Meteorologe spricht von Monsun-Effekt

Flutkatastrophe in Niederbayern: Experte erklärt die Ursachen

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München - Kleine Bäche werden zu gefährlichen Strömen, reißen Autos mit, fordern Todesopfer. Die Sturzfluten in Franken und Niederbayern sind einem besonderen Wetterphänomen geschuldet. Möglicherweise müssen wir uns an diese Extrem-Szenarien gewöhnen.

Gegen ein griffiges Wort ist nichts zu sagen, Markus Söder (CSU) hatte gestern gleich eines parat. Für die Ereignisse in Niederbayern erfand er den Begriff „Regen-Tsunami“. Irgendwie kreativ, aber irgendwie auch ziemlich daneben; denn mit einem Tsunami hat die Flut, die vor allem Simbach am Inn, Triftern und Tann (alle Kreis Rottal-Inn) traf, nichts zu tun.

Schneiderin Hildegard Hitzlinger schaut sich an, was von ihrem Geschäft in Triftern noch übrig ist. Es liegt direkt am Altbach, der am Mittwoch über die Ufer getreten ist. Sie sagt: „Das Wasser zerstört alles, es zerstört ein Leben.

Verantwortlich ist vielmehr eine Wetterlage, die zu dieser Jahreszeit gar nicht so selten auftritt: Auf dem europäischen Festland ist es Anfang Juni – wegen der hoch stehenden Sonne – schon einigermaßen warm; die Meere um den Kontinent herum heizen sich dagegen nur langsam auf. Während also die warme Luft nach oben steigt, strömt die kalte, mit Feuchtigkeit gesättigte Luft aufs Festland nach. Es entsteht jener Effekt, der in den Tropen Jahr für Jahr den Monsun auslöst. Die Luft kondensiert, es regnet.

So weit, so klar. Die Sache wird aber noch etwas komplexer. Derzeit liegt über Mitteleuropa aus besagten Gründen ein großes Tiefdruckgebiet. „Darin bilden sich zusätzlich kleinere Tiefdruckgebiete“, sagt der Meteorologe Volker Wünsche – Elvira und Friederike, die in Franken und Niederbayern so großen Schaden angerichtet haben, sind zwei Beispiele. Dass sich die Wolken so konzentriert über bestimmten Gebieten entleeren, liegt daran, dass Elvira und Friederike sehr statisch waren. „Es gab zu wenig Wind“, sagt Wünsche. Die Tiefdruckgebiete bewegten sich nicht weiter, sondern luden ihren ganzen Ballast auf einmal ab.

Welche Wassermassen da herunterkommen können, haben die vergangenen Tage deutlich gemacht. Im Raum Pfarrkirchen waren es 45 Liter pro Quadratmeter. Meteorologen sprechen ab 40 Litern von „extrem heftigem Starkregen“. Unter diesen Bedingungen dauert es nur Minuten, bis kleine Bäche zu gefährlichen Strömen anschwellen. Tückisch ist, dass sich solche Gewitterzellen nur sehr bedingt vorhersehen lassen. „Wo genau sie sich entwickeln und wo es dann regnet, ist oft maximal 30 Minuten vorher klar“, sagt Wünsche.

Die Grafik erklärt, wie Hochwasser in die Häuser eindringt.

Bei der großen Flut 2013, die auch in Niederbayern zuschlug, waren die Vorbedingungen andere. Das Niederschlagsgebiet war damals größer, die Böden hatten sich schon mit Wasser vollgesaugt. Und es war die große Donau, die anschwoll – diesmal sind es kleine Bäche.

Ob die beiden Sturmfluten ein Klimawandel-Phänomen sind, lässt sich nur schwer sagen. Weitgehend unstrittig ist aber, dass wir wegen der Erderwärmung bald häufiger mit Starkregen zu tun haben werden. „Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Feuchtigkeit aufnehmen“, sagt Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimaforschung. „Dann fällt mehr Wasser runter, wenn es regnet.“ Global sei das schon zu beobachten, für Deutschland reiche aber die Datenmenge noch nicht aus. Hinzu komme, dass Tiefdruckgebiete immer länger über einzelnen Regionen stünden. Auch das hänge mit dem Klimawandel zusammen.

Überschwemmungen in Niederbayern: Der Tag danach

Düstere Prognosen – zumal die Vorsorge-Möglichkeiten begrenzt sind. „Wir können uns vor Sturmfluten nicht so schützen wie vor einem klassischen Hochwasser“, sagt Roland Kriegsch, Leiter der Wasserwirtschaftsamts Weilheim. Retentionsbecken laufen bei Starkregen zu schnell voll, auch die Böden sind schnell gesättigt. Durch den konstanten Regen der vergangenen Tage ist das auch in Oberbayern der Fall. Kriegsch sagt: „Theoretisch reicht jetzt ein starkes Gewitter, um in Teilen Oberbayerns ähnliches auszulösen wie in Niederbayern.“

Meteorologe Volker Wünsche sagt, auch in den nächsten Tagen wird es bayernweit zu starken Unwettern kommen.

Laufend aktuelle Informationen zur Flut in Niederbayern lesen Sie auch in unserem News-Ticker.

Spenden für die Flutopfer sammelt der Kreis Rottal-Inn: Kennwort „Hochwasserhilfe“, IBAN: DE81 7435 1430 0570 0068 09.

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