, dass ich mich beschäftigen kann“, sagt er. „Das lenkt mich ab.“

Es lenkt ihn vom Warten ab. Besim H. wartet auf Nachricht von der Deutschen Botschaft in Pristina, der Hauptstadt des Kosovo. Und er wartet auf einen Termin, damit er endlich seinen Antrag auf ein Arbeitsvisum für Deutschland stellen kann. Damit er endlich zurückkehren kann. Besim H. wartet seit Wochen, es zermürbt ihn. „Das Schlimmste ist, dass nichts passiert“, sagt er. „Und dass ich nicht weiß, wie lange das noch so weitergeht.“ Es sind schwere Zeiten für Besim H. und seine Familie. Trotzdem hat er noch nie an seiner Entscheidung gezweifelt. Er sagt: „Es gibt für mich keine Alternative. Ich will nach Deutschland zurück.“

Es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass der 38-Jährige mit seiner Frau Lumturije und seinen beiden kleinen Kindern Anesa und Enes aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen ist. Die Familie wollte Armut, Korruption und Kriminalität hinter sich lassen. „Unser Traum war, ein normales Leben führen zu dürfen“, sagt H.. Doch der Traum ist zerplatzt. Nach Stationen in Nürnberg und München landete die Familie im Zentrum für Balkanflüchtlinge in Manching bei Ingolstadt. Wenig später wurden die Asylanträge von H.s Frau und seinen Kindern abgelehnt. Sie reisten zurück. Besims Antrag wurde separat behandelt, weil er während des Kosovo-Krieges schon einmal nach Deutschland geflüchtet war. Nach der Abschiebung seiner Familie entschloss er sich zwei Wochen später zur freiwilligen Ausreise. Mit dieser Entscheidung ist er kein Einzelfall – in den ersten zwei Monaten dieses Jahres verließen 2300 Asylsuchende Bayern freiwillig.

Familie H. hat in dem vergangenen Jahr hohe Schulden angehäuft. Allein für ihre Flucht haben sie den Schleusern 3000 Euro bezahlt. Das ist im Kosovo mehr als ein durchschnittliches Jahresgehalt. Finanzielle Rücklagen haben sie nicht mehr. Auch diese hat die Familie in ihren Traum gesteckt.

Zurzeit halten sich die H.s mit dem über Wasser, was Besims Brüder schicken können. Einer lebt in Belgien, ein anderer in Deutschland. „Das Geld reicht aus, um Lebensmittel zu kaufen“, sagt H.. „Ich bin sehr froh und dankbar, dass wir nicht hungern müssen.“ Ein wenig hilft es der Familie auch, dass sein Vater gerade eineinhalb Monatsgehälter ausbezahlt bekommen hat. Er arbeitet bei der Müllabfuhr – seit vielen Monaten ohne Lohn.

Gerne würde Besim H. wieder für seine Familie sorgen, so wie früher, bevor sie den Kosovo verließen. Aber er findet keine Arbeit. Weder in seinem gelernten Beruf als Krankenpfleger, noch in der Lebensmittelfirma, in der er zuletzt als Verkaufsleiter gearbeitet hat, noch irgendwo anders. „Ich würde alles machen“, sagt er. „Aber es gibt einfach keine Arbeit.“

Drei Wochen später gibt es endlich Neuigkeiten. Als H. nach Wochen des Wartens bei der Deutschen Botschaft nachfragt, wie es um seinen Termin bestellt sei, erfährt er, dass er den Vorgang der Terminvergabe beschleunigen könnte. Allerdings bräuchte er dafür eine Vorab-Zustimmung der Ausländerbehörde in München. Es ist eine weitere bürokratische Hürde, die der Kosovo-Albaner nehmen muss. Und es wird bestimmt nicht die letzte sein.

Die Voraussetzungen für ein Arbeitsvisum, wie H. es beantragen möchte, sind ohnehin hoch. In Frage kommen für ein solches Visum nach der neuen Beschäftigungsverordnung nur die Flüchtlinge aus den Westbalkan-Staaten, die nach dem 25. Oktober 2015 ausgereist sind, die in den vergangenen zwei Jahren keinerlei Leistungen als Asylbewerber erhalten haben und die einen unterschriebenen und aktuellen Arbeitsvertrag vorweisen können. Besim H. erfüllt diese Voraussetzungen, in München wartet ein privater Pflegedienst darauf, dass er nach Deutschland kommen darf. Alles hängt nun an der Vorab-Zustimmung. Sie kommt per Fax. Besim ist erleichtert. Endlich hat er den ersehnten Termin bekommen, auf den er so lange wartet. Nächste Woche darf er bei der Botschaft seinen Antrag stellen.

Vor einigen Tagen ist Besim 39 Jahre alt geworden. „Das ist nicht zu alt, um neu anzufangen“, sagt er. Gefeiert hat er mit seiner  Familie. Nach Mitrovica sind sie gefahren, für die Erwachsenen gab es eine Tasse Kaffee, für die Kinder ein Eis. Und zu Hause einen selbstgebackenen Kuchen. „Es war ein schöner Tag“, sagt H.. Am Abend hat er sich vor seinen Laptop gesetzt. Ein altes Ding, das ihm sein Bruder vermacht hat, ein paar Buchstaben fehlen auf der Tastatur. Besim hat sich im Internet einen deutschen Film angesehen. Um die Sprache nicht zu verlernen. Er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Die Hoffnung, dass sein bescheidener Traum wahr werden kann.

Beatrice Ossberger

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