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Ein Laster voller Weißbier. Bei den Unertls dreht sich schon seit Ewigkeiten alles um das obergärige Bier.

Die Geschichte der Familie Unertl

Die Weißbiermacher aus Haag

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Haag - Sie heißen Alois I, Alois II, Alois III und Alois IV. Bei der Brauerei Unertl aus Haag kümmern sich seit Generationen Männer mit dem gleichen Namen um ein unverfälschtes Weißbier. Eine Geschichte über die ewige Liebe zum Bier.

Der Ausflug ins Weißbierwunderland beginnt, so muss das sein, mit einem Weißbier. Es ist bernsteinfarben, frisch eingeschenkt und hausgemacht. Der schnauzbärtige Brauerei-Chef Alois Unertl, 59, trinkt es daheim am Esstisch, während er sich ein bisserl in Rage schimpft. „Unertl“, sagt er, „ist Unertl. Aus. Amen. Wer’s ned mag, der muss was anders saufen.“ So spricht einer, der eine über hundertjährige Weißbiertradition im Rücken hat. Einer, der eh kein Blatt vor den Mund nimmt. Hier in Haag, einer gemütlichen Marktgemeinde mit 6200 Einwohnern im Kreis Mühldorf, leben sie Weißbier, lieben sie Weißbier, können sie nicht ohne Weißbier. Das obergärige Gebräu ist im wahrsten Sinne des Wortes das Lebenselixier der Familie Unertl.

Die Familie Unertl aus Haag im Kreis Mühldorf. Seit 1948 brauen sie hier schon in der eigenen Brauerei. 

Alois Unertl trinkt noch einen Schluck. Dann erzählt er, wie alles angefangen hat, nämlich mit einem Wurstkessel. Sein Vater, ein auf zacker, couragierter Braumeister, kam nach dem Krieg und nach englischer Kriegsgefangenschaft 1948 heim nach Bayern, fand hier in Haag eine leerstehende Brauerei, übernahm sie und wollte sofort anfangen zu brauen. Ging aber nicht. Die Nazis hatten in den Jahren zuvor die komplette Brauanlage konfisziert, die Kupfer- und die Messingteile. Kriegswichtiges Material, so hieß das damals. Aber ein Metzger hatte Mitleid mit dem ambitionierten Brauer, vielleicht aber auch einfach nur großen Durst. Jedenfalls schenkte er ihm kurzerhand einen ausrangierten, undichten Wurstkessel aus Kupfer. Hier drin entstand sie, die Charge Nummer eins, 300 Liter Weißbier. Das war die Geburt des Haager Weißbräu in einem Wurstkessel. Irgendwie eine herrliche Vorstellung.

Inzwischen arbeiten die Unertls schon längst nicht mehr mit Wurstkesseln, der Ausstoß der seit jeher familiengeführten Brauerei liegt bei 27 000 Hektolitern Weißbier im Jahr, was anderes machen sie hier sowieso nicht. Da sind die Unertls traditionsbewusst, man kann auch sagen: stur. Kein Schnickschnack, kein Helles, erst recht keine pappsüßen Biermischgetränke – nur Weißbier, aber mit besonders hohem Weizenmalzanteil. Die Welt schlägt Purzelbäume und die Unertls brauen Weißbier, Jahrzehnt für Jahrzehnt. Gleiche Rezeptur, gleicher Geschmack. Das ist wahre Entschleunigung.

Offene Gärung macht Arbeit: Juniorchef Alois IV bei der Kühltrubentfernung im Gärkeller. Nach dem Kühltrub steigt schneeweiße Hefe in den Gärgefässen auf, die dann frisch geerntet werden kann. 

Schon der Großvater von Alois Unertl war Brauer, bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs arbeitet er bei Paulaner in München, später eröffnet er eine eigene Brauerei in Mühldorf. Auch er braut damals schon Weißbier. Und auch er heißt Alois Unertl oder um genauer zu sein: Alois Unertl I. Denn irgendwann wurde es bei den Unertls unübersichtlich vor lauter Aloisen. Es gibt auch noch Alois II, das ist der mit dem Wurstkessel. Danach kam Alois III, der gerade am Tisch sitzt und sein Weißbier trinkt. Neben ihm sitzt sein 37-jähriger Sohn und Juniorchef der Brauerei Alois IV, der wiederum einen vierjährigen Sohn hat, der auf den schönen Namen Alois V hört. So läuft das in einer Weißbierdynastie, nicht nur die Leidenschaft für Hefe, Hopfen und Malz wird vererbt, sondern auch der Name. Die Liebe der Aloise zum Bier ist seit einem guten Jahrhundert ungebrochen.

Sogar der Kleinste kennt sich schon aus, dass einem die Ohren wackeln. Erst kürzlich ist Alois V mit seinem Vater wieder in Oberbayern umhergefahren, Kundenbesuche. Immer wieder hat Alois V rausgedeutet – auf Wirtshäuser. Er ist zwar erst vier, aber er weiß haargenau, wo in der Umgebung Unertl ausgeschenkt wird. Beeindruckend. Dann haben sie irgendwann angehalten, an einem Wirtshaus. Alois V hat sich kurz umgeschaut, aber dann hat sich seine Miene verdüstert. „Die ham an super Spielplatz“, hat er gesagt, „aber leider koa Unertl.“ Das passiert, wenn man in einer Brauerei groß wird. Man weiß mit vier Jahren schon alles, was man über Bier wissen muss, nämlich dass das eigene das beste auf der Welt ist.

Aber natürlich ist die Sache mit dem Bier Geschmackssache. Jeder hat seine Lieblingsmarken, auf die er schwört. Und zusätzlich hat fast jeder ernsthafte Biertrinker Sorten, die er meidet wie der Teufel das Weihwasser. Es gibt wohl nirgends so viele tausendprozentige Experten wie beim Bier. Brauerei-Chef Alois III hat schon unzählige erbitterte Diskussionen mit Unertl-Trinkern geführt. Das flaschengegärte, naturtrübe Weißbier gibt es mit Bügelverschluss und mit Kronkorken. Es gibt einige Kunden, die glauben felsenfest, dass es sich um zwei verschiedene Weißbiersorten handelt. Wollen sie rausgeschmeckt haben. Stimmt natürlich nicht. Inzwischen lässt sich Alois III auf keine Diskussionen mehr ein, sondern sagt: „Sie sind ja ein echter Feinschmecker – da ist ja noch gar keiner davor draufgekommen. Respekt.“ An dieser Antwort haben die Kunden die allergrößte Freude. Weil Biertrinken in Bayern, im Unterschied zu allen anderen Erdteilen, halt nicht nur Sache der Kehle, sondern auch des Herzens ist.

Als es in München in den 1970er-Jahren die ersten Bio-Läden gab, ging das Unertl-Weißbier dort weg wie Bolle. Das lag jetzt nicht direkt am Geschmack, vielleicht auch, aber vor allem am Bügelverschluss. Darauf ist die alternative Szene abgefahren. Das galt in manchen Kreisen als schick.

So geht Familienbetrieb: Das Büro ist mitten in der Wohnstube. Betty Unertl am Telefon, ihr Ehemann Alois III am Computer.

In anderen Kreisen galten die Ploppflaschen aus ganz anderen Gründen als angesagt. Die Unertls haben in den 1970er-Jahren mal kurz überlegt, die Bügelflaschen abzuschaffen, aber das ganz schnell sein lassen. Dazu beigetragen hat auch der sachdienliche Hinweis eines Stapler-Fahrers in einem Holzwerk, den Alois III irgendwann zufällig getroffen hat. „Hey Unertl, ich will nur Bügelflaschen“, hat er dem Brauer zugerufen, „weil die kann ich schneller saufen.“ Okay, auch ein Argument. Jedenfalls gibt’s die „Maurer-Flasche“ bei den Unertls bis heute.

Vieles ist in all den Jahren gleich geblieben, aber es hat sich doch auch genug verändert. „Mit innerer und äußerer Unruhe“, sagt Alois III, hat sich die Familie vor Jahren entschieden, leichtes Weißbier ins Programm zu nehmen. „Das ist wie wenn ein Koch eine Wurst heiß macht“, sagt der Brauer. Sprich: schon irgendwie kochen, aber doch nicht richtig. Aber mit aller Gewalt gegen den Zeitgeist stemmen wollen sich die Unertls natürlich nicht. Inzwischen hat sich die Familie bestens damit arrangiert. Aktuell macht die Brauerei 40 Prozent des Umsatzes mit leichtem Weißbier.

In Haag wird noch in Flaschen mit traditionellen Bügelverschlüssen abgefüllt.

Die Menschen trinken weniger Bier, aber dennoch sind es gute Zeiten für die Unertls. Das Weißbier-Geschäft brummt. Aber es gab auch andere Zeiten. Vor vielen Jahren hat eine zweite Brauerei aus Haag plötzlich angefangen, ebenfalls Weißbier zu brauen. Auf einen Schlag waren 50 Prozent des Umsatzes weg. Die Konkurrenz in der Nachbarschaft hat das Leben der Unertls gehörig durcheinandergewirbelt. Alois III sollte plötzlich Zahnarzt werden, so wollten es seine Eltern. Weil ein Leben als Braumeister im eigenen Betrieb zu unsicher erschien. Aber es kam dann doch ganz anders: Die andere Brauerei musste irgendwann dicht machen – Unertl überlebte. Die Tradition überlebte.

Alois III und Alois IV sind oft sechs Abende die Woche im Wirtshaus. Als Brauereichefs muss man sich bei seinen Wirten sehen lassen. Das macht Eindruck, das schafft Vertrauen. Deswegen machen sie es. Aber auch noch aus einem anderen Grund. „Jeder dort hat ein offenes Herz und eine lockere Zunge“, sagt Alois IV. Hier, das weiß jeder, erfährt man Dinge, die man sonst nirgends auf dieser Welt erfährt. Diesem magischen, süffigen Getränk namens Bier sei Dank.

Stefan Sessler

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