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Am Grab ihres ungeborenen Kindes: Die heute 44 Jahre alte Frau zündet eine Kerze für ihre Tochter an, die sie Christina-Marie getauft hätte. Die Namen der verstorbenen Familienmitglieder wurden unkenntlich gemacht. Die 44-Jährige aus dem Landkreis Rosenheim klagt gegen den Leiter der Privatklinik, weil sie glaubt, falsch behandelt worden zu sein. Ein Gutachten stützt ihren Vorwurf. Die Klinik gibt es inzwischen nicht mehr

Vergeblich um Arzt gebettelt: Kind starb

Untershofen – Die schlimmste Nacht ihres Lebens machte 2009 eine Schwangere in einer Klinik durch: Sie wollte unbedingt von einem Arzt behandelt werden. Doch der kam nicht. Die Frau verlor ihr Kind. Jetzt verklagt sie das Krankenhaus.

Über 40 Jahre alt war die Frau aus Untershofen im Kreis Rosenheim, als sie schwanger wurde – und obwohl sie deshalb eine sogenannte Risikoschwangerschaft hatte, gab es neun Monate lang keinerlei Komplikationen. Ihr Termin für den Kaiserschnitt in einer Privatklinik im Chiemgau stand schon fest. Doch drei Tage zuvor quälte die 42-Jährige ein Ziehen im Unterleib, die Schmerzen wurden immer schlimmer. Der Beginn einer Tragödie.

„Grob fehlerhaft und nicht den Regeln der ärztlichen Kunst entsprechend“ sei seine Mandantin in der Nacht auf 14. Februar 2009 behandelt worden. Das wirft Wolfgang Müller aus Rosenheim, Rechtsanwalt der heute 44-Jährigen, einem Arzt vor. Dabei stützt er sich auf ein unabhängiges Gutachten, das die Uniklinik München zu dem Fall im Auftrag der Staatsanwaltschaft erstellt hat. Nachdem das strafrechtliche Ermittlungsverfahren eingestellt worden ist, klagt die Frau aus Untershofen jetzt zivilrechtlich auf die Ersetzung aller erlittenen materiellen und immateriellen Schäden.

An diesem Schicksalsabend schien zunächst keine Eile geboten. Der Leiter der Klinik untersuchte die Frau, die Herztöne des Kindes waren normal. Die stationäre Aufnahme in der Klinik, die inzwischen geschlossen ist, erfolgte gegen 21 Uhr. Doch Stunden später klagte die Hochschwangere über starke Schmerzen. Im Rhythmus von ein bis zwei Stunden verabreichte die Krankenschwester deshalb wehenhemmende Tabletten – nach Angaben der Patientin waren es drei Stück. „Nicht sinnvoll“, heißt es in dem Uni-Gutachten. Aber die Schmerzen wurden nicht besser. Die 42-Jährige verlangte nach einem Arzt. Stattdessen legte ihr die Schwester eine Infusion. Das dürfte gegen 3 Uhr früh gewesen sein. „Da habe ich mein Kind noch gespürt, weil es sich bewegt und gegen die Bauchdecke gedrückt hat“, sagt die Frau.

Die Schwester ging wieder, die Schmerzen blieben. Doch auch eineinhalb Stunden später bettelte die verzweifelte Frau vergeblich um einen Arzt. In einer Stunde komme ohnehin ein Arzt, da müsse jetzt niemand extra geweckt werden, habe es geheißen. Tatsächlich erschien am frühen Morgen endlich ein Arzt (nicht der Beklagte). Doch nach Herztönen tastete er am Bauch der Frau vergeblich. Das Kind war tot.

„Spätestens um 2 Uhr in der Nacht hätte eine ärztliche Untersuchung erfolgen müssen“, stellte der unabhängige Sachverständige fest. Und: „Vor der Gabe der wehenhemmenden Infusion hätte in jedem Fall eine CTG-Untersuchung durchgeführt werden müssen.“ Dabei handelt es sich um eine Cardiotokographie, bei der die Herztöne des ungeborenen Kindes gemessen werden. Der Beginn einer Wehenhemmung über eine Infusion ohne CTG-Kontrolle wird im Gutachten als „nicht fachgerecht“ und „fehlerhaft“ bezeichnet. Das erschütternde Fazit des Experten: „Bei Beachtung der Regeln der ärztlichen Kunst wäre in vorliegendem Fall mit großer Wahrscheinlichkeit der intra-uterine Fruchttod zu vermeiden gewesen.“

Der Gutachter konnte allerdings nicht ausschließen, dass das Kind bereits gegen 2 Uhr früh schwer beeinträchtigt gewesen ist. Dies veranlasste die Staatsanwaltschaft Traunstein nach dem Grundsatz „Im Zweifel für den Angeklagten“ dazu, das Ermittlungsverfahren gegen den Leiter der Klinik gegen Zahlung einer Geldauflage von 2400 Euro einzustellen. Weil in der Rechtssprechung die fahrlässige Tötung eines ungeborenen Kindes nicht strafbar ist, standen im Ermittlungsverfahren ohnehin die erlittenen Schmerzen der Mutter im Vordergrund.

Das empfindet die Mutter als menschenverachtend. Nun geht sie zivilrechtlich gegen den Mediziner vor und klagt auf Schadensersatz. Das Landgericht Traunstein bestätigte gegenüber dem „Oberbayerischen Volksblatt“ den Eingang der Klage.

Die heute 44-Jährige wurde durch die Totgeburt vollends aus der Bahn geworfen. Sie hat mehrere stationäre Klinik-Aufenthalte hinter sich, doch das Trauma verfolgt sie auf Schritt und Tritt. Bis heute ist sie arbeitsunfähig.

Von Ludwig Simeth

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