Gabriel: Die Trasse kommt so nicht

München – Die Bundesregierung denkt um: Nach Horst Seehofer (CSU) stellt nun auch Sigmar Gabriel (SPD) klar, dass die Süd-Ost-Gleichstromtrasse nicht in ihrer jetzigen Planung kommt. Die Frage bleibt: Was kommt stattdessen?

Neulich soll Horst Seehofer im Kabinett sehr ernst geworden sein. Es ging um die geplanten Stromtrassen im Norden Bayerns und den Unmut der Bürger in der Region. Der Ministerpräsident erinnerte die Kollegen an längst vergessene Zeiten: Ein zweites Wackersdorf könne man sich nicht leisten.

Seehofer war der erste, der nach den Wahlen im Herbst das Konfliktpotenzial der Pläne erkannte. Sein Veto gegen den Verlauf und seine Kritik, dass damit Kohlestrom transportiert werden solle, stieß in Berlin zunächst auf Kopfschütteln. Inzwischen aber wird Volkes Zorn auch in der Hauptstadt registriert. Am Dienstag nutzte nun der zuständige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel einen Termin bei der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg zu einer klaren Ansage: „Natürlich wird der jetzige Korridor nicht kommen. Wenn der Staat versuchen würde, das mit gesetzlichen Mitteln durchzusetzen, haben wir jahrelanges Theater und Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht“, sagte der Bundesvorsitzende der SPD. Ein solches Vorgehen wäre unklug.

Bereits vor einigen Tagen waren Überlegungen in der Großen Koalition durchgesickert, die Stromtrasse werde nicht wie geplant in Bad Lauchstädt (Sachsen-Anhalt) mit seinen Braunkohlekraftwerken beginnen, sondern in Mecklenburg-Vorpommern, wo es viele Windräder gibt. Gabriel kündigte nun an, in Schwachwindzeiten solle Wasserkraft-Strom aus Schweden und Norwegen in die Leitung eingespeist werden. „Dazu sollen zwei Seekabel – eins nach Schweden und eins nach Norwegen – verlegt werden.“

Die bayerische Wirtschaftsministerin Ilse Aigner begrüßte Gabriels Äußerungen. „Die Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetz führt zu erheblichen Veränderungen auf dem Strommarkt“, sagte die CSU-Politikerin auf Anfrage. Auf Bundesebene müssten diese Auswirkungen jetzt neu berechnet und der Stromaustausch-Bedarf ermittelt werden. „Erst anschließend kann konkret über einzelne Leitungen entschieden werden“, sagte Aigner. „Die Südost-Passage wird es jedoch in der bisher diskutierten Form sicher nicht geben.“

Dass es neue Trassen geben wird, ist völlig klar. Diese seien nach der Abschaltung der Atomkraftwerke in Süddeutschland unverzichtbar, betonte Gabriel und warnte vor zu viel Widerstand. Andernfalls drohe in Teilen Deutschland langfristig ein Stromengpass mit unterschiedlichen Strompreiszonen. Dann werde „die Region, in der Strom ein knappes Gut ist, in der oberen Preiszone liegen, die Region, wo Strom kein knappes Gut ist, in der unteren Zone“.

Aufgabe der Politiker dürfte es deshalb sein, die Trassen möglichst schonend zu bauen. Seehofer hatte unlängst laut über einen Verlauf entlang von Autobahnen nachgedacht. Dort gibt es meist keine unmittelbare Wohnbebauung. Laut Gabriel will die Bundesregierung für Höchstspannungsleitungen, wie sie im Rahmen der Energiewende geplant sind, auch Erdverkabelungen zulassen. „Mann kann nicht ein kleines Dorf mit einer 380-KV-Freileitung einkreisen“, sagte der Minister. Das Problem: Erdverkabelungen sind sehr aufwändig und extrem teuer.

Völlig offen ist noch die Frage, wo eine neue Südost-Trasse enden könnte. Bislang ist das schwäbische Meitingen vorgesehen. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) hatte unlängst aber auch die Standorte der dann abgeschalteten Atomkraftwerke ins Spiel gebracht: Gundremmingen oder Isar 1 bei Landshut.

Von Mike Schier und Klaus Tscharnke

Rubriklistenbild: © dpa

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