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„Wir nehmen mehr auf, als im Papst-Appell gefordert“: Generalvikar Peter Beer (49) im Gespräch mit unseren Redakteuren Georg Anastasiadis (M.) und Dirk Walter (re.). 

Merkur-Interview mit Generalvikar

Kirche: Darum nehmen wir Miete für Flüchtlings-Unterbringung

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München - Generalvikar Peter Beer ist Behördenchef des Erzbischöflichen Ordinariats München und Freising. Im Merkur-Interview erklärt er, warum die Kirche von den Kommunen Miete für Flüchtlingsunterkünfte erhebt.

Dass die katholische Kirche für die meisten kirchlichen Flüchtlingsunterkünfte Miete erhebt, erstaunt viele. Wie rechtfertigen Sie dies?

Die Wohnungen und Häuser sind in Besitz der kirchlichen Stiftungen in den Pfarreien vor Ort. Die Stiftungen aber haben die Aufgabe, die Pfarreien finanziell mitzutragen – und sie müssen sicherstellen, dass auch zukünftig Geld für kirchliches Handeln da ist. Daher können sie nicht so einfach kostenlos Wohnungen und Häuser für Flüchtlinge bereitstellen. Es entstehen schließlich auch Instandhaltungs- und Betriebskosten. Erhalten wir diese nicht ersetzt, dann müssen wir die Verluste ausgleichen und woanders Mittel streichen.

Ist das nicht möglich?

Diese Überlegung gibt es natürlich. Aber auch wir haben nur ein gewisses Haushaltsvolumen, mit dem wir unser Wirken in den zahlreichen Feldern kirchlichen Handelns finanzieren müssen. Klar ist, dass wir nicht Gewinner der Situation sein wollen. Die Mieteinnahmen sollen nicht dazu führen, dass wir ein Plus an Einnahmen für uns selbst haben. Das wäre unmoralisch, darum kann es nicht gehen.

Sie nehmen also nicht die ortsübliche Miete?

Die Miete wurde in den vergangenen Monaten, als mehr und mehr Flüchtlinge eintrafen, vor Ort ausgehandelt. Das Ordinariat selbst verlangt auch für manche großen Objekte, etwa dem ehemaligen Studentenwohnheim Johanneskolleg in München-Schwabing mit 120 Plätzen, keine Miete, nur die Betriebskosten. Wir haben nun aber eine Aufstellung aus den einzelnen Pfarreien abgerufen, da zeigt sich ein sehr vielfältiges Bild: Im Schnitt sind wir 30 Prozent unter der ortsüblichen Miete. Manche Pfarreien verlangen gar keine Miete, andere haben eine überdurchschnittliche Miete vereinbart.

Wie reagieren Sie nun?

Die Altverträge sollen bestehen bleiben. Künftig aber soll für die Pfarreien bei der Vermietung von Häusern und Wohnungen an die staatlichen Stellen die einheitliche Formel „ortsübliche Miete minus zehn Prozent“ gelten. Das lässt sich in Blick auf den Erhalt des Stiftungsvermögens verantworten. Davon ziehen wir dann die Instandhaltungskosten ab. Der Rest aber, der übrig bleiben wird – und das wird etwa die Hälfte der Einnahmen sein –, der geht dann direkt in die Flüchtlingsarbeit in den Pfarreien vor Ort.

Das soll eine Art Richtschnur sein?

Wir haben eine Verwaltungsanordnung formuliert, die ab sofort gilt. Sie ist als Orientierungshilfe für die Pfarreien gedacht. Damit wird unsere Grundhaltung klar, dass wir den Menschen in Not helfen und nicht etwa Gewinn für uns selbst aus der Flüchtlingssituation ziehen wollen.

Was tut die katholische Kirche für die Flüchtlinge in Bayern?

Wir wenden uns den Menschen in Not zu. Nur zwei Beispiele: In einem Haus der Caritas im Münchner Stadtteil Fasanerie bringen wir 47 traumatisierte Jugendliche in betreuten Wohngruppen unter, geben ihnen Deutschkurse und vermitteln ihnen eine Berufsausbildung. Im Westpark werden drei junge Nigerianer in einem kirchlichen Betrieb zu Schreinern ausgebildet. Unser Kernanliegen ist Beratung und Integration. Darauf wollen wir uns noch stärker konzentrieren. Für unsere kirchlichen Schulen werden wir überlegen, was dort an Sprachkursen möglich ist. Die katholische Kirche berät und begleitet Flüchtlinge. Die Caritas übernimmt einen großen Teil der Asylsozialberatung in ganz Bayern. Der Eigenanteil der Kirche für die Finanzierung unserer 300 Sozialpädagogen in Gemeinschaftsunterkünften und dezentralen Einrichtungen liegt 2015 bei rund fünf Millionen Euro. Die katholische Jugendfürsorge der Erzdiözese wie auch das Katholische Jugendsozialwerk München übernehmen Vormundschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Manche Leser schreiben uns und fragen: Warum bietet die Kirche überhaupt muslimischen Flüchtlingen Unterkünfte an. Was antworten Sie?

Weil es Mitmenschen sind, weil es unsere Nächsten sind, für die wir Sorge tragen müssen. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter regt ja genau dazu an, auch Menschen anderer Religionen zu helfen.

Beide Kirchen, die evangelische fast noch mehr, stehen für eine relativ unbegrenzte Willkommenskultur und Aufnahme von Flüchtlingen. Sind hier nicht hohe Erwartungen geweckt worden, an denen Sie sich jetzt messen lassen müssen?

Wir werden entsprechend der aktuellen Entwicklung immer wieder prüfen müssen, wie wir Mittel konzentrieren können, und wie wir zugunsten der Flüchtlinge neue Schwerpunkte bilden. Kardinal Marx hat kürzlich aber auch gegenüber Ihrer Zeitung gesagt: Es werden nicht alle zu uns kommen können. Wer aber da ist, muss menschenwürdig behandelt werden – und wir müssen mit allen Kräften die Aufgabe annehmen, die Menschen zu integrieren und sie in Arbeit zu bringen. Zu einer gelingenden Integration gehört aber auch, dass wir mögliche Probleme, die durch den Zuzug von Flüchtlingen entstehen können, offen ansprechen und bedenken.

Papst Franziskus hat Anfang September dazu aufgefordert, jede Pfarrgemeinde solle eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen. Wie ist der Stand im Erzbistum?

Wir nehmen sogar mehr auf, als in diesem Appell gefordert wurde. Derzeit sind es etwa 1200 Plätze, und es werden immer mehr. Natürlich kann nicht in jedes Pfarrhaus eine syrische Familie einziehen, es muss auch vor Ort praktikabel sein – zudem signalisieren uns die staatlichen Stellen, dass in vielen Fällen eine gemeinschaftliche Unterbringung sinnvoll ist. Das Papstwort ist uns eine wichtige Anregung und ein großer Appell. Wir müssen uns nur anhand der konkreten Gegebenheiten vor Ort ansehen, wie wir das realisieren können.

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