Ex-Chef von Sozialzentrum

Freitod nach Kündigung

Landsberg - Entsetzen in Landsberg: Nach der fristlosen Kündigung hat sich der Geschäftsführer des ökumenischen Sozialzentrums das Leben genommen. Tags zuvor war in einer Pressekonferenz über die Gründe für die Kündigung informiert worden.

Nur wenige Stunden nachdem der Aufsichtsrat des Landsberger Sozialzentrums St. Martin mit Details zur fristlosen Kündigung ihres Geschäftsführers an die Öffentlichkeit gegangen war, nahm sich der 52-jährige Mann das Leben. Taucher der Bereitschaftspolizei fanden seine Leiche am Donnerstagnachmittag an einer Lechstaustufe. Dem 52-Jährigen waren „massive sexuelle Belästigung“ von Mitarbeiterinnen und finanzielle Unregelmäßigkeiten vorgeworfen worden. Am 23. Januar war er vorläufig seines Dienstes enthoben worden, der Aufsichtsrat hatte auch die Staatsanwaltschaft Augsburg eingeschaltet.

Zunächst hatte der Aufsichtsrat keine detaillierten Gründe für die Kündigung nennen wollen. Am vergangenen Mittwoch aber gab es eine Pressekonferenz, nachdem es immer mehr Nachfragen nach den Gründen für die Kündigung gegeben hatte. „Wir waren der Auffassung, dass wir in der Öffentlichkeit die erkennbare Wahrheit nicht unterdrücken dürfen. Wir haben weder verschleiert noch übertrieben“, heißt es in einer am Donnerstagabend verbreiteten Presse-Erklärung des Vorstands des Sozialwerks. Für den Vorsitzenden des Aufsichtsrates, Manfred Rapp, ist es „tragisch“, dass der Ex-Geschäftsführer „dem Druck nicht standgehalten hat“.

Zwei Geistliche, ein Notar im Ruhestand und ein Landratskandidat – aus diesen vier Personen setzt sich der Aufsichtsrat zusammen – hatten in den Tagen nach Bekanntwerden der fristlosen Kündigung „abzuwägen zwischen dem Persönlichkeitsrecht des Herrn D. und dem Interesse der Patienten, Mitarbeiter sowie der Öffentlichkeit an der Aufklärung der Ereignisse“. Im Rahmen einer Pressekonferenz am Mittwoch wurden dann Details zu den Vorwürfen publik, die man im Zuge der Kündigung weder dem Ex-Geschäftsführer noch seinem Rechtsanwalt genannt hatte. So wurde auch berichtet, dass im Safe des Geschäftsführers ein Exemplar von Hitlers „Mein Kampf“ gestanden habe, was in der Pressekonferenz als Hinweis auf den „diktatorischen Führungsstil“ des 52-Jährigen genommen wurde. „Öffentlich an den Pranger gestellt“ habe sich sein Mandant gefühlt, klagte dessen Rechtsanwalt Miguell Bertoll. Und weiter: „Ob die Vorgehensweise von den Beteiligten aus Ungeschicklichkeit, Stillosigkeit oder in verleumderischer oder beleidigender Absicht gewählt wurde, wird gegebenenfalls ein Richter zu beurteilen haben.“

Nach der Pressekonferenz, fuhr der entlassene Geschäftsführer, der Mitarbeiterinnen „massiv verbal sexuell belästigt“ und sogar eingesperrt haben soll, in der Nacht zum Donnerstag mit dem Fahrrad zur Lechstaustufe 15 und nahm sich das Leben.

Stunden später lief die Suche nach dem Vermissten an, Polizei, Feuerwehr und Wasserwacht waren mit Hubschraubern und Booten im Einsatz; am späten Nachmittag bargen Taucher der Bereitschaftspolizei den Leichnam. Der Anwalt des Toten bezeichnete die Vorgehensweise des Aufsichtsrats „ungeheuerlich“. Wer über jemanden derartige Behauptungen – egal ob wahr oder unwahr – veröffentliche, der bezwecke, dass der Betroffene keine andere adäquate Arbeitsstelle mehr finde.

Nach dem Tod des Geschäftsführers wollte sich keines der Aufsichtsratsmitglieder mehr zu dem tragischen Geschehen äußern. Eine „persönliche Stellungnahme des Aufsichtsrates“ wurde angekündigt, liegt aber noch nicht vor. Wohl aber eine Erklärung der Belegschaft des Sozialzentrums. Von „Befreiung“ ist in dem Papier die Rede und auch davon, dass man dem Aufsichtsrat sehr dankbar sei, dass er sich „schützend vor uns gestellt“ habe. Dass dieser und die Mitarbeiter des Sozialzentrums St. Martin in der Öffentlichkeit für den Freitod des Ex-Geschäftsführers verantwortlich gemacht würden, nehme man „mit Bestürzung“ wahr.

Von Toni Schwaiger

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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