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„LagerInventur“ steht auf dem Banner und den Aufklebern, die Alexander Thal und seine Kollegen vom Flüchtlingsrat auf dem Wohnmobil befestigen. Sie reisen eine Woche lang durch Bayern, um die Gemeinschaftsunterkünfte für Flüchtlinge zu besichtigen.

Flüchtlingsrat auf Tour durch Bayern

Asyl-Unterkünfte: Wie groß ist die Not wirklich?

München - Vertreter des Flüchtlingsrats reisen quer durch Bayern, um Not- und Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber zu besichtigen. Sie kritisieren die Zustände in überfüllten Einrichtungen seit langem. Und sie vermuten, dass die Situation vor Ort schlechter ist, als sie bisher ahnen.

Wenn Alexander Thal über die strenge bayerische Regelung zur Flüchtlingsunterbringung spricht, erzählt er oft die Geschichte von dem Mann aus Äthiopien. Es ist eine Geschichte, für die er jedes Mal wieder ungläubige Blicke erntet. Der Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats hat den Äthiopier in einer Flüchtlingsunterkunft in einem Nürnberger Gewerbegebiet kennengelernt. Damals war er bereits seit 23 Jahren in Deutschland. 23 Jahre nur geduldet. Ohne Aussicht, bleiben zu dürfen. Ohne Aussicht, irgendwann in seine Heimat zurückzukehren. Denn ohne Pass konnte er nicht abgeschoben werden. Der Mann wartete seit 23 Jahren vergeblich darauf, irgendwo anzukommen. Er hat in sieben Gemeinschaftsunterkünften gelebt, immer wieder Freunde gefunden und verloren. Vor allem aber hat er seine Zuversicht verloren. „Er war nach 23 Jahren in Asylbewerberunterkünften psychisch so am Ende, dass er gar nicht mehr hätte abgeschoben werden können“, sagt Thal. Der Mann ist bei seinem Versuch, ein neues Leben zu beginnen, kaputt gegangen.

Von Schicksalen wie diesen ist nie die Rede, wenn über Gemeinschaftsunterkünfte diskutiert wird, kritisiert Thal. Geschichten wie die des Äthiopiers sind nicht die Regel – aber auch nicht die absolute Ausnahme. Und sie sind nach Meinung des Flüchtlingsrats das beste Beispiel dafür, was die Unterbringung in überfüllten Gemeinschaftsunterkünften mit den Menschen macht: „Es zermürbt sie.“

Der Bayerische Flüchtlingsrat kritisiert schon lange die strenge Lagerunterbringung, auf die der Freistaat beharrt (wir haben berichtet). In allen anderen Bundesländern ist es leichter, Asylbewerber schnell und unbürokratisch dezentral unterzubringen und in den Gemeinschaftsunterkünften Platz für neuankommende Flüchtlinge zu machen. Erst vor kurzem hatte Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sich klar dagegen ausgesprochen, über eine Reform der Regelung nachzudenken. Die Staatsregierung argumentiert, eine Gesetzesänderung wäre nicht nötig, wenn alle anerkannten Flüchtlinge, die ausziehen dürften, auch ausziehen würden. Das weist der Flüchtlingsrat scharf zurück. Thal sagt: „Die Menschen wollen raus aus den Unterkünften – weil es dort nicht auszuhalten ist.“ Aber sie scheitern an vielen bürokratischen Hürden. Selbst wenn sie bereits anerkannt sind.

Auch deshalb starteten einige Mitglieder des Flüchtlingsrats gestern zu einer einwöchige Tour. Sie besichtigen Gemeinschaftsunterkünfte in allen bayerischen Regierungsbezirken, wollen mit den Asylbewerbern und den ehrenamtlichen Helfern sprechen – und den Blick darauf lenken, mit welchen Problemen die Flüchtlinge kämpfen müssen. „Die letzte Tour haben wir 2009 gemacht“, erzählt Alexander Thal. Damals waren die Flüchtlingszahlen bundesweit auf einem sehr niedrigen Stand, nirgendwo mussten die Menschen in Zelten leben. Seit Monaten kämpft Bayern mit enormen Flüchtlingsströmen. „Das wäre zu bewältigen gewesen“, sagt Thal. Wenn die Regierung schneller auf die Kriege im Nahen und Mittleren Osten reagiert hätte – und früher weitere Erstaufnahmeeinrichtungen gebaut hätte. Emilia Müllers Vorgängerin Christine Haderthauer (CSU) hatte das in ihrer Zeit als Sozialministerin allerdings abgelehnt. Alexander Thal geht davon aus, dass ihn dieses Mal in den Not- und Gemeinschaftsunterkünften etwas anderes erwarten wird, als vor fünf Jahren.

Katrin Woitsch

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