Flüchtlingskrise im Raum Passau 

Ein Besuch an der Grenze zu Österreich

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Achleiten/Wegscheid – Der Flüchtlingsstrom an der Grenze zu Österreich ebbt nicht ab. Helfer und Verantwortliche hangeln sich von Bus zu Bus und von Tag zu Tag. Die Ratlosigkeit und Verzweiflung wächst.

Das Gasthaus „Zur Freiheit“ hat geschlossen. Keine 20 Meter von dort, wo die Gäste normalerweise Leberknödelsuppe löffeln, steigen 32 Flüchtlinge in einen blauen Bus der Bundespolizei. In Linienbusse würden mehr Menschen passen, aber davon gibt es nicht genug. „Also nehmen wir unseren“, sagt ein Beamter. Die Frauen, Männer und Kinder drängeln in das Fahrzeug. Die Flüchtlinge sind endlich angekommen: in Deutschland, in Freiheit.

Die Polizei lotst die Busse vom Grenzübergang Achleiten zu Notunterkünften in ganz Passau. Seit dem Wochenende zigmal am Tag, so oft sie können. Der Zustrom an Flüchtlingen am südlichen Donauufer ebbt nicht ab, im Gegenteil. Während auf bayrischer Seite ein Bus wegfährt, kommen auf österreichischer Seite zwei Busse an. Auf einem Fahrzeug steht der Spruch „We travel the world“, wir reisen um die Welt. Auf dem anderen: „Bsonderne Leit“. Als würden die Aufschriften die Situation kommentieren. Die Flüchtlinge steigen hektisch aus, dann drehen die Busse sofort ab. Die Menschen stehen im Freien. Gerade ist das kein Problem, es ist kurz vor 13 Uhr, die Sonne scheint. Aber abends und nachts, da frieren alle. Kinder kauern in der Nacht sogar in Pappkartons, um sich vor der Kälte zu schützen. Männer machen Lagerfeuer.

Die Situation hat sich seit dem Wochenende zugespitzt

Seit dem Wochenende hat sich die Situation an den Grenzpunkten zwischen Bayern und Österreich zugespitzt. Allein am Mittwoch kamen laut Bundespolizei 6500 Personen an, am Donnerstag fast genauso viele. 1500 Flüchtlinge übernachteten in der Dreiländerhalle in Passau, 1000 in den Paul-Hallen. Die Quartiere werden vormittags geräumt, um für Neuankömmlinge Platz zu schaffen.

In der Öffentlichkeit steht längst fest, dass Österreich die derzeitigen Probleme mit verursacht. „Weil sie Asylbewerber unkontrolliert an die deutsche Grenze fahren“, sagt ein Passant. Die Verantwortlichen und Helfer stoßen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen. Wie lange können sie den Zustrom noch bewältigen?

Die Stimmung ist entspannt - trotz der Menschenmassen

Die Tankstelle am Grenzübergang Achleiten.

Zumindest Andrea Bauschmied ist optimistisch. Die Einsatzleiterin des Österreichischen Roten Kreuzes zitiert den Leitspruch von Bundeskanzlerin Angela Merkel. „Wir schaffen das.“ Sie spricht von der Notverpflegung in Achleiten. Ihre Mitarbeiter sind seit Montagfrüh im Dauereinsatz. Rund um die Uhr reichen sie Tee in Plastikbechern, Suppe mit Backerbsen, Toastbrot und Bananen. Auf dem Boden liegen Pappschalen und Wasserflaschen. Die Warteschlange ist lang, gerade stehen dort bestimmt hundert Menschen an, mit dicken Augenringen und fahlen Gesichtern. Trotz der Menschenmassen ist die Stimmung entspannt. Wegen der Müdigkeit.
 
Die Flüchtlinge stellen ihre Teebecher auf Mülleimern ab, sie sitzen auf dem Betonboden und starren auf die Donau. Eine kleine Gruppe steht um einen Karton mit Jacken und Schals, eine Anwohnerin hat ihn vorbeigebracht. Viele Flüchtlinge gehen auch zum Nachtschalter der Tankstelle nebenan. Statt Sprit verkaufen vier Mitarbeiter Coladosen und Zigaretten. Den kleinen Kindern schenken sie Limonade. Die Flüchtlinge kramen das Geld aus ihren Taschen, das sie von der Flucht noch übrig haben.

Die Schleuser, "das sind die Österreicher"

Die Schleuser, das sind nach Ansicht dreier Passanten die Österreicher. Eine Frau, Mitte 70, ist mit dem Bus zum Grenzübergang gefahren. Sie steht am Zaun beim Schild „Freistaat Bayern“, neben ihr vier Polizisten, vor ihr 400 Flüchtlinge. „Ich weiß nicht, wie das alles werden soll“, sagt sie. „Wir können die Leute nicht erfrieren lassen. Aber wo sollen wir sie alle hinbringen?“

Flüchtlinge steigen aus einem Bus am Grenzübergang Wegscheid.

Diese Frage stellt sich Josef Lamperstorfer jeden Tag. Er ist der Bürgermeister von Wegscheid, ein Tourismusort, 5500 Einwohner, seit 655 Jahren Marktgemeinde, jetzt Flüchtlingsbrennpunkt. Lampertshofer steht am Grenzübergang: eine schmale Brücke an der B 388, unten plätschert der Osterbach, oben warten Polizisten. Auf österreichischer Seite hält der erste Bus für diesen Tag. Es ist kurz vor 12 Uhr. Bis Abend werden mehr als 30 folgen. „Die Situation ist völlig außer Kontrolle“, sagt der Bürgermeister. „Wir sind hilflos.“

Lamperstorfer ist Krisenmanager und Medienbeauftragter zugleich. Er will der Öffentlichkeit zeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Jeden Tag ist er bis 23 Uhr im Einsatz, dann klinkt er sich aus. „Sonst gehst du kaputt.“ Vize-Bürgermeister Lothar Venus übernimmt dann. In der Nacht auf Dienstag kam Venus um drei Uhr ins Bett. Zwei Stunden später rückte er wegen eines Verkehrsunfalls aus, er ist auch Kreisbrandmeister. Es sind harte Zeiten im beschaulichen Wegscheid.

Ein Übersetzer ruft, dann marschieren 250 Flüchtlinge los

Bürgermeister Josef Lamperstorfer im Gespräch mit einem Polizisten aus Österreich.

Ein Übersetzer steht am Grenzübergang und ruft etwas auf Arabisch ins Megaphon. Die Menschen stellen sich in einer Reihe auf, ein österreichischer Polizist kommt zur Brücke und sagt: „Mir san’ soweit, wie schaut’s aus?“ 250 Personen wechseln auf deutsches Territorium. Mit Polizeieskorte geht’s von dort zu Fuß zwei Kilometer weit über Feldwege zu einer Halle. Statt der Aufleger eines Transportunternehmens stehen dort jetzt Bierbänke drin. Die Menschen haben hier zumindest ein Dach über dem Kopf.
 
Es gibt noch eine zweite Route nach Wegscheid, durch kleine Weiler. Den Weg haben die Österreicher in Mistlberg mit orangefarbenen Pfeilen ausgeschildert. Zusätzlich sind grüne Pfeile auf die Straße gemalt. Eine Schnitzeljagd nach Bayern. „Zumindest kommen die Leute dann an einem Punkt raus“, murmelt Lamperstorfer.

Pfeile weisen den Weg nach Bayern. Wie bei einer Schnitzeljagd.

Es ist kurz nach 16 Uhr, in Achleiten hat sich die Zahl der Flüchtlinge inzwischen verdreifacht. Das Gasthaus „Zur Freiheit“ hat aufgesperrt, aber nur ein paar Stammgäste sitzen drin. Die Zimmer der Pension bleiben leer. „Das kann man ja niemandem zumuten“, sagt Inhaber Franz Dambeck. Vor sieben Jahren hat er den Gasthof gebaut und getauft. „Da habe ich nicht damit gerechnet, dass der Name mal so eine Bedeutung bekommt.“ Die Freiheit, die steht eigentlich für den Biergarten, sagt er. „Weil das meiste hier im Freien stattfindet. Aber das passt ja jetzt auch.“

Sebastian Dorn

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