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Zu Gast bei Fredl Fesl: Unser Autor Armin Geier hat mit ihm über sein Buch und seine Krankheit gesprochen.

Er sprach über sein Leben und sein Buch

Fredl Fesl: So geht es dem Künstler mit seiner Krankheit

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Pleiskirchen - Volksmusik-Anarchist haben sie ihn genannt. Er ist ein Wortakrobat und eine Ikone der bayerischen Kabarettszene. Jetzt hat Fredl Fesl, 68, sein Leben in einem Buch aufgeschrieben.

Ganz vorsichtig rückt Fredl Fesl, 68, den Kuchenteller vor sich zu Recht. Dann blickt er starr aus dem Küchenfenster und beginnt, von den Besuchen bei seiner Großmutter zu erzählen, von der einst heilen Welt: Ein kleiner, blonder Bub war er damals, so um die sieben Jahre alt. Und ganz in der Nähe von Omas Haus im mittelfränkischen Greding gab es einen Bach. „Dort hab’ ich das Ofenrohr-Fischen erfunden“, erzählt der Niederbayer lächelnd.

Fredl Fesl hat das Krokodil selbst gebaut.

Weil der Mühlbach nämlich ein bisserl zu tief zum Reinsteigen war, schnappte sich der Fredl eben jenes Utensil, verschloss das eine Ende mit Dreck und legte das Trumm vorsichtig ins glitzernde Wasser. „Danach habe ich die Forellen aufg’scheucht und ein oder zwei sind immer neigschwommen.“ Mit einem Draht zog er die Beute an Land. „Das war vielleicht die schönste Zeit in meinem Leben.“ Bei diesen Worten nimmt er mit zitternder Hand einen Schluck aus seiner Kaffeetasse. „Fischer, Zauberer oder Baggerfahrer – mir war schon als Bub klar: Eins will ich davon später mal werden.“

Gut 60 Jahre ist das nun her. Und jeder weiß: Irgendwie hat es der sympathische Bayer geschafft, alles drei zu werden. Ein Wort-Zauberer auf der Bühne, ein leidenschaftlicher Waller-Fischer – und einen eigenen Bagger hat er auch im Obstgarten seines Bauernhauses nahe Pleiskirchen im Landkreis Altötting stehen. Dazu kommt: Fredl Fesl hat nicht nur das Ofenrohr-Fischen erfunden – sondern auch das bayerische Musik-Kabarett, wie wir es heute kennen. Den Anlassjodler, das Taxilied, den Rittersepp und nicht zu vergessen: die Schunkelhilfe und die Regen-Animations-Maschine. Dinge, die die Welt braucht – einfach weil’s a Gaudi sind.

Fredl Fesl: "Ich hab schon was erlebt"

„Ja, a bisserl was erlebt hab’ ich schon“, sagt er leise. Kein Zweifel. Und genau deshalb hat der Kabarettist nun ein Buch geschrieben. Der Titel passt: „Ohne Gaudi is ois nix“. Und ja, er hat es selber zu Papier gebracht. Ohne Geisterschreiber, ohne Hilfe. Nicht mal seine Frau Monika durfte ihm die Texte tippen. „Deswegen hab’ ich für das Buch ja zwei Jahre gebraucht“, erzählt der gebürtige Grafenauer. „Wenn das Zucken wegen meinem Parkinson wieder schlimmer wurde und ich auf der Tastatur hängengeblieben bin, dann hatte ich halt plötzlich 30 Ks auf dem Bildschirm. Also musste ich 29 wieder löschen. Das braucht Zeit.“

An manchen Tagen hatte ihn die Krankheit (siehe Kasten) zu fest im Griff, so dass Schreiben schlichtweg unmöglich war. „Aber jetzt habe ich es geschafft.“ Das hat er. Und wie! Das Buch ist eine herrliche Ansammlung von Anekdoten und Erlebnissen des Fredl F. Es sind Lausbuben-Geschichten von einem bayerischen Rebell, der nie aufhörte, Lausbub zu sein. Der noch als Erwachsener in der Münchner Trambahn aufstand und laut „Fahrschein-Kontrolle“ rief, nur um die verängstigten Gesichter der vereinzelten Schwarzfahrer zu sehen. Und dem dennoch immer wichtig war, dass seine Bühnen-Kunst ernstgenommen wird. „Ich wollte nicht nur ein Clown sein.“

Wunderbar spiegelt genau das ein Vorfall bei einem Konzert Ende der 70er-Jahre im Musikalischen Unterholz in München wider – einer der angesagtesten Bühnen damals. Im Publikum saß ein angetrunkener Zuschauer, der immer wieder während Fredls Auftritt mit seinem Nachbarn schwätzte. „Das konnte ich nie leiden“, sagt der Künstler heute. Was tut Fredl also? Er ermahnt den Störenfried freundlich, gar nicht oder nur ganz leise zu ratschen. Ohne Erfolg. Wieder kommt eine Rüge von der Bühne – wieder ignoriert sie der Kunstbanause. Fredl bleibt trotzdem ruhig: „Also, wenn Du jetzt nochmals störst, verspreche ich Dir, gibt’s a Watschn.“

Fredl Fesl watschte einen Besucher

Sie ahnen es schon: Der Mann gibt keinen Frieden. Fredl unterbricht sein Lied abermals, legt die Gitarre nieder, steigt von der Bühne (das Publikum lässt ihn nicht aus den Augen), geht zu dem Lärmmacher – und gibt ihm eine Watschn. Dann geht er zurück zur Bühne, blickt ins Publikum und sagt: „Was man versprochen hat, muss man halten!“ Es gibt tosenden Beifall. Noch heute muss Fredl Fesl über die Geschichte lachen: „Und weißt was: Der Störenfried ist sitzen geblieben und hat sich das ganze Programm brav angeschaut.“

Die Zeit bei der Bundeswehr (als der Hauptfeldwebel am letzten Tag sagte: „Fesl, glauben Sie mir, ich bin froh, wenn Sie weg sind“), dann die Erfolge als Gewichtheber, die Anfänge auf unzähligen Kleinkunstbühnen – Fesl beschreibt in seinem Buch viele Lebenspunkte mit lustigen Anekdoten. „Damals“, sagt er, „haben wir viel zu lachen gehabt.“ Aber was sein Werk noch auszeichnet, ist nicht nur der Humor: Es ist auch die Ehrlichkeit. Denn auch auf seine schwere Erkrankung geht er detailliert ein. Auf die traurigen Momente: Als er 1995 vor einem Konzert bemerkte, dass seine Finger wie erstarrt waren, er keinen Akkord sauber auf der Gitarre greifen konnte. Da dachte er noch: „Das ist was Harmloses.“

Aber die Beschwerden wurden immer schlimmer. Was bisher noch niemand wusste: Zwei Jahre läuft der Niederbayer daraufhin von einem Arzt zum anderen – keiner findet was, keiner kann ihm sagen, was ihm fehlt. „Ich dachte schon, ich spinne.“ Dann sieht er im Fernsehen eine Reportage über Parkinson, über den erkrankten Muhammad Ali. „Das war ein schrecklicher Moment, weil mir sofort auffiel, dass sich die Symptome alle mit meinem Leiden decken.“ Fredl geht zu einem Parkinson-Spezialisten. Es wird ein Tag, den er nie vergessen wird. „Der Arzt blickte mich nach den Untersuchungen an und sagte: ,Herr Fesl, ich habe das Gefühl, sie haben Parkinson.‘ Dann drückte ihm der Mediziner die Hand: „Kopf hoch!“

Fredl Fesl über die Parkinson-Krankheit

Als Fredl das Behandlungszimmer verlässt, sitzen mehrere Parkinson-Patienten im Wartezimmer. Viele zittern, einer versucht der Arzthelferin etwas zu sagen, bringt aber nur ein unverständliches Stottern heraus. „Da dachte ich: Oh Gott, das blüht dir auch bald alles. Ich wollte nur noch weg. Raus!“

Es folgen harte Zeiten, denn der frühere Gewichtheber will sich mit der Diagnose nicht abfinden. Zu Beginn funktionieren die Medikamente auch noch hervorragend: „Ich konnte wieder spielen, singen. Alles passte.“ Aber der Zustand verschlechtert sich unaufhaltsam, die Schmerzen werden größer. Vor gut zehn Jahren kommt dann der künstlerische Super-Gau: Mitten auf der Bühne versagen ihm plötzlich die Hände, der Kopf beginnt zu zucken. Das Publikum ist wie erstarrt. Totenstille. „Da wusste ich: Jetzt musst Du aufhören. Jetzt ist Schluss.“

Heute wacht Fredl jeden einzelnen Tag auf und hofft, dass die Krankheit ihren unerbittlichen Griff kurz etwas lockert. Wenn sie ihm etwas Luft lässt, dann geht er mit Hund Mogli am Waldrand hinter seinem Bauernhaus spazieren. Oder er kontrolliert seine drei Fischweiher. Und zum Briefkasten marschiert er gerne: Manchmal liegt da nämlich Fan-Post drin. Ja, heute noch.

Logisch – neben Karl Valentin und Gerhard Polt – dürfte Fredl Fesl so ziemlich der beliebteste Bayer überhaupt sein. „Solche Schreiben tun einem dann schon gut“, sagt der Künstler. „Wenn man merkt, man hat was Gutes gemacht. Vielleicht kommen ja nach der Buch-Veröffentlichung jetzt noch mehr“, sagt er grinsend.

Da sind wir uns sicher. Denn seien wir mal ehrlich: Sind wir Bayern nicht alle ein bisserl Fredl?

Die Parkinson-Krankheit

Schüttelkrankheit – so wurde Parkinson früher genannt. Bis der englischer Arzt James Parkinson 1817 zum ersten Mal das Leiden bei einem Patienten genauer beschrieb. Rund 350 000 Menschen kämpfen derzeit in Deutschland mit der unheilbaren Nervenkrankheit. „Du hast deinen Körper einfach nicht mehr unter Kontrolle“, sagt Fredl Fesl. Vereinfacht erklärt, sterben bei Parkinson-Erkrankten die Nervenzellen im Körper ab, die Dopamin herstellen. Dieses Hormon braucht der Körper, um Steuerungsabläufe im Körper zu regulieren. Mit Medikamenten kann der Dopamin-Spiegel immerhin etwas stabilisiert werden. Die Krankheit kann jeden treffen – noch ist unklar, was sie auslöst. „An schlimmen Tagen kann ich mich kaum rühren und liege dann nur in meinem Massagestuhl“, sagt Fredl Fesl. „Hart ist, dass Du weißt: Die Schmerzen, die Einschränkungen werden nie wieder weggehen.“ Parkinson beginnt meist zwischen dem 50. und 79. Lebensjahr. Auch viele Prominente kämpfen gegen das Leiden: beispielsweise Ottfried Fischer, Schauspieler Michael J. Fox oder Sänger Ozzy Osbourne.

Von Armin Geier

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