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Individueller, abstrakter, persönlicher: Das Gesicht der Friedhöfe wandelt sich. 

Friedhöfe als Spiegel der Gesellschaft

“Hier liegt meine Dicke“: Der Grabstein als letzte Visitenkarte

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Zwei Forscher aus Bayern haben den Wandel der Friedhöfe untersucht – und festgestellt, dass Gräber immer mehr zu letzten Visitenkarten werden. Der Wunsch nach Individualität über den Tod hinaus wird seit einigen Jahren größer – und nimmt manchmal kuriose Ausmaße an.

München – Manche Menschen hinterlassen der Welt ein Rätsel, wenn sie sie verlassen. Es ist in Stein gemeißelt oder hat die Form eines Gegenstandes. Manchmal ist es einfach eine Figur. Und nicht immer ist die Botschaft zu knacken – das weiß wohl niemand besser als Thorsten Benkel und Matthias Meitzler. Die beiden Soziologen der Universität Passau haben in den vergangenen sechs Jahren 1100 Friedhöfe überall in Deutschland besucht. Sie wollten herausfinden, wie sich Gräber im Laufe der Jahre verändert haben – ein Thema, das bislang völlig unerforscht war. Sie haben nicht damit gerechnet, dass sie bei ihren Spaziergängen über Friedhöfe so oft schmunzeln würden.

Die Passauer Soziologen Matthias Meitzler(links) und Thorsten Benkel haben den Wandel der Gräber untersucht – und mussten dabei oft schmunzeln.

Harry Potter und Lucky Luke sind ihnen auf Grabsteinen begegnet. Aber es geht noch kurioser: Die Tigerente, die Maus aus der Sendung mit der Maus oder Hello Kitty sind als Begleiter für die Ewigkeit ausgewählt worden. „Und das nicht unbedingt nur von Menschen, die jung gestorben sind“, sagt Meitzler. Der ein oder andere hat zugunsten der Individualität ganz auf einen Grabstein verzichtet und dafür ein Symbol gewählt. Auf deutschen Friedhöfen sind die Lebensdaten auch in Mamor-Handys, -Schallplatten oder -Gitarren eingraviert. Sogar ein Grab mit QR-Code haben die beiden bayerischen Forscher bei einem Rundgang entdeckt. Wer das Symbol mit dem Handy abfotografiert, wird auf Videos oder Fotos des Verstorbenen im Internet weitergeleitet.

So einfach machen es den Friedhofsbesuchern natürlich nicht alle Toten. „Viele Botschaften sollen rätselhaft sein“, erklärt Benkel. Sie sind oft nur für die Angehörigen oder engsten Vertrauten gedacht. Oder kommen von den Angehörigen und sind absichtlich abstrakt. „Hier ruht meine Dicke“ – diese Grabinschrift fand ein Mann für seine Frau passender, als ihren Namen zu nennen. Und manchmal weiß vielleicht nur der Verstorbene selbst, was es mit dem Spruch auf dem Grabstein auf sich hat. Elisabeth D. zum Beispiel verabschiedete sich von der Welt mit dem Satz „Lasst mich in Ruhe“. Und so manch anderer nutzte den eigenen Grabstein für eine Abrechnung. „Die Dummheit der Menschen hat mich umgebracht“. „Alles Scheiße“. „Mein ist die Rache“. All diese Grabinschriften haben Benkel und Meitzler bei ihren Friedhofsrundgängen entdeckt, fotografiert und in Bildbänden dokumentiert. Der Dritte ist gerade erschienen und trägt den Titel „Game Over“ – auch eine Entdeckung auf einem bayerischen Grabstein.

So manch einer nutzt seinen Grabstein für eine Abrechnung. 

Hinter den kuriosen Gräbern steht ein sehr menschlicher Wunsch, erklären die beiden Soziologen: der Wunsch nach Individualität, nach einer ganz persönlichen Erinnerung. Lebensweltliches ersetzt traditionelle Motive. „Die Religion verschwindet nicht, aber sie verändert ihr Gesicht“, erklärt Benkel. So ist die Rose zum Beispiel das neue Kreuz. Und Tauben nicht mehr die einzigen Tiere mit Symbolcharakter. Benkel und Meitzler haben Figuren von Elefanten, Affen, Hunden oder sogar Ameisen auf Gräbern entdeckt. „Häufig stehen sie für bestimmte Charaktereigenschaften“, erklärt Matthias Meitzler.

Andere wünschen sich ein persönliches Symbol – wie Fußballschuhe.

Friedhöfe stellt dieser Trend vor Herausforderungen. Sie müssen vielen Vorstellungen gerecht werden – nicht jeder möchte seine letzte Ruhe neben Hello Kitty finden. „Im Sinne des Gesamtbildes muss die Individualität Grenzen haben“, sagt Jörg Freudensprung vom Bestatterverband Bayern. Was erlaubt ist und was nicht, regelt jeder Friedhof für sich. Aber nicht immer ist Liberalität ein Gewinn, berichtet er. Wenn er beispielsweise vor der pinken, mit Kunstblumen geschmückten Urnenwand in Bad Kissingen steht, tut ihm oft sein Bestatter-Herz weh.

Hier fand wohl ein Punk-Fan seine letzte Ruhestätte.

Freudensprung hat aber noch einen anderen Trend beobachtet: „Es gibt immer mehr Feuerbestattungen.“ Er hat dafür auch eine Erklärung. Die Familienmitglieder leben häufiger weit von einander entfernt, der Bedarf an pflegeleichten Gräbern wird größer.

Die Friedhöfe werden noch vielfältiger werden – davon sind die beiden Passauer Soziologen überzeugt. „Solange gestorben wird, wird es neue Wünsche für die letzte Ruhestätte geben“, sagt Meitzler. Und damit auch neues Material für ihre Forschungen.

Von Katrin Woitsch

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