Seite aus dem Kriegs-Tagebuch von Klara Dennerlein, die damals auf die Münchner Luisen-Schule ging, und die fast täglich den Frontverlauf notieren musste. Eingesandt von ihrem Sohn Werner Biebel aus Schönberg (Kreis Mühldorf).

Serie zum Ersten Weltkrieg

Frontbericht in Schönschrift

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München - Kriegs-Tagebücher, patriotische Fibeln, Besinnungsaufsätze über den Heldentod – die Schule erniedrigte sich im Ersten Weltkrieg zur Anstalt für Kriegsverherrlichung. Nicht alle Schüler parierten wie gewünscht.

Es ist der Winter 1914/15, die erste Kriegseuphorie ist verflogen. Stellungs- statt Bewegungskrieg. Im November 1914 hat Paul von Hindenburg das Oberkommando über alle deutschen Truppen im Osten erhalten. Ein Kriegsheld. Die neunjährige Klara Dennerlein, die in die Münchner Luisen-Schule geht, malt mit geschnörkelten Lettern „Heil Hindenburg“ in ihr Heft und klebt ein Foto vom Feldmarschall dazu. In Schönschrift schreibt sie die Frontlage in ihr „Kriegs-Tagebuch“.

20. Januar: 1. Zeppelinangriff auf die englische Ostküste.
31. Januar: 4 englische Dampfer von U21 in der Irischen See versenkt.
12. Februar: Winterschlacht in den Masuren. In neuntägiger Winterschlacht wurde die 10. russische Armee fast ganz aufgerieben.

Das schreibt Klara, von der Schule ganz auf Krieg eingeschworen. Kein Einzel-, sondern der Normalfall. Der Schulanzeiger für Unterfranken und Aschaffenburg gibt den Lehrern unter der Überschrift „Kriegsaufsätze für die Volksschule“ die Themen vor: Russen in Ostpreußen, Hindenburg, Metallsammlung, „Morgen marschieren wir“, Morgenrot, ein Soldatengrab und vieles andere mehr schlagen die Schulpädagogen vor.

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„Überzogener Patriotismus und kritiklose Anpassung“ waren die herrschende Triebfeder in bayerischen Schulen, sagt Eduard Stenger vom Schulmuseum in Lohr am Main. Er hat für eine Sonderausstellung über „Erziehung zum Krieg 1914-1918“ etliche Fundstücke zusammengetragen. Kriegsaufsätze, patriotische Postkarten, Fotos, Bekanntmachungen über „Kriegsmaßnahmen“ an der „Heimatfront“ – womit auch mal die „Verwendung der Schuljugend zu landwirtschaftlichen Arbeiten“ gemeint sein konnte. Bauern und Knechte waren an die Front eingezogen, also mussten die Schüler auf den Acker. Der Krieg als Unterrichtsprinzip.

Das Thema blieb, die Stimmung wandelte sich. Ab 1916 verordneten die Kriegspädagogen Durchhalteparolen. „Dein Bruder, der im Felde steht, wird mutlos; schreibe ihm einen ermunternden Brief“, lautete nun ein Aufsatzthema. Ein Schüler aus Neustadt gehorcht: „Lieber Bruder!“, schreibt er. „Du warst doch immer so sehr diensteifrig. Warum willst Du jetzt nicht mehr ausdauern und ausharren, bis wir den Sieg errungen haben?“ Mädchen stricken im Unterricht jetzt Socken und Ohrenschützer. In der Schule wird es Pflicht, „deutsche“ Ausdrücke zu verwenden – Mutter statt Mama, Lebwohl statt Adieu.

„Der Kriegs-Struwwelpeter“, gedruckt München 1915: der deutsche Wilhelm taucht die Feindmächte ins Tintenfass.

Bei den Kindern funktioniert das, Heranwachsende haben ihre eigene Meinung. Der Primaner Bertolt Brecht, damals 18, muss 1916 am Augsburger Gymnasium Horaz („Süß und ehrenvoll ist es, für das Vaterland zu sterben“) in einem Aufsatz bearbeiten. Er schreibt: „Der Ausspruch, daß es süß und ehrenvoll sei, für das Vaterland zu sterben, kann nur als Zweckpropaganda gewertet werden.“ Und weiter: „Nur Hohlköpfe können die Eitelkeit so weit treiben, von einem leichten Sprung durch das dunkle Tor zu reden.“

Brecht fliegt beinahe von der Schule, im Schulzeugnis wird sein Betragen als „nicht tadelsfrei“ bezeichnet.

Dirk Walter

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