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Blumen für die Lieben: Irmgard Schneider schmückt das Familiengrab der Familien Lutzenberger und Schneider auf dem Bergfriedhof St. Georg in Oberau (Landkreis Garmisch-Partenkirchen) zu Allerheiligen.

Diskussion

Friedhofszwang: Urne auf dem Kamin-Sims?

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Immer mehr Menschen wollen die Asche ihrer Lieben zu Hause aufbewahren. Der Friedhofszwang verbietet das. In Bremen wird das Gesetz jetzt gelockert. In Bayern ist das undenkbar.

Omas Asche auf dem Kamin-Sims? Ja klar geht das. Bislang allerdings nur in amerikanischen Spielfilmen. In Deutschland – undenkbar. Der Friedhofszwang verbietet es. Noch. Ausgerechnet das kleinste Bundesland, der Stadtstaat Bremen, rüttelt jetzt an dieser Vorschrift. Angehörige sollen die Asche ihrer Lieben auf dem eigenen Grund oder öffentlichen Plätzen verstreuen dürfen. Eine Revolution. Ohne Hürden geht das bislang nämlich nirgendwo in Deutschland.

Auch in Bayern wurden längst Forderungen laut, das Bestattungsgesetz zu lockern. Aber: Noch bleiben zu viele Fragen ungeklärt. Und natürlich die Sache mit der Moral. „Die Totenruhe und der würdevolle Umgang mit den Verstorbenen wäre nicht in jedem Fall sichergestellt“, sagt eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums.

Zunächst zum Gesetzlichen: Die Totenruhe ist im Grundgesetz verankert. Nach Ansicht des Ministeriums schützt eben der Friedhofszwang die Totenruhe. Kurz gesagt verbietet es der Friedhofszwang, Tote außerhalb eines Friedhofs zu bestatten. Das gilt für die Asche und den Leichnam gleichermaßen. Zwei Ausnahmen gibt es. Die Seebestattung – die Aschereste werden im Wasser verstreut – und die Naturbestattung – Angehörige können die Urnen an Baumwurzeln im Waldfriedhof beisetzen.

Der rot-grünen Regierung in Bremen reichte das nicht. Sie hatte einen Trend hin zu alternativen Bestattungsformen in der Bevölkerung ausgemacht und handelte. Ursprünglich sollten Hinterbliebene sogar die Asche daheim behalten dürfen. Zwei Jahre lang. Ganz nach amerikanischem Vorbild. Dagegen regte sich Widerstand. Juristen sahen rechtliche Bedenken, viele andere vor allem ethische. Die Regierung lenkte ein und überarbeitete ihren Entwurf. Nun gilt: Die Asche darf auf Privatgrundstücken und öffentlichen Plätzen verstreut werden, wenn das der Betroffene schriftlich anordnet. Im November soll die Änderung verabschiedet werden.

Die Kirchen – evangelische und katholische Kirche argumentieren ähnlich – sind entsetzt und protestieren. Die Bremer Neuregelung führe „zu einer Privatisierung von Tod und Trauer“, die die Erinnerungskultur infrage stelle, sagte Pastor Bernd Kuschnerus von der Bremischen Evangelischen Kirche. „Dem können wir uns nur anschließen“, sagt Christoph Kappes vom Erzbistum München-Freising. Eine gelockerte Regelung in Bayern lehne die Erdiözese strikt ab.

Kritisch beäuge zwar auch die bayerische Staatsregierung die Bremer Regelung – „neuen und besonderen Bestattungsformen“ stehe sie aber nicht grundsätzlich entgegen, so eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums. Sobald die Alternativen aber auf eine Aufhebung des Friedhofszwangs abzielen, ist für die Regierung die Grenze überschritten. „Das erscheint uns mit der Bestattungskultur der christlichen Tradition und dem Empfinden des überwiegenden Teils der Bevölkerung nicht vereinbar“, sagte die Sprecherin. Heißt im Klartext: In Bayern ändert sich erstmal nichts. Wer sich übrigens nicht ans Bestattungsgesetz hält und Leichen anderweitig bestattet, muss eine Geldstrafe fürchten.

Alle anderen landen bei Jörg Freudensprung oder einem seiner Kollegen. Der Münchner ist Bestattungsunternehmer. Einer von 240 in Bayern. Auch er hat „Bauchschmerzen“, wenn er an das Ende des Friedhofszwangs denkt. Nicht wegen der Moral: „Ich organisiere auch eine Trauerfeier im Garten – da arbeiten wir kundenorientiert“, sagt er. Vielmehr wären es neben finanziellen Einbußen vor allem rechtliche Fragen. Was passiert mit der Urne, sobald ein Haushalt aufgelöst wird? Darf oder muss der Vermieter sie dann entsorgen? Welches bei zwei zerstrittenen Kindern darf die Asche zu Hause aufbewahren, wie oft und wann darf das andere dann zu Besuch kommen?

„Wir hatten Gespräche mit der Politik darüber. Aber keiner wusste, wie man vorgehen soll“, sagt Freudensprung. Der Vize-Chef des bayerischen Bestatterverbands sieht noch ein viel größeres Problem – im Falle einer Gesetzesänderung. „Das kann zum Friedhofssterben führen.“ Ein privater Platz kostet schließlich viel weniger Geld. „Ein Horrorszenario“, betont Freudensprung. Deshalb sagen er und das Gros der Politiker (noch): „Lassen wir’s, wie’s ist.“

Von Andreas Mayr

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