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Die letzte Ruhe im Wandel der Zeit: Immer mehr Familien geben ein Grab nach Ablauf der Ruhefrist auf – weil ihnen die Arbeit zu viel wird oder die Angehörigen weit weg leben. Friedhöfe reagieren bereits darauf.

Die kürzer werdende Ewigkeit

Friedhofskultur im Umbruch: Deshalb gibt es immer mehr Lücken in den Grabreihen

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Bayerns Friedhöfe verändern ihr Gesicht. Gräber werden immer früher aufgegeben. Mehr und mehr Menschen wünschen sich ein Urnengrab. Das löst auf einigen Friedhöfen zwar ein Platzproblem – schafft aber auch neue Herausforderungen.

München – Die Lücken zwischen den Gräbern fallen Reiner Sörries seit vielen Jahren auf. Und sie werden mehr. Die schönen alten Familiengräber dafür immer seltener. Der 65-jährige Erlanger ist Experte für Friedhofskultur – und beobachtet schon von Berufs wegen den Wandel der bayerischen Friedhöfe genau. Ihnen ist anzusehen, wie sich unsere Gesellschaft verändert, betont Sörries. Die Mobilität und der demografische Wandel haben Auswirkungen auf die letzte Ruhe. Und die ist seit einigen Jahren nicht mehr so ewig wie sie früher war. Viele Gräber werden schon nach Ablauf der Ruhefrist wieder aufgegeben. Weil die Angehörigen nicht mehr dort leben, wo ihre Eltern begraben sind. „Gerade ältere Menschen, machen sich Sorgen, dass sich irgendwann niemand mehr um ihr Grab kümmert“, erklärt Sörries. Auch deshalb liegen Urnengräber seit Jahren im Trend.

Kürzere letzte Ruhe stellt Friedhöfe vor Probleme

Das sich das Gesicht der Friedhöfe wandelt, beobachtet auch Jörg Freudensprung vom bayerischen Bestatterverband. „Statistiken gibt es dazu zwar nicht“, sagt er. Aber dass die Familiengräber, die über Generationen hinweg gepflegt werden, seltener werden, sei nicht zu übersehen. Grabfelder werden schneller wieder frei. „Die Ruhefrist hängt von der Beschaffenheit des Bodens ab“, erklärt Freudensprung. In der Regel betrage sie zehn bis 20 Jahre. Das löst zwar auf einen Friedhöfen ein Platzproblem. Über Friedhofserweiterungen werde inzwischen kaum noch diskutiert. Sörries sagt sogar: „Die Gemeinden, die in den 80er-Jahren noch darüber nachgedacht haben, haben total an der Realität vorbeigeplant.“ Trotzdem stellt die kürzere letzte Ruhe die meisten Friedhöfe vor Probleme.

Denn die Verwaltungskosten bleiben dieselben, erklärt Freudensprung. „Einige Friedhöfe denken deshalb über eine Erhöhung der Grabkosten nach“, sagt er. „Vor allem kalkulieren sie genauer.“ Dafür werden sehr alte Grabstellen inzwischen sehr günstig vergeben, berichtet er weiter. „Die Friedhöfe müssen sie erhalten, weil sie meistens unter Denkmalschutz stehen. Deshalb sind sie froh, wenn sie jemanden finden, der diese Flächen in Ordnung hält.“ Die Nachfrage nach historischen Grabanlagen ist aber gering.

Der Wandel der letzten Ruhe werde sich nicht aufhalten lassen, glaubt Friedhofs-Experte Sörries. Doch seiner Meinung nach müssten die Friedhöfe viel mehr auf die veränderten Anforderungen reagieren. „Sie müssen neue Wege gehen, um attraktiv zu bleiben und in der heutigen Zeit Begegnungsstätten zu sein.“ Andere Länder seien da wesentlich weiter als Deutschland, berichtet er. So biete Wien beispielsweise einen Online-Shop für Grabstätten an. In Österreich gibt es auch Friedhöfe, an deren Eingangstor man als Besucher E-Bikes ausleihen könne, erzählt er.

Eine Überlegung wert wären auch Cafés auf Friedhöfen, findet er. „In Belgien wird sogar W-Lan angeboten. In Linz werden Trauerfeiern auf Wunsch live übertragen, wenn Verwandte weit entfernt wohnen.“ Sörries weiß gut, dass auf solche Ideen nicht alle begeistert reagieren. „Man wird nie allen gerecht“, sagt er. „Einige sind schockiert, andere sagen: Endlich tut sich etwas.“ Trotzdem findet er, müssen sich die Friedhöfe auch in Deutschland mehr auf die junge Generation einstellen und alte Denklinien zumindest hinterfragen. „Nur so können sie sich bedarfsorientiert für die Zukunft aufstellen.“ Er hat das Gefühl, dass das in vielen Gemeinden inzwischen passiert. „Deutschland ist im internationalen Vergleich eher konservativ, was die Friedhofskultur angeht. Aber seit einigen Jahren kann man beobachten, dass das langsam aufbröckelt.“

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