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G8-Schüler bei der Abiturprüfung.

Gymnasium: Entscheidung offen

G8 und kein Ende: 14 Jahre Diskussion

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14 Jahre nach seinem Start ist das G8, wenn nicht alles täuscht, ein Auslaufmodell. 13 Abiturjahrgänge werden das G8 am Ende absolviert haben – die letzten wohl im Jahr 2023. Ein Blick zurück zeigt: Von Anfang an war die Schulzeitverkürzung umstritten.

Der Stolper-Start

Eine Wahl mit Folgen: Im September 2003 triumphiert die CSU mit 60,7 Prozent. Erstmals ausgerüstet mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit im Landtag macht sich Ministerpräsident Edmund Stoiber ans Werk: Im Oktober 2003 setzt er eine Klausur im Kloster Seeon an – dort fällt die Entscheidung, das Gymnasium um ein Jahr zu verkürzen. Solange die damaligen Sitzungsprotokolle nicht freigegeben sind, ist der Ablauf nicht genau zu klären. Als sicher gilt, dass Stoiber eine Abfrage in den Bundesländern durchführen lässt. Ergebnis: Das G8 gewinnt an Zustimmung. Anstatt Lehrplan und Stundentafel vernünftig vorzubereiten und noch ein Jahr zu warten, will er den Rückenwind durch die gewonnene Wahl nutzen und das G8 schon im nächsten Schuljahr einführen. Für den 6. November wird eine Regierungserklärung angekündigt. Doch schon am 4. November 2003 sickert die Entscheidung, unglücklich für die CSU, am Rande einer Pressekonferenz des Bayerischen Philologenverbands durch. Vorsitzender Max Schmidt spricht von einem „massiven Einschnitt in die Bildungslandschaft“. Wir kommentieren: „Edmund Stoiber wagt den Sündenfall.“

Das G8, 1. Variante:

Der 6. November 2003: Stoibers Regierungserklärung gerät zur Blut-, Schweiß- und Tränenrede. Der Regierungschef verkündet Kürzungen bei der Verwaltung. Juristen trauern ihrem „Bayerischen Obersten Landesgericht“ nach, das künftig wegfällt, die Lehrer ihrem 13. Gymnasiums-Schuljahr. O-Ton-Stoiber: „Das deutsche Bildungssystem raubt den Jugendlichen im europäischen Vergleich wertvolle Zeit, die sie für Familiengründung, Beruf und den Aufbau ihrer Altersversorgung nutzen könnten.“ Kultusministerin Hohlmeier legt im Dezember – zwei Monate nach der Entscheidung – erste Pläne vor: Sie hebt die Intensivierungsstunden hervor, in denen die Klasse geteilt wird. In der 5. und 6. Klasse soll es je drei Stunden wöchentlich geben, in der 7. bis 10. Klasse je zwei. Das seit 30 Jahren übliche Oberstufen-System mit Grund- und Leistungskursen nennt sie „kompliziert“, es wird abgeschafft.

Der Proteststurm

Das G8 führt, was selten der Fall ist, zum einhelligen Protest von Lehrerverbänden verschiedener Couleur. Der konservative Philologenverband und die linke GEW verurteilen im Januar 2004 in einer gemeinsamen Erklärung das „Hauruckverfahren“ und „populistischen Aktionismus“ der CSU-Staatsregierung. Hohlmeier kritisiert „das Aufhetzen von Kindern in den Schulen“. Ausgerechnet an Weihnachten wird publik, dass Schulleiter für ihre Kritik am G8 gemaßregelt werden. Der Leiter des Nürnberger Melanchthon-Gymnasiums, der in einem Elternbrief einen „Flächenschaden“ beklagte, muss sich gegenüber dem Ministerium schriftlich rechtfertigen. Per Rundschreiben erinnern die Ministerialbeauftragten die ihnen unterstehenden Schulleiter daran, dass sie „keinesfalls“ Eltern und Schüler „zu Protestaktionen aufrufen“ dürften. Schlagzeilen macht kurz vor den Sommerferien 2004 den „Fall Schrägle“: Friedrich Schrägle, Schulleiter am Rottmayr-Gymnasium in Laufen, wurde nach seiner G8-Kritik ins 400 Kilometer entfernte Alzenau versetzt. Das Ministerium begründet das mit Streitereien im Lehrerkollegium und mit Eltern. Am Ende macht Hohlmeier die Versetzung rückgängig, seine Rehabilitierung erreicht Schrägle nur auf dem Gerichtsweg.

Gekürzter Lehrplan

„Kelten und englische Sagen gestrichen“, titelt unsere Zeitung, als im Mai 2004 erste Details zum gekürzten Lehrplan bekannt werden. Klar ist: für das G8 soll der Lehrplan geschrumpft werden. „Entschlackung“, „Entrümpelung“, „überflüssiges Detailwissen“ werden zu Lieblingsvokabeln vieler CSU-Politiker. Fast jedes Fach muss bluten. In Latein wird im ersten Lernjahr die Übersetzung vom Deutschen ins Lateinische von der Muss- zur Kann-Bestimmung herabgestuft.

Erstes Volksbegehren

Am 11. März 2005 initiieren Eltern aus dem Fränkischen ein Volksbegehren. Sie fordern die Rückkehr zum G9. Doch nur 2,4 Prozent, 221 745 Bürger, tragen sich ein. Notwendig wären zehn Prozent gewesen. Der Bayerische Philologenverband wirbt nicht offensiv für das Begehren, was Mitglieder intern kritisieren.

G8, 2. Variante

Am 15. April 2005 tritt Monika Hohlmeier im Zuge der Münchner CSU-Affäre zurück, Nachfolger wird der Eichstätter Abgeordnete Siegfried Schneider. Quasi zur Begrüßung kommt ein (von Schneider nicht zu verantwortendes) Büchergeld – für jeden Grundschüler 20, für alle anderen Schüler 40 Euro je Schuljahr. Die Entscheidung wird nach einem Proteststurm wieder gekippt. Schwieriger sind Kurskorrekturen beim G8, denn die Klagen von Schülern, Lehrern und Eltern reißen nicht ab. Nach einer Umfrage der Landeselternvereinigung vom März 2007 benötigt jeder vierte G8-Schüler Nachhilfe. Ende 2007 setzt Schneider eine Arbeitsgruppe unter Leitung seines Staatssekretärs Bernd Sibler ein, die den Lehrplan erneut auslichten soll. Geschichte, Physik, Englisch – allenthalben wird gestrichen. „G8 mit weniger Kaiser Wilhelm II“, titelt unsere Zeitung in Anspielung darauf, dass auch der letzte deutsche Kaiser der Kürzung zum Opfer fällt. Schneider verfügt zudem, dass es ab 2008/09 in der 5. Klasse keinen Nachmittagsunterricht mehr geben darf, in der 6. bis 8. Klasse nur mehr einen Nachmittag, später dann zwei. Auch die einst viel gepriesenen Intensivierungsstunden, die eigentliche Innovation des G8, werden reduziert. 2009 veröffentlicht der ehemalige Lehrer Werner Huber als Buch eine Abrechnung mit dem G8. Seine Bilanz: „Die Qualität des Gymnasiums hängt nicht von der Beschleunigung des Schulkarussells ab, nicht von der Zahl der Schulversuche und Projekte, nicht vom Mitmachen bei jeder Mode.“ Schule sei zwar „institutio semper reformanda“ – eine Institution mit ständigem Reformbedarf. „Nur sollte sie nicht mit der Brechstange reformiert werden, sondern mit Augenmaß, Anstand und Stil.“

Philologen pro G9

Auf zurückgehende Schülerzahlen vor allem an Land-Gymnasien, die auf Bus-Transfers ihrer Schüler angewiesen sind, reagiert das mittlerweile von Ludwig Spaenle geführte Kultusministerium mit einem neuen Versuch: Es führt ein Flexibilisierungsjahr ein – Schüler der Mittelstufe können einen Jahrgang in einer zweijährigen Phase absolvieren. Der Versuch wird kaum angenommen. Der Philologenverband erhöht Ende 2013 den Druck: Die Hauptversammlung fordert per Beschluss fast einstimmig die Rückkehr zum G9.

Wieder Abstimmung

Beflügelt davon starten die Freien Wähler ein Volksbegehren. SPD und Grüne distanzieren sich, auch die Philologen machen nicht mit. Im Juli 2014 tragen sich nur 2,9 Prozent der Bürger ein. Wieder ist der Versuch, per Volksabstimmung ein G9 zu erreichen, deutlich gescheitert.

Mittelstufe plus

Ruhe kehrt nicht ein. Nach einem langwierigen Dialogverfahren startet im September 2015 an 47 Versuchs-Schulen eine um ein Jahr verlängerte Mittelstufe plus. Schüler gehen damit wieder de facto neun Jahre aufs Gymnasium. Doch der Versuch ist organisatorisch kompliziert, weil die Schule parallel das G8 weiterlaufen lassen muss. Bei einer Klausur in St. Quirin will die CSU im Herbst 2016 entscheiden, ob die Gymnasien komplett auf G9 umgestellt werden. Doch wegen der Terroranschläge wird dies verschoben und ein weiterer „Dialog“ mit Verbänden angekündigt. Dieser dauert immer noch an.

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