Paragraphen für die Mundart

Forscher fordern Schutzgesetz für den Dialekt

München - Einheitliches Hochdeutsch statt regionaler Mundart. Dialekte sterben aus, auch in Bayern – das ist nicht neu. Nun will Sprachwissenschaftler Werner König das Thema wieder stärker in den Vordergrund rücken: Er fordert ein Gesetz.

„Sags jetzt einmal schöner“, „Wie heißt es richtig“, „Jetzt nochmal so, dass wir alle es verstehen“. Mit solchen Sätzen irritieren Erzieher und Lehrer immer noch dialektsprechende Mädchen und Buben. Sie meinen es vielleicht gut, vermitteln den Kindern aber das Gefühl, ihre Muttersprache sei minderwertig. Kein Wunder, dass die Mundart ausstirbt.

„Jemanden wegen seines Dialekts zu kritisieren ist genauso diskriminierend, wie sich über die Hautfarbe lustig zu machen“, sagt Werner König, emeritierter Professor für deutsche Sprachwissenschaft an der Universität Augsburg. Diese Tatsache im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern, die Menschen für das Thema Mundart zu sensibilisieren, darauf kommt es ihm an. Die Diskussion ist nicht neu, nach Werner Königs Ansicht aber in der Bevölkerung nicht mehr präsent genug. Um das zu ändern, greift er auch zu extremeren Mitteln: Er fordert ein Gesetz zum Schutz der Dialekte. Als Vorbild nennt er Norwegen. Dort wurde bereits 1878 ein Gesetz erlassen, nach dem kein Kind wegen seines Dialekts kritisiert und verbessert werden darf. Bis heute gibt es in Norwegen keine Kritik an der Mündlichkeit, sagt Werner König. Eine Reglementierung mit entsprechendem Inhalt will er auch für Deutschland.

Die Ursache des Dialektsterbens liege im „tief sitzenden sprachlichen Minderwertigkeitsgefühl der Dialektsprechenden“, schreibt der 73-Jährige, der aus Schwabmünchen (Kreis Augsburg) stammt, im aktuellen Rundbrief des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte. Das zeige sich zum Beispiel darin, dass viele glauben, ein Kind habe bessere Chancen, wenn es keinen Dialekt spricht. „Der Dialekt gilt immer noch als Karrierebremse“, sagt er.

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Die Initiative seines Kollegen findet Bairisch-Experte Ludwig Zehetner durchaus begrüßenswert, wie er sagt. „Die Forderung rückt das Thema in den Vordergrund und ein Gesetz würde Dialekt-Befürwortern Rückhalt geben.“ Der 77-jährige Honorarprofessor für bairische Dialektologie an der Universität Regensburg zweifelt aber am Erfolg. „Zum einen ist Deutschland ein zu großes Land, zum anderen würde ein solches Gesetz zu spät kommen.“ Die Angst vor dem Dialekt sei in der Bevölkerung zu stark verankert, außerdem hat Ludwig Zehetner Bedenken, was die Umsetzbarkeit angeht. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Eltern zu den Lehrern ihres Kindes gehen und sie darauf hinweisen, sich an das Gesetz zu halten.“

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Auch Sepp Obermeier ist kein Freund von Reglementierungen. „Es müsste selbstverständlich für die einen sein, Dialekt zu sprechen, und für die anderen, das zu akzeptieren,“ findet der Vorsitzende des Bundes Bairische Sprache. „Unsere Gesellschaft ist so sensibel in anderen Bereichen, wie etwa dem Umweltschutz. Was Dialekte angeht, leistet sie aber tägliche sprachkulturelle Sterbehilfe.“ Den Tod der Mundart gilt es unbedingt zu verhindern. Wenn es nicht anders möglich ist, auch mit einem Gesetz.

Theresa Pancritius

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