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Tausende Menschen drängten im Sommer jeden Tag von Salzburg nach Freilassing. Die Bundespolizei musste den Zustrom stoppen und die Flüchtlinge in kleinen Gruppen über die Grenze bringen.

"Das Engagement ist großartig"

Flüchtlinge: Freilassings Bürgermeister zieht im Merkur-Interview Bilanz

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Freilassing - Im Sommer kamen tausende Flüchtlinge pro Tag über die österreichische Grenze in die Gemeinde Freilassing. Im Merkur-Interview zieht Bürgermeister Josef Flatscher (CSU) Bilanz.

Freilassings Bürgermeister Josef Flatscher (CSU).

Seit einigen Wochen hat sich die Situation in Freilassing etwas entspannt. Die Helfer brauchen diese Verschnaufpause dringend, sagt Bürgermeister Josef Flatscher (CSU). Doch wirklich zur Ruhe kommen sie auch jetzt noch nicht. Außerdem machen der Gemeinde die Grenzkontrollen zu schaffen. Flatscher macht sich Sorgen, dass den Helfern im kommenden Jahr die Kraft ausgeht. Deshalb hat er einen Brief an die Kanzlerin nach Berlin geschickt – mit einem konkreten Vorschlag.

Die Bilder von den vielen Flüchtlingen, die zu Fuß über die Grenze gekommen sind, haben sich eingeprägt. Wie haben Sie als Bürgermeister in der Grenzregion das vergangene Jahr erlebt?

Flatscher: Wir sind es seit 1998 gewohnt, dass wir ohne Grenzen leben. Und auf einmal gibt es wieder Grenzen und Kontrollen. Natürlich ist es wichtig, zu wissen, wer in unser Land kommt. Aber auf eine Kleinstadt wie Freilassing haben die wiedereingeführten Grenzkontrollen große Auswirkungen. In unserer Region leben sowohl der Einzelhandel als auch die Gastronomie von den Besuchern und Touristen aus der österreichischen Nachbarstadt und dem Land Salzburg. Die Umsatzrückgänge durch die fehlenden österreichischen Besucher sind erheblich – und das macht vielen Unternehmern wie Mitarbeitern Angst. Wir brauchen dringend eine Perspektive wie es weitergeht.

Wie sehr hat sich die Situation in Freilassing in den vergangenen Wochen entspannt?

Flatscher: Es kommen weniger Flüchtlinge bei uns an – aber es sind noch immer etwa 50 Menschen pro Stunde. Also 1200 am Tag. Zweimal täglich werden sie mit Zügen auf das Bundesgebiet verteilt. Aber die Notquartiere sind noch immer voll. Entspannter ist die Situation natürlich, weil die wichtigsten Züge Richtung Österreich und München seit Mitte Dezember wieder ohne Einschränkungen fahren. Aber die Grenzkontrollen machen uns noch immer zu schaffen. Vergangenes Jahr ist auf der österreichischen Seite die Bundesstraße umgebaut worden – damals waren die Staus an der Grenze mindestens genauso lang. Aber die Touristen sind gekommen. Die Grenzkontrollen schrecken viel stärker ab.

Die Flüchtlingszahlen sind durch den Winter leicht zurückgegangen. Das bedeutet aber nur eine Verschnaufpause. Wie lange kann Freilassing noch so weitermachen?

Flatscher: Es gibt für uns keine Alternative als so weiterzumachen. Wenn die Menschen bei uns ankommen, müssen wir ihnen schließlich helfen. Aus Menschlichkeit. Langfristig müssen wir die Situation in ihren Herkunftsländern verändern. Sonst werden die Flüchtlingsströme nicht abreißen. Aber als Bürgermeister bin ich natürlich auch für die Menschen in meiner Gemeinde verantwortlich. Ich muss ihre Ängste ernst nehmen.

Der Freilassinger Stadtrat hat im Oktober geschlossen einen Brandbrief an die Kanzlerin unterzeichnet. Sie waren bei dem ersten Treffen der kommunalen Spitzenvertreter im Kanzleramt dabei. Hatten Sie sich mehr von Angela Merkel erhofft?

Flatscher: Der Brief ging auch an Bundesinnenminister Thomas de Maizière, an seinen bayerischen Kollegen Joachim Herrmann und an unseren Stimmkreisabgeordneter Peter Ramsauer. Ich habe viele Antworten darauf bekommen – und ich habe das Gefühl, man weiß, was unsere Ehrenamtlichen hier leisten. Trotzdem erwarte ich mehr von der Kanzlerin. Natürlich muss sie sagen, dass wir es schaffen. Aber auch wie. Wir brauchen eine Perspektive. Sie müsste sich die Situation vor Ort einfach selbst einmal ansehen und mit den Menschen in unserer Region sprechen. Auf meinen Vorschlag an die Kanzlerin, die Erstregistrierung der Flüchtlinge bereits in Österreich vorzunehmen, habe ich bisher keine zustimmende Antwort erhalten. Gäbe es für die Flüchtlinge in Österreich eine Erstregistrierung, könnten sie sofort mit der Bahn weiter auf das deutsche Bundesgebiet verteilt werden. Ein Aufenthalt in Freilassing wäre damit nicht nötig. Es würde sowohl für Freilassing, als auch für die Flüchtlinge eine unglaubliche Erleichterung bedeuten.

Sind Sie noch regelmäßig an der Grenze bei den Helfern?

Flatscher: Zwei bis dreimal pro Woche. Es ist mir wichtig, mit den Ehrenamtlichen, den Hilfsorganisationen, den Ärzten und natürlich mit den Beamten der Bundespolizei in engem Kontakt zu sein. Das Engagement ist noch immer großartig, Freilassing meistert die Flüchtlingskrise par excellence. Und ich glaube nicht, dass die Stimmung bei den Ehrenamtlichen kippt, wenn wieder mehr Flüchtlinge bei uns ankommen. Sie helfen gerne – aber sie brauchen eine Perspektive. Sie stemmen das alles neben Arbeit und Familie. Irgendwann muss einfach wieder Normalität einkehren.

Dieses Versprechen können Sie Ihren Bürgern im Moment nicht geben.

Flatscher: Das stimmt.

Sind Sie in engem Kontakt zu den Bürgermeistern der anderen Städte und Gemeinden in der Grenzregion?

Flatscher: Ja, wir sprechen regelmäßig. Aber ich glaube, im Moment brauchen wir alle eine kleine Verschnaufpause. Ich habe mich noch nie so auf die Feiertage und die Zeit mit meiner Familie gefreut wie in diesem Jahr. Wir müssen die ruhigen Tage zur Jahreswende jetzt alle nutzen, um neue Energie zu tanken. Wir stehen im nächsten Jahr vor so vielen neuen Herausforderungen. Zum Beispiel müssen wir Wohnraum schaffen. Das wird uns intensiv fordern und viel Energie kosten.

Wie besorgt blicken Sie ins nächste Jahr?

Flatscher: Meine größte Sorge ist, dass uns die Kraft ausgeht. Den Ehrenamtlichen, der Bundespolizei, den Menschen, die in der Verwaltung arbeiten. Wir können diese Krise nur gemeinsam meistern. Aber wir stehen vor Aufgaben, die viele von uns sehr viel Energie kosten werden. Vielleicht müssen wir die ruhigen Tagen jetzt auch nutzen, um uns bewusst zu machen, wie dankbar wir sein müssen, dass wir seit 70 Jahren in Frieden leben. Dafür können wir nicht genug tun.

Interview: Katrin Woitsch

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