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Fünf starke Frauen, die andere stärken wollen: (v.l.) Ute Kurth, Ümmahan Gräsle, Projektkoordinatorin Viviane Schachler, Dunja Robin und Hülya Naimen führen die Schulungen zur Frauenbeauftragten durch.

Sexuelle Belästigungen 

Frauen helfen Frauen: Lernen, sich zu wehren

Velden – Frauen mit Behinderungen sind überproportional oft sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Deshalb gibt es in Betreuungseinrichtungen neuerdings Frauenbeauftragte. Die Arbeit ist mühselig – aber erfolgversprechend.

Ute Kurth weiß, dass die Zahlen stimmen. Dafür muss sie nicht studiert haben. Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen sind etwa doppelt so häufig von körperlicher Gewalt und zwei- bis dreimal häufiger von sexueller Gewalt betroffen als Frauen im Bevölkerungsdurchschnitt. Das hat eine wissenschaftliche Studie (siehe unten) im Auftrag des Bundesfamilienministeriums ergeben – und damit bestätigt, was in Behinderteneinrichtungen schon lange bekannt ist.

Auch Ute Kurth arbeitet in einer Behinderten-Einrichtung. In der Lebensgemeinschaft Höhenberg in Velden/Vils ist sie hauswirtschaftstechnische Helferin. Das ist ihr Beruf. Doch seit einiger Zeit ist sie nebenher noch Frauenbeauftragte. Das ist ihre Leidenschaft.

Ute Kurth, lange dunkelblonde Haare, Brille, Sommersprossen auf der Nase, ist eine der ersten Frauenbeauftragten in Einrichtungen für behinderte Menschen in Bayern. Keine Außenstehende, sondern eine, die selbst Lernschwierigkeiten hat – und anderen Frauen, die in der Einrichtung arbeiten und teilweise auch wohnen, Ansprechpartnerin auf Augenhöhe ist. Zu ihr kommen die Frauen, wenn sie sich mal wieder von einem Mann bedrängt fühlen; wenn einer nicht versteht, dass „Nein“ nein heißt.

Eine Frau beschwerte sich, dass Männer in den Werkstätten einfach in die Frauenumkleidekabine kamen. „Wir haben ein großes Schild gemacht, auf dem dick und fett ,STOPP‘ draufsteht“, erzählt die 38-Jährige. Als klares Signal: bis hierhin und nicht weiter. Einige haben es kapiert, leider nicht alle. Kurth ging zur Heimleitung, forderte ordentliche Schlösser. Und hat sie bekommen. Die Frauenumkleide ist nun ein geschützter Bereich.

Es sind diese scheinbaren Selbstverständlichkeiten, für die in den Einrichtungen oft die Aufmerksamkeit fehlt. Kurth gibt alles, um das zu ändern.

„Wir haben zwar einen Werkstattrat, aber der weiß gar nicht, was die Probleme der Frauen, die in der Werkstatt arbeiten, sind“, beklagt Kurth. Sie weiß das genau. Die Sache mit den Toiletten zum Beispiel: Im Frauen-Badezimmer fehlten die Vorhänge. Von außen freie Sicht. Bis Kurth sich für Gardinen einsetzte. Mit solchen Bitten treten die Frauen nicht an den sozialen Dienst heran. Bei Ute Kurth, dieser Anpackerin aus den eigenen Reihen, fassen sie Vertrauen und trauen sich, ihre Sorgen anzusprechen.

Umso wichtiger, dass es mehr Frauenbeauftragte gibt. Genau dafür setzt sich ein neues Projekt der Landesarbeitsgemeinschaft Hilfe für Behinderte in Bayern (LAG) und des Netzwerks Frauen Bayern ein, das vom bayerischen Sozialministerium finanziert wird: In den nächsten zwei Jahren werden 20 weitere Frauenbeauftragte in Bayern ausgebildet. Nicole Lassal, LAG-Geschäftsführerin, weiß, dass das bei 650 Wohnheimen und 200 Werkstätten „natürlich auch nur ein kleiner Tropfen ist“. „Aber ein Anfang“, sagt sie. Sie hofft, dass das Projekt Schule macht und Einrichtungen von sich aus Geld in die Hand nehmen, um eine Bewohnerin zur Frauenbeauftragten auszubilden.

In den Schulungen üben die angehenden Frauenbeauftragten zum Beispiel, wie man sich im Gespräch mit Geschäftsführung und Heimleitung durchsetzt. „Das ist das Wichtigste“, findet Ute Kurth. Eine Frauenbeauftragte müsse mutig sein. „Die muss sich trauen, auch mal bei der Heimleitung auf den Tisch zu hauen und zu sagen: So geht es nicht“, betont sie, die damit selbst keinerlei Probleme hat.

Der Geschäftsführer ihrer Einrichtung findet’s klasse. Als er erfuhr, dass Ute Kurth nun auch bei den Schulungen der neuen Frauenbeauftragten mithelfen wird, prophezeite er ihr: „Du wirst noch Frauenbeauftragte der Bundesregierung!“ Ute Kurth wird rot, als sie das lachend erzählt. Nein, so weit werde es nicht kommen. Daheim in Bayern gebe es für sie genug zu tun.

Das Projekt

Die repräsentative Studie des Bundesministeriums für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, in deren Rahmen 420 Frauen mit Behinderungen und Beeinträchtigungen an 20 bundesweiten Standorten befragt wurden, ergab nicht nur eine überdurchschnittlich hohe Anzahl von Gewalt- und Missbrauchserfahrungen unter behinderten Frauen, sondern auch das Fehlen von Unterstützungsangeboten. Aus diesem Grund sollen nun 20 Frauenbeauftragte in Bayern geschult werden. Einrichtungen, die eine Frauenbeauftragte im Rahmen des Projekts, das 2015 startet, ausbilden lassen möchten, erhalten im Internet unter www.frauen-beauftragtebayern. de oder telefonisch unter 089 45 99 24 20 weitere Informationen. Auch die behinderten Frauen selbst können sich auf diese Weise informieren und bewerben.

 von Katja Kraft

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