Merkur-Interview

Hilferuf der Volkshochschulen: „Wir arbeiten im Krisenmodus“

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München – Nur anerkannte Asylbewerber bekommen den Deutschunterricht gefördert. Damit die Flüchtlinge so schnell wie möglich auf eigenen Beinen stehen können, organisieren die Volkshochschulen schon während des laufenden Verfahrens Sprachkurse. Der Vorsitzende des Volkshochschulverbandes im Interview:

Doch auch sie sind angesichts der hohen Flüchtlingszahlen überlastet – seit Monaten. Klaus Meisel, der Vorsitzende des bayerischen Volkshochschul-Verbandes, fordert mehr Unterstützung vom Staat.

Die Volkshochschulen kümmern sich maßgeblich um den Deutschunterricht der Asylbewerber. Wie überlastet sind sie?

Wir fahren – wie viele andere Einrichtungen – derzeit im Krisenmodus. Vergangenes Jahr haben 115 000 Teilnehmer an 8000 Deutschkursen in Bayern teilgenommen – wohlgemerkt für alle Zuwanderer. Dazu zählen auch Alphabetisierungs- oder berufsvorbereitende Sprachkurse. Wir bereiten auch unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf Schulabschlüsse vor. Auf unserem Angebot können wir aufbauen – aber wir können nicht mehr bedarfsgerecht arbeiten. Trotzdem muss ich sagen: Ich bin stolz darauf, was meine Kollegen seit Monaten leisten.

Die Flüchtlingszahlen steigen enorm – wie haben Sie darauf reagiert?

Wir haben an etwa 100 Standorten in Bayern eine zusätzliche sprachliche Erstorientierung für Flüchtlinge angeboten. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fördert nur den Deutschunterricht für bereits anerkannte Flüchtlinge. Im Gespräch ist aber eine Ausweitung auf Flüchtlinge, die eine Bleibeberechtigung in Aussicht haben. Das könnte Anfang nächsten Jahres umgesetzt werden. Außerdem versuchen wir, vor Ort Klassen anzubieten – meist direkt in den Flüchtlingsunterkünften.

Wie finanzieren Sie das?

Wir beteiligen uns an Projekten und Programmen. Die Kollegen versuchen vor Ort, den Unterricht mit Hilfe von Zuschüssen von Seiten der Kommunen oder Landkreise zu ermöglichen. Dazu kommen Spenden, Sponsorengelder, oft sogar Eigenmittel.

Sind Sie schon an der Grenze des Machbaren angekommen?

Ich würde mir nie erlauben zu sagen: Mehr geht nicht. Der Bedarf ist ungeheuer groß. Wenn wir eine Unterkunft besuchen, ist die Nachfrage da. Alle Asylbewerber sind sehr motiviert in den Kursen. Sie wollen ihr Leben so schnell wie möglich eigenständig bewältigen. Unsere Dozenten staunen oft, wie schnell sie lernen.

Wie wichtig ist es, mit den Deutschkursen so früh wie möglich zu beginnen?

Wenn wir davon ausgehen, dass sehr viele Asylbewerber eine Aufenthaltsgenehmigung bekommen, ist es enorm wichtig, dass sie sich so schnell wie möglich in die Gesellschaft und die Arbeitswelt einfügen können. Das geht nur, wenn sie unsere Sprache sprechen. Diese Grundlage wollen wir allen möglichst schnell vermitteln.

Einige Einrichtungen sind derzeit am Anschlag, arbeiten aber trotzdem mit hohem Engagement.

Was fordern Sie?

Wir brauchen mehr Unterstützung, mehr finanzielle Förderung, nicht nur was die Sprachprogramme angeht, auch strukturell sind wir unterfinanziert. Wir arbeiten viel mit freiberuflichen Dozenten, für die Organisation und Verwaltungsarbeit brauchen wir aber hauptberufliches Personal. Und dazu eine bessere Grundförderung. Im bundesweiten Vergleich ist die Unterstützung vom Freistaat unterdurchschnittlich. Auch wenn sich jetzt gerade viel um die Unterbringung der Flüchtlinge dreht: Wir können es uns nicht leisten, die Integrationsarbeit zu vernachlässigen.

Vor zwei Jahren haben Sozialministerium und Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ein Modellprojekt gestartet. An 40 Standorten in Bayern wurden Deutschkurse für Flüchtlinge finanziert. Gibt es schon Pläne, das auszuweiten?

Wir verhandeln mit dem Ministerium seit längerer Zeit, um das Modellprojekt zu erweitern. Denn momentan können dadurch nur ausgewählte Lernorte abgedeckt werden.

Sind Sie optimistisch, dass sich etwas tut?

Ich denke schon, dass die politischen Entscheidungsträger sehen, dass einiges passieren muss, um all die Menschen zu integrieren. Nicht nur in Schulen und Kindergärten. Die meisten Flüchtlinge sind Erwachsene. Die Volkshochschulen werden auch weiterhin ihren Beitrag dazu leisten. Aber wir brauchen dafür eine ausreichende Förderung.

Bekommen Sie Anfragen von Bürgern, die die Volkshochschulen beim Unterricht für Flüchtlinge unterstützen wollen?

Ja, das passiert tatsächlich. Und einiges würde ohne dieses Engagement nicht mehr gehen. Wir lassen viele Kurse von Ehrenamtlichen begleiten, beispielsweise als Dialogpartner für die Asylbewerber. Der Unterricht muss aber von kompetentem und qualifizierten Personal durchgeführt werden, das angemessen zu honorieren ist.

Interview: Katrin Woitsch

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