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Zu wenig Lebensmittel für alle: Bayerns Tafeln stehen vor einer Herausforderung. Seit die Essenspakete für Asylbewerber abgeschafft sind, können sie kaum noch alle Bedürftigen mit Lebensmittelspenden versorgen.

Rivalität der Bedürftigen

Flüchtlingsansturm auf Tafeln in Bayern

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München - In vielen Landkreisen stehen die Tafeln vor einer Herausforderung: Seit die Essenpakete für Asylbewerber durch einen Geldbetrag ersetzt wurden, ist der Andrang riesengroß – und die Stimmung unter den Bedürftigen angespannt.

In Geretsried haben sie einiges ausprobiert, um die Situation zu meistern. Um niemanden abweisen zu müssen und um zu verhindern, dass die Stimmung im Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen kippt. Als vor anderthalb Jahren die Essenspakete für Asylbewerber gegen einen monatlichen Geldbetrag ersetzt wurden und immer mehr Flüchtlinge zur Tafel kamen, haben Peter Grooten und sein Team damit begonnen, 50 Cent pro Einkauf zu verlangen – um zusätzlich zu den Spenden Lebensmittel einzukaufen und alle Bedürftigen zu versorgen. Denn die Essensspenden der Supermärkte und Privatpersonen reichten nicht mehr aus.

Damals gab’s einen Rüffel vom Bundesverband der Deutschen Tafeln. Die Idee lasse sich nicht mit dem Grundsatz der Tafeln vereinbaren: Überschüssige Lebensmittel sollen nicht weggeschmissen, sondern an Bedürftige verteilt werden. Ein Zukauf von Nahrungsmitteln sei nicht erwünscht. Damals hat Grooten viel diskutiert. „Die Zeiten haben sich einfach geändert“, argumentierte er. Heute weiß er: Das damals war erst der Anfang.

Geretsried: Ein Drittel der Tafel-Kunden sind Flüchtlinge

Inzwischen sind ein Drittel der Tafel-Kunden in Geretsried Flüchtlinge, die auf die Anerkennung warten. Und wenn Grooten hört, mit welchen Prognosen der Landkreis bis Jahresende kalkuliert, bekommt er Bauchschmerzen. Wie sollen die gespendeten Lebensmittel weiterhin fair verteilt werden? Eine Weile lang haben sie die Asylbewerber direkt in den Unterkünften beliefert. Um zu vermeiden, dass Neid aufkommt. Die Idee kam ihm, nachdem er einen Mann gebeten hatte, eine Wurst zu nehmen und den Käse einem Asylbewerber zu überlassen, der kein Schweinefleisch essen durfte. Der Mann fragte ihn damals, ob er nun für seinen christlichen Glauben bestraft werde. „Die Stimmung hat sich inzwischen wieder gebessert“, sagt Grooten. Seit einigen Monaten kommen immer mehr Spenden auch von Privatleuten, die von dem Andrang bei den Tafeln erfahren haben. Und trotzdem reichen die Lebensmittelspenden nicht für alle Bedürftigen.

Flüchtlinge bekommen weniger als Hartz IV

Bezugsberechtigt sind nicht nur Hartz IV-Empfänger oder ältere Menschen mit geringer Rente. Ein alleinstehender Asylbewerber, der in einer Gemeinschaftsunterkunft lebt, erhält monatlich 216 Euro für Lebensmittel, Kleidung und Hygieneartikel und zusätzlich 143 Euro Taschengeld. Damit bekommt er weniger als ein alleinstehender Hartz IV-Empfänger – der Regelsatz liegt bei 399 Euro. Wer einen Nachweis von Sozialamt, ARGE oder Ausländerbehörde vorlegen kann, gilt als bedürftig und bekommt einen Ausweis für die Tafel. Vor fünf Jahren waren das bundesweit 800 000 Menschen, berichtet Reiner Haupka, der Landesvertreter der Tafel für Bayern. „Inzwischen sind es 1,7 Millionen – allein in Bayern knapp 200 000.“ Die Tafeln seien unheimlich kreativ, um alle zu versorgen. „Aber sie sind im letzten halben Jahr förmlich überrollt worden.“

Dachau: Keine Berechtigungsscheine für Asylbewerber

Die Dachauer Tafel hat sich schon vorher klar dagegen entschieden, Asylbewerbern Berechtigungsscheine für Lebensmittel auszugeben. „Die Essenspakete sind abgeschafft worden, damit die Asylbewerber auf ein Leben außerhalb der Unterkunft vorbereitet werden“, sagt Bernhard Seidenath, CSU-Landtagsabgeordneter und BRK-Vorsitzender in Dachau. Sie müssten lernen, sich ihr Geld einzuteilen – dieser Effekt werde aber konterkariert, wenn sie ihre Lebensmittel bei den Tafeln abholen.

Weilheim: "Das ist Teil der Willkommenskultur"

Die Ehrenamtlichen der Weilheimer Tafel sehen das anders. Es sei Teil der Willkommenskultur, auch bedürftige Asylbewerber zu unterstützen, sagt Eva-Maria Muche. „Wir wollen da keinen Unterschied machen.“ Doch vor einigen Wochen mussten die Weilheimer eine Warteliste für Neubewerber einführen. Es ging nicht mehr anders. Manchmal warteten schon drei Stunden vor der Ausgabe Menschen vor der Tür.

„Der Ansturm hat uns alle überrascht“, sagt Reiner Haupka. Er ist Realist genug um zu wissen, dass sich die Situation noch verschärfen wird, wenn die Zahlen weiter steigen. Peter Grooten aus Geretsried hofft, dass es bis dahin mehr Unterstützung von der Politik geben wird. „Die einzige Lösung wäre, alle Bedürftigen so auszustatten, dass sie sich selbst versorgen können“, sagt er. „Unser Ziel muss sein, dass die Tafeln überflüssig werden."

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