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Flüchtlinge bei ihrer Ankunft am Bahnhof in Rosenheim.

Raus aus der Verzweiflung

5 Bayern, die Flüchtlingen auf ihre Art helfen

München - Unzählige Menschen in Bayern engagieren sich unermüdlich für Flüchtlinge. Weil sie helfen wollen. Und weil sie wissen, dass man schon mit kleinen Dingen Großes tun kann. Fünf Beispiele.

800.000 Flüchtlinge sollen bis Jahresende nach Deutschland kommen. 120.000 davon nach Bayern. Sie sind auf der Flucht vor Krieg und Verfolgung, oft traumatisiert und haben alles verloren – einige sogar ihre Familien. Ohne Hilfe kann ihnen der Start in ein neues Leben nicht gelingen. Die Solidarität ist groß – es gibt unzählige Menschen in Bayern, die sich selbstlos engagieren. Sie alle wissen: Manchmal können schon kleine Dinge eine riesengroße Hilfe sein. Einige Beispiele.

Flüchtlinge in Bayern und München: Die Sprachpatin

Heidi Goller war sich nicht sicher, ob eine Lehrerin in ihr steckt. Ob sie die deutschen Grammatikregeln gut erklären kann. Ob sie geduldig genug ist. Aber eines wusste sie sicher: Dass sie helfen will. Dass sie einen Beitrag leisten möchte, um Flüchtlingen hier in Bayern einen Neuanfang zu ermöglichen. Deshalb hat sie sich beim Helferkreis in Tutzing (Kreis Starnberg) als Sprachpatin gemeldet.

Ich bin, du bist, er ist... Heidi Goller ist Sprachpatin in Tutzing. Sie bringt Flüchtlingen Deutsch bei. Manchmal im Roncallihaus, manchmal auch bei sich zu Hause

Es war an einem Montag vor zwei Jahren, als sie das erste Mal mit einer Gruppe von Flüchtlingen an einem Tisch saß, um ihnen Deutsch beizubringen. Als Heidi Goller an diesem Tag nach Hause ging, wusste sie, dass man nicht Lehrer sein muss, um Sprachpatin zu werden. „Es reicht vollkommen aus, ein bisschen helfen zu wollen.“

Die 73-Jährige hilft nun seit zwei Jahren – und längst mehr als nur ein bisschen. Inzwischen gibt sie fast jeden Tag Deutschunterricht. Manchmal größeren Gruppen im Roncallihaus. Manchmal einzelnen Flüchtlingen abends bei sich zu Hause. „Oft schreiben wir auch zusammen Bewerbungen oder Lebensläufe“, erzählt sie. Die Flüchtlinge, denen sie damals vor zwei Jahren Deutsch beigebracht hat, haben inzwischen alle einen Job gefunden. Heidi Goller weiß das, weil sie mit jedem einzelnen in Kontakt geblieben ist.

Die 73-Jährige spricht vier Sprachen. Aber es gibt Flüchtlinge, die keine einzige davon verstehen, sagt sie. „Und das spielt überhaupt keine Rolle. Irgendwie haben wir’s bis jetzt immer hingekriegt.“ Heidi Goller hat in den vergangenen Jahren nicht nur gelehrt – sondern auch etwas gelernt. Sie sagt: „Dankbarkeit kann grenzenlos sein.“

Flüchtlinge in Bayern und München: Die Mitbewohnerin

Es war ein Zeitungsartikel, der Marianne Müller-Bchir nachdenklich gemacht hat. Ein Bericht über einen Asylhelfer, der sagte, er wolle den Menschen in Not hier in Bayern Türen öffnen. Der Artikel lag lange auf dem Schreibtisch der 65-jährigen Garmisch-Partenkirchnerin. Solange, bis sie selbst Asylhelferin wurde.

„Es hat mit Deutschuntericht angefangen“, erzählt sie. So hat sie Mahbub kennengelernt. Der 24-Jährige aus Afghanistan musste seine Frau hochschwanger in seiner Heimat zurücklassen. Das war vor vier Jahren. Seine kleine Tochter hat er noch nie gesehen. Trotzdem ist er nicht mehr allein. Er hat mehr als eine Sprachpatin gefunden. Eine Freundin – und eine Mitbewohnerin.

Als er Marianne Müller-Bchir erzählte, wie laut und eng es in der Flüchtlingsunterkunft ist, bot sie ihm einen Platz in ihrer Wohnung an. Das ging, weil Mahbubs Asylverfahren abgeschlossen ist. Er ist momentan geduldet. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, weil er bei der Befragung falsche Angaben gemacht hatte. „Das lag aber nur daran, dass er die Fragen nicht richtig verstanden hat“, sagt Marianne Müller-Bchir. Mahbub will einen Asylfolgeantrag stellen. Bis dahin wohnt er erstmal bei der 65-Jährigen.

Viel Platz hat sie nicht in ihrer Dachgeschosswohnung. „Aber wir arrangieren uns gut“, erzählt sie. Sie hat die Entscheidung nicht bereut. Im Gegenteil. Mahbub hilft der Rentnerin, wo er nur kann. Ab November will er ihr auch eine kleine Miete zahlen – er hat inzwischen einen Mini-Job gefunden. Aber um Miete ist es Marianne Müller-Bchir nie gegangen. „Mahbub ist eine Bereicherung für meinen Alltag“, erzählt sie. Nicht nur wegen des afghanischen Essens, das er gelegentlich für sie kocht. „Es ist eine wunderschöne Sache, einem Menschen eine neue Heimat zu geben."

Flüchtlinge in Bayern und München: Die Schwimmlehrerin

Roswitha Reiser hat diesen Sommer mehr Stunden im Freibad verbracht, als jeden anderen Sommer. Das lag nicht nur an dem Traumwetter. Sie hat in Mammendorf (Kreis Fürstenfeldbruck) ehrenamtlich Flüchtlingen das Schwimmen beigebracht. „Es kann doch nicht sein, dass sie die Höllenfahrt über das Mittelmeer überleben und dann bei uns qualvoll ertrinken“, sagt sie.

Sicher im Wasser: Roswitha Reiser (Mitte) hat diesen Sommer den Flüchtlingen in Mammendorf schwimmen beigebracht

Für die Kurse hat Roswitha Reiser viele Sachspenden aus ihrem privaten Umfeld bekommen: Duschgel, Badetücher, eine Firma spendierte sogar Badehosen für die Flüchtlinge. Die Mammendorferin hat viel gelacht diesen Sommer – die Kurse haben Spaß gemacht. Und sie hat viele Lebensgeschichten gehört. Es sind Schicksale, die nachdenklich machen. Die das Helfen leicht machen.

Flüchtlinge in Bayern und München: Der Fahrrad-Reparierer

Georg Off wird nie fertig. Liegt an der großen Nachfrage – und daran, dass er eigentlich auch gar nicht mehr aufhören könnte. Was er jeden Tag in seiner kleinen Werkstatt treibt, ist längst mehr als ein Hobby. Es ist eine Herzensangelegenheit.

Der Meister aller Räder: Georg Off setzt für Flüchtlinge alte Fahrräder instand – für ihn eine Herzenssache

Off ist 66, pensionierter Polizist und passionierter Fahrrad-Reparierer. Als er vor zwei Jahren damit begann, für die Flüchtlinge in Weilheim Fahrräder verkehrssicher zu machen, dachte er an ein paar dutzend. Höchstens. Inzwischen sind es mindestens 200 Räder, die er instand gesetzt hat. Alle Fahrradspenden aus Weilheim und Umgebung landen früher oder später vor seinem Haus. Off repariert Bremsen, Reifen, baut Lichter an. Und er erklärt die Verkehrsregeln. Rechts vor Links – das haben die meisten der Flüchtlinge in Weilheim von ihm gelernt. „Dafür muss man kein Englisch sprechen“, sagt er. „Die Verständigung funktioniert einfacher als man denkt.“

Vor zwei Jahren hatte er vielleicht noch mit etwas mehr Ruhe in seinem Ruhestand gerechnet. Heute sagt er: Die Bekanntschaften, die er gemacht hat, würde er gegen nichts eintauschen. „Es sind kleine Freundschaften entstanden“, sagt er und lächelt. Wenn er durch den Ort spaziert, wird er überall gegrüßt – von den neuen Besitzern der alten Räder, die er instand gesetzt hat. „Ein schönes Gefühl“, sagt er. Selbst dann, wenn er beobachtet, dass gerade eine Verkehrsregel gebrochen wurde. Dann muss sie halt nochmal schnell erklärt werden, sagt er. „Dafür bin ich ja schließlich da."

Flüchtlinge in Bayern und München: Der Ausbilder

Für Heinz Winkler ist die Sache ganz einfach: „Wer nach einer Chance sucht, hat eine Chance verdient.“ Neulich hatte er eine Chance zu vergeben – eine Ausbildungsstelle in seiner Küche im Zwei-Sterne-Restaurant „Residenz“ in Aschau am Chiemsee. „Ich wusste, dass in den vergangenen Monaten viele junge Flüchtlinge zu uns nach Aschau gekommen sind“, erzählt er. Also hat Winkler beim Landratsamt angerufen und dort von der freien Stelle erzählt. So lernte er Hagie kennen. Der 30-Jährige ist aus Sierra Leone geflüchtet. Seine Mutter hat er im Krieg verloren, er selbst hat einen Angriff nur knapp überlebt. Als er Heinz Winkler das erste Mal traf, sagte er in fast perfektem Deutsch: „Ich will etwas aus meinem Leben machen.“ Mehr Worte waren nicht nötig.

Der neue im Team: Sternekoch Heinz Winkler bildet Hagie in seiner Küche aus

Seit 1. Juli arbeitet Hagie im Koch-Team der Residenz. Er schält Kartoffeln, schneidet Gemüse – lernt alles, was ein Koch können muss. „Es funktioniert super“, sagt Winkler. „Hagie passt perfekt zu uns – alle im Team lieben ihn.“ Dem Sterne-Koch macht es Freude, dabei zu zusehen, wie der 30-jährige Asylbewerber sich voller Tatendrang ein neues Leben aufbaut. Winkler sagt: „Manchmal braucht es dazu nicht mehr als eine Chance."

Katrin Woitsch

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