+
Franz-Georg, Monika und Max: die drei Kinder von Franz Josef Strauß erinnern sich zum 100. Geburtstag ihres Vaters.

Familientreffen zum Geburtstag

Strauß-Kinder: Unser Vater ist heute Kult

  • schließen
  • Bettina Bäumlisberger
    Bettina Bäumlisberger
    schließen

München - Die Kindheit der Kinder von Franz Josef Strauß war nicht immer einfach. Im Interview mit dem Münchner Merkur und der tz sprechen Sie über ihre Erfahrungen.

Strauß, der Polit-Titan, war zu Hause ein liebevoller Vater, erinnern sich die drei Strauß-Kinder Monika, Max und Franz Georg im Gespräch mit unserer Merkur-Redaktion. Sie sprechen über ein Leben mit Polizeischutz und auch darüber, wie schwierig der Kampf um die Reputation des Vaters ist. Die ungekürzte Fassung lesen Sie in der Strauß-Beilage von MM und tz, die an diesem Wochenende erschienen ist. Ein E-Paper der Beilage finden Sie hier:

Herzlich willkommen – ein ungewöhnliches Familientreffen in unserem Haus. Wie oft sehen Sie sich eigentlich noch?

Monika: Erst kürzlich zum 90. Geburtstag unserer Haushälterin Käthi waren wir zusammen. Wir sehen uns doch recht häufig, telefonieren auch viel.

Wird auch über Politik geredet?

Franz Georg: Gelegentlich schon. Jedenfalls mehr als in anderen Familien. Heute ist es doch nicht mehr üblich, privat über Politik zu reden. Bei uns nicht. Das kennen wir so vom Elternhaus.

Wie war das in der Schulzeit? Wurden Sie als Strauß-Kinder in der Schule gehänselt?

Max: In der Volksschule in Rott am Inn war es ganz beschaulich. Aber als ich ab September 1969 in München ins Ludwigsgymnasium kam, da wehte ein anderer Wind. Schule war damals politisch. In der Oberstufe hatten wir ordentliche Mengen an Marxisten, Linken und Langhaarigen, alles war auf Protest getrimmt. Und ich als Fünftklässler mittendrin. Das gab unter meinen Mitschülern gleich eine Solidarisierung. Ich kann eines sagen: Ich bin persönlich nie aggressiv politisch bedrängt worden.

Franz Georg: Die Mutter hat eine Grundsatzentscheidung getroffen: Wir sind im Herbst 1969 in einen Arbeiterbezirk gezogen, nach Sendling. Unsere Mutter hatte immer Angst, dass wir abheben, dass wir salopp gesagt einen auf „Sohn von…“ machen. Also gingen wir in einer sehr bodenständigen Gegend in die Schule. Sendling, Fürstenried – und nicht Bogenhausen oder Nymphenburg.

Max: In Rott am Inn waren wir Kinder unter Kindern. In München war das anders.

Monika: Freilich, wir waren die Zebras in der Ponyherde. Ich war todunglücklich, als ich mit sieben von der Grundschule in Rott am Inn nach München kam, in die Schule an der Zielstattstraße. Rott war Rumrennen, Freunde, Spielen. In München hatte ich gleich eine Klassenlehrerin, die politisch sehr links stand. Und die mich in der zweiten Klasse massiv angegriffen hat.

Wie zeigte sich das?

Monika: Sie hat mich gezielt rausgegriffen, mich immer drangenommen, wenn sie wusste, dass ich unsicher war. Hat mich aufgezogen, an mir rumgekrittelt – wie siehst Du heute wieder aus? So hieß es dann. Oder: Was hast Du denn heute wieder an? Dann schritt meine Mutter ein, ich wechselte die Klasse und somit die Lehrerin, dann ging es besser. Auf dem Dante-Gymnasium, in der fünften Klasse, fing es dann wieder an. Eine Biologielehrerin gab mir absichtlich schlechte Noten. Meiner Mutter sagte sie: Ihr Prominentenbaby wird bei mir nie gute Noten bekommen. So was kam vor, aber es waren Ausnahmen. Ich hatte auch viele gute Lehrer, die mich besonders unterstützten. Ich erinnere mich noch an Frau Brömmel, die mich zur Leichtathletik und zum TSV 1860 brachte. Da war ich Sportkameradin und gehörte als Monika zur Mannschaft und nicht als Strauß-Tochter.

(…)

Stimmen die Gerüchte, dass Sie als Kinder von der Polizei in die Schule gefahren wurden?

Monika: Das ist kein Gerücht, das ist Tatsache.

Franz Georg: So etwas Besonderes war Polizeischutz damals gar nicht. In den 1970er Jahren, in der Hochphase der RAF-Anschläge, wurde in Bayern ja jeder Staatssekretär von zwei Polizisten bewacht.

Wie ging es los?

Franz Georg: Die persönliche Bewachung ab März 1975 war eine Folge der Lorenz-Entführung (Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz durch die „Bewegung 2. Juni“ – Anm. d. Red.). Schon davor gab es, so ab 1972, sporadisch eine Bewachung. Da saßen dann Polizisten in oder vor der Wohnung. Es gab etliche kleine Pannen. Mal sind sie eingeschlafen, mal fiel ihnen das Magazin aus der Waffe 14 Stockwerke runter, einer hat sogar mal aus Versehen in die Decke geschossen, ein anderer eine Maschinenpistole in der Toilette vergessen. Der Dienst war ja todlangweilig, die Beamten kamen oft nach einer Revierschicht zu uns und mussten im Dunklen Wache halten.

(…)

Monika: Waffen waren präsent. Uns wurde aber klar vermittelt: Ihr fasst das nicht an. Später lernten wir freilich schießen.

Sie haben den Waffenschein gemacht?

Max: Ich hatte mit 18 den Jagdschein, logischerweise auch den Waffenschein.

Monika: Sowohl unsere Sicherheitsbeamten als auch unsere Eltern haben uns klargemacht, dass Waffen keine Spielgegenstände sind. Ich habe mit 18 auch die Prüfung für meinen Waffenschein absolviert und gelernt, mit einer Waffe sorgfältig umzugehen.

Franz Georg: Ich auch. Zur reinen Selbstverteidigung. Waffen bekamen wir zunächst aber nicht.

Monika: Der Vater hatte eine, in einer kleinen Tasche trug er sie immer bei sich.

Franz Georg: Im Nachhinein ist ja alles glimpflich verlaufen. Die RAF hat, bei all dem Terror, den sie verbreitete, nie Kinder angegriffen. Das war wohl ein Tabu. Aber damals wusste man ja nicht, wie weit sie gehen würden, um unseren Vater unter Druck zu setzen.

(…)

Nach dem Tod 1988 sank die Reputation Ihres Vaters rapide.

Monika: Sagen wir so: Nach seinem Tod wurden seine Feinde immer dreister, weil er sich nicht mehr wehren konnte.

Max: Die eigenen Reihen haben sich distanziert.

Franz Georg: Das muss man differenzieren. Aber die ganzen Prozesse gegen Zeitungen, Magazine oder Buchautoren haben wir als Familie allein auf eigene Kosten geführt. Wenn sich der Buchautor Schlötterer (Autor des Anti-Strauß-Buches „Macht und Missbrauch – Anm. d. Red.) als oberster Steuerprüfer Bayerns zur Amtszeit des Ministerpräsidenten Strauß vorstellt, was aber einfach nicht stimmt, hätte man schon eine Richtigstellung aus dem Finanzministerium erwartet. Da hat man sich aber vornehmst zurückgehalten.

Monika: Es gab halt auch bei manchen in der CSU die Einstellung: Es könnte ja was dran sein an den Vorwürfen.

Franz Georg: Damals, in den 1990er-Jahren, wurde gewissen Journalisten die Deutungshoheit überlassen. Erst bei Schalck-Golodkowski – da hat man uns vorgehalten, wir hätten beim Milliardenkredit Provisionen kassiert. So ein Unsinn. Der Strauß-Biograf Prof. Möller schreibt es ja jetzt in dankenswerter Klarheit: Bankübliche Provisionen erhielt nur die Bayerische Landesbank, die den Kredit abwickelte. Dann die Zwick-Sache – was geht uns das an, ob der Zwick Steuern zahlt oder nicht? Dann noch Schreiber. Ich fuhr mit dem Taxi nach Haus. Da hat mich der Taxifahrer angeredet: „Wos, Sie san a Strauß. Ja, der Vater hat scho vui gmacht für Bayern. Aber a Bazi war er aa.“ So war die Stimmung. Wir waren zum Abschuss freigegeben. Und die CSU hat kaum etwas gemacht.

Monika: Darunter haben wir wirklich gelitten. Journalisten sind meinen Kindern bis in die Schule hinterher. Mein Sohn kam weinend aus der Schule, als er auf einem Bild in einer Zeitung war, in der die Behauptung erhoben wurde, bei uns seien schwarze Kassen entdeckt worden.

Wir wollen die Einzelheiten der ganzen Affären …

Monika: Affären – Sie verwenden nach wie vor das Wort Affären. Uns bringt das wirklich auf. Es wurden viele Dinge erfunden und bis heute hat sich keiner für die Verleumdungen unserer Familie entschuldigt. Ich freue mich deshalb darüber, dass die neue Biografie von Herrn Prof. Möller mit einigen dieser Märchen sachlich gut recherchiert aufräumt.

Waren es keine Affären?

Franz Georg: Das einzige Thema, worüber man diskutieren kann, ist die Testamentsvollstreckung für die Baur-Stiftung (Strauß und sein Nachfolger Streibl erhielten dafür Vergütungen in fünfstelliger Höhe – Anm. d. Red.). Es ist mehrfach geprüft worden und der größte Teil der Einnahmen als Steuer wieder an den Freistaat Bayern geflossen. Ich würde sagen: Es war legal, aber aus heutiger Sicht nicht legitim.

Max: Stoiber hat in all den Fragen keinen Finger gerührt, um es äußerst zurückhaltend auszudrücken.

Ausgerechnet Stoiber – der ja ganz eng mit Ihrem Vater zusammenarbeitete?

Monika: Edmund Stoiber wollte sich als Saubermann in der Nachfolge von Franz Josef Strauß präsentieren.

Franz Georg: Theo Waigel war da anders – er hat immer zu uns gehalten. Er hat Gedenktage für unseren Vater organisiert, auch als das nicht in das Konzept derer passte, die „in Treue ziemlich fest waren“, wie mein Vater das ausgedrückt hätte.

Sie, Frau Hohlmeier, haben Stoiber aber viel zu verdanken.

Monika: Natürlich. Edmund Stoiber hat mich gefördert, er hat mich als Staatssekretärin ins Kabinett geholt, er hat mir das Ministeramt zugetraut. Er hat mich politisch gefördert und gemeinsam mit ihm konnte ich in wichtigen bildungspolitischen Fragen von der inneren Schulentwicklung bis zur Durchlässigkeit des Schulwesens viel verwirklichen. Dann aber haben wir uns ein Stück weit entfremdet, vor allem aufgrund der Pfändung der Gruft meiner Eltern, wegen der jahrelangen falschen Verdächtigung meines, wie man heute weiß, unschuldigen Bruders Max durch Teile der bayerischen Justiz und aufgrund dessen, dass ich in meiner schwierigen Krankheitszeit als Sündenbock in München herhalten musste. Das ist so, das ist aber abgeschlossen. Edmund Stoiber und ich haben mittlerweile wieder ein gutes Verhältnis zueinander. Ich bin heute im Europaparlament, das ist eine tolle Aufgabe, die mich begeistert. Aber das mit dem Vater – das ist ein Punkt, in dem Edmund Stoiber vielleicht Abbitte leisten müsste.

Ist die Reputation von Franz Josef Strauß heute wieder hergestellt?

Franz Georg: Sein Biograf Prof. Möller schreibt: „Im Einzelnen angreifbar, im Ganzen grandios.“

Monika: Ja. Horst Seehofer ist unvoreingenommen positiv eingestellt. Und in der bayerischen Bevölkerung wird er nach wie vor von vielen sehr wertgeschätzt.

Max: Ja. Unser Vater ist heute Kult.

Münchner Merkur und tz haben zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß eine Sonderbeilage herausgegeben. Diese können Sie hier für 1,99 Euro als E-Book herunterladen.

Lesen Sie dazu auch

Franz Josef Strauß: Sein Leben in einer Multimedia-Reportage

Das Leben des Franz Josef Strauß auf einer interaktive Landkarte

Das Gespräch führten Bettina Bäumlisberger und Dirk Walter

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Erst Sonne, dann kehrt der Winter nach Bayern zurück
Am Donnerstag ist Sturmtief Zubin heftig über München und Bayern gefegt. Vorerst schlägt das Wetter nun sanftere Töne an. Die Prognose verspricht den Bewohnern des …
Erst Sonne, dann kehrt der Winter nach Bayern zurück
Wohnung brennt komplett aus - Feuerwehr birgt Leichnam
Bei einem Wohnungsbrand in Lindau am Bodensee ist am Freitag ein Mensch ums Leben gekommen.
Wohnung brennt komplett aus - Feuerwehr birgt Leichnam
In Bayern steigen die Müllmengen weiter an
Rund 490 Kilogramm Abfall fallen in Bayern pro Einwohner und Jahr an. Die Müllmenge ist damit nach Angaben des Landesamtes für Umwelt (LfU) vom Freitag im vergangenen …
In Bayern steigen die Müllmengen weiter an
Gericht entscheidet: Zweitwohnsitzler müssen keine Steuern mehr Zahlen
Eigentlich war schon alles entschieden. Doch die Zweitwohnungs-Besitzer in Bad Wiessee und Schliersee gingen in Revision. Ergebnis: Die Zweitwohnsitzsteuer ist erstmal …
Gericht entscheidet: Zweitwohnsitzler müssen keine Steuern mehr Zahlen

Kommentare