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Alois Moser in Murnau: Der Autohändler beobachtet, dass Kunden verstärkt Autos mit Benzin-Motoren nachfragen – auch bei großen Fahrzeugen wie SUVs. Aus Angst, ansonsten nicht mehr in Städte wie München fahren zu können.

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Die Folgen des Abgasskandals: Autohändler raufen sich die Haare

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Die Autohändler in der Region spüren die Folgen des Abgasskandals, Kunden greifen verstärkt zu Fahrzeugen mit Benzin-Motoren. Politikern werfen die Händler eine unsachliche Debatte vor.

Unterschleißheim/Murnau/Dachau – Klaus Philipp ist wütend: Dass nach dem VW-Abgasskandal und den jüngsten Kartellvorwürfen (was bislang zu den Kartell-Vorwürfen bekannt ist) viele Kunden verunsichert sind, stört den geschäftsführenden Gesellschafter des Autohauses Kölbl in Unterschleißheim (Landkreis München) weniger. Vielmehr ärgert er sich über die öffentliche Debatte: „Es wird aktuell ein Hype um diese Sache gemacht, das ist schier nicht zu glauben“, sagt Philipp. „Es ist doch aktuell niemand in der Lage, sachlich an das Thema heranzugehen – weder Verbände, Politik noch Hersteller. Jeder wühlt voller Emotionen in dem Abgassumpf herum und keiner kennt sich aus“, klagt der Autohändler. Von der Fähigkeit von Diesel-Motoren im Straßenverkehr bleibt er aber überzeugt: „Diesel-Fahrzeuge sind nach wie vor ein umweltfreundliches und sauberes Produkt und werden auch nach 2025 noch eine saubere Lösung für Fahrzeuge sein.“

Um für Transparenz zu sorgen, wünscht sich Philipp eine europaweite Regelung bei der Messung von Abgaswerten. „Ich plädiere für einheitliche Messverfahren, bei einheitlichen Fahrprofilen und einheitlichen Umweltbedingungen für alle Modelle, bei allen Herstellern – in Form von Stichproben.“ Um dem Stickstoffausstoß bei Diesel-Motoren entgegenzuwirken, gibt es für ihn nur eine Möglichkeit: die Nachrüstung eines NOX-Filters mit Harnstoffeinspritzung. Alle anderen Versuche, die Emissionen zu reduzieren, sind für den Autohändler „reine Augenwischerei“.

Dass auf lange Sicht die Elektroautos auf dem Vormarsch sein werden, steht für Philipp fest. „Diesel- und Benzin-Fahrzeuge werden aber auch dann noch benötigt werden, wenn sich die Elektromobilität etabliert hat.“

„Die Käufer haben Angst“

Einen Wandel im Kaufverhalten hat Alois Moser in den vergangenen Monaten festgestellt. Der Inhaber des Autohauses Ortner mit Filialen in Starnberg, Murnau, Weilheim und Peißenberg berichtet von veränderten Anfragen: „Viele Leute wollen heute auch große Autos – wie SUVs – als Benziner kaufen.“ Bis vor einem Jahr sei das undenkbar gewesen. Mosers Erklärung: „Die Käufer haben Angst, dass sie mit dem Diesel-Fahrzeug bald nicht mehr nach München in die Innenstadt dürfen.“ Moser rät unentschlossenen Käufern, zu leasen anstatt zu kaufen. „Das gibt eine gewisse Sicherheit.“ Ansonsten sei es momentan schwer, Kunden gegenüber zu argumentieren. „Was ich heute sage, kann aufgrund der wechselhaften Politik schon morgen Makulatur sein.“

Gestern veröffentlichte Daten des Landesamtes für Statistik stützen Mosers Beobachtung: Im ersten Halbjahr legte die Zahl der Neuzulassungen in Bayern um fast fünf Prozent zu – die Zahl neuer Diesel-Zulassungen sank im gleichen Zeitraum um 6,2 Prozent. Andere Motorentypen boomen: Bei Benzinern registrierten die Statistiker ein Plus von 16,7 Prozent, bei Gas-, Elektro- und Hybridmotoren 67 Prozent – mit 10 000 Fahrzeugen bleibt ihre Zahl aber gering.

„Der Diesel ist immer noch alternativlos“

Autohändler Moser hat im Geschäft mit Diesel-Autos dennoch keine großen Einbußen zu beklagen – ein Vorteil seiner Standorte außerhalb Münchens, glaubt er. „Für Vielfahrer und Pendler auf dem Land ist der Diesel immer noch alternativlos“ – damit spare man Spritkosten.

Entspannt geht Hans Rauscher mit der aktuellen Lage in der Branche um. Der Geschäftsführer eines Autohauses mit Standorten in Dachau und Olching sieht eher eine Verschiebung des Kaufverhaltens. „Früher waren es Diesel-Fahrzeuge, jetzt sind Benziner wieder mehr gefragt“, sagt er. Das Transporter-Geschäft laufe mit den Diesel-Modellen aber nach wie vor sehr gut.

Rauscher, der in seinen Häusern Autos von den Herstellern Ford und Citroën verkauft, bemängelt allerdings, dass ihn jetzt die Verfehlungen der Konkurrenz träfen – er meint damit die manipulierten Abgaswerte des VW-Konzerns. Um künftig effizientere Kontrollen gewährleisten zu können, sieht er die EU in der Pflicht. „Das Problem kann Alexander Dobrindt nicht alleine lösen“, glaubt er. Mögliche Maßnahmen, wie ein Fahrverbot für Diesel-Fahrzeuge in der Münchner Innenstadt, hält Rauscher für wenig sinnvoll. „Wenn, dann sollte es auch für Benziner gelten. Denn anders bringt es für die Umwelt gar nichts.“

Eine zukunftsfähige Lösung sieht der Autohändler in Plug-in-Hybriden. Diese können sowohl über einen Verbrennungsmotor als auch über das Stromnetz betrieben werden.

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