+
Ohne Assistenten kann Christian Löhr seinen Alltag nicht bewältigen.

Teilhabe am Berufsleben

Assistenten dringend gesucht

  • schließen

Ohne Arbeitsassistenz ist für viele Menschen mit schwerer Behinderung die Teilhabe am Berufsleben nicht möglich. Diese Hilfe wird zwar finanziert, Betroffene müssen ihre Assistenten aber selbst finden. Und das wird immer schwerer, seit der Zivildienst weggefallen ist.

München – Für Christian Löhr besteht die Welt aus unzähligen Hürden, die er alleine nicht überwinden kann. Seit seiner Geburt ist er schwerbehindert. Er hat in allen Körperteilen ein Gefühl, kann auch auf seinen Beinen stehen, ist aber auf einen Rollstuhl und etliche technische Hilfen angewiesen. Morgens allein aus dem Bett aufzustehen, allein zu duschen, allein in die Arbeit zu fahren – all das wäre für ihn unmöglich. Und trotzdem ist der 48-Jährige seit seinem BWL-Studium durchgehend berufstätig gewesen. Erst als Unternehmensberater und Projektleiter, dann wechselte er in eine Münchner Behörde.

Seine Teilhabe am Berufsleben ist nur durch die Arbeitsassistenz möglich. Menschen mit schwerer Behinderung haben einen Rechtsanspruch auf diese Assistenz. Die Kosten werden ihnen erstattet. Wenn sie ihre Assistenten nicht über einen ambulanten Dienst buchen wollen, müssen sie sie selbst einstellen. Das hat Löhr sein Leben lang getan. Nur seit einigen Jahren wird es für ihn immer schwerer, Assistenten zu finden. Und das geht nicht nur ihm so.

Die Vereinigung Integrations-Förderung (VIF) betreut rund 500 Kunden mit körperlicher Behinderung – und ist eigentlich immer auf der Suche nach passenden Assistenten, erklärt der Geschäftsführer Rudolf Seidl. „Wir haben etwa 200 Assistenten angestellt“, sagt er. Gut 200 weitere sind in einer Helfer-Datei registriert. Das reiche allerdings nicht, um für jeden Kunden einen Assistenten zu finden. „Früher konnten wir vor allem Zivildienstleistende dafür gewinnen“, berichtet Seidl. Nach dem Zivi hätten viele studiert und nebenher als Assistenten weiter gejobbt. Oder sie hätten ihren Kommilitonen davon berichtet. „Das war ein Selbstläufer“, erzählt Seidl. Nun sei nicht nur der Zivildienst weggefallen. „Auch das Studium hat sich verändert. Es gibt mehr Anwesenheitspflicht und größeren Druck, schnell den Abschluss zu machen.“ Das spürt sein Verein. Es gibt kaum noch Studenten in der Helferdatei.

Aus einigen Assistenten wurden im Laufe der Zeit Freunde

Die VIF versucht schon seit einiger Zeit, gegenzusteuern. Mit Imagefilmen für die sozialen Netzwerke, mit Anzeigenkampagnen, mit Beiträgen auf Jobportalen. Das Problem: Der Stundensatz ist niedrig, er liegt bei 12,27 Euro. Die VIF vermittelt die Assistenten kostenlos weiter. „Wir finanzieren uns nur durch Spenden und staatliche Fördergelder“, betont Seidl. Ziel der VIF ist es, die Familien zu entlasten und schwer körperlich behinderten Menschen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

Christian Löhr ist seit Langem Kunde der VIF. Aber er sucht auch selbst auf allen Wegen nach Arbeitsassistenten. Fünf bis sechs Helfer wären ideal, um seinen Alltag zu bewältigen, sagt er. Aktuell habe er drei bis vier. Die meisten sind auf 450-Euro-Basis angestellt.

Morgens und spät abends hilft ihm seine Verlobte Christine Offtermatt. Aber er braucht jemanden, der ihn zur Arbeit bringt, der ihm seinen Arbeitsplatz organisiert, alle wichtigen Unterlagen in Reichweite legt. Beim Mittagessen helfen ihm seine Kollegen. Gegen 16 Uhr kommt wieder ein Assistent in sein Büro und unterstützt ihn zum Beispiel beim E-Mail- Schreiben. Löhr arbeitet zwar mit einer Spracherkennung. „Aber je komplexer die Texte werden, desto mehr Fehler können dabei passieren.“ Auch bei Tabellen braucht er Hilfe – all diese Aufgaben legt er auf den späten Nachmittag, um sie gemeinsam mit einem Assistenten zu erledigen. Zweimal wöchentlich muss er zur Therapie gebracht werden und anschließend nach Hause. „Für diese Hilfe braucht man keine Ausbildung“, erklärt er. Nur eine gewisse Offenheit. „Man darf einfach keine Berührungsängste haben.“ Die richtigen Handgriffe erklärt Löhr neuen Assistenten selbst.

Das Wichtigste sei, dass es menschlich passe. Zu der Hilfe gehört viel Vertrauen, betont er. Bisher hatte er immer Glück, aus vielen seiner Assistenten sind im Laufe der Jahre Freunde geworden. Bei zwei von ihnen war er Trauzeuge. Das wertvollste Geschenk bekommt er von ihnen aber jeden Tag aufs Neue: die Chance auf Teilhabe am Berufsleben.

Kontaktmöglichkeit

Christian Löhr ist unter der Nummer 0172/8452444 oder der E-Mail bewerbungen@loehr.ch erreichbar. Weitere Infos zur VIF gibt es unter www.vif-selbstbestimmt-leben.de.

Mehr zum Thema

Meistgelesene Artikel

42-Jähriger flieht mit E-Scooter vor Polizei - und prallt gegen eine Hauswand 
In Nürnberg wollte ein Mann (42) mit einem E-Scooter vor der Polizei fliehen. Er prallte gegen eine Hauswand - und brach sich das Schlüsselbein.
42-Jähriger flieht mit E-Scooter vor Polizei - und prallt gegen eine Hauswand 
Polizei kontrolliert Autofahrer und macht unglaubliche Entdeckung 
Polizisten haben in Passau einen Autofahrer kontrolliert. Die Beamten wollten seinen Führerschein sehen.  
Polizei kontrolliert Autofahrer und macht unglaubliche Entdeckung 
Nach umstrittenem Video: Werberat kritisiert Katjes - “sehr einseitige Darstellung“
Katjes hat einen Werbespot für vegane Schokolade veröffentlicht. Die industrielle Milchviehhaltung kommt dabei nicht gut weg. Kritik kommt auch vom Werberat.
Nach umstrittenem Video: Werberat kritisiert Katjes - “sehr einseitige Darstellung“
Sozialunterkunft steht in Flammen - 14 Menschen teils spektakulär evakuiert 
Bei einem Brand in einer Sozialunterkunft in Mittelfranken hat die Feuerwehr 14 Bewohner auf teils dramatische Weise gerettet.
Sozialunterkunft steht in Flammen - 14 Menschen teils spektakulär evakuiert 

Kommentare