Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Echte Beziehungen sprühen Funken

Analoger Start ins Neue Jahr - Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

In Zeiten von elektronischen Kalendern ist es einfach. Man trägt ein: Vater hat am 24. Februar Geburtstag, Tante Emmi feiert den ihren am selben Tag wie die Franzosen ihre Nation.

Die Patenkinder sind samt und sonders im Mai geboren. Der eigene Hochzeitstag wird doppelt begangen: der standesamtliche im Dezember, der kirchliche im August. Marina kommt alle zwei Wochen, um im Haushalt zu helfen, Sport ist einmal wöchentlich angesagt und zwar dienstags. Man drückt auf „Wiederholung“: Jährlich, monatlich, vierzehntägig oder nach einer eigenen Regel. Auch Postadressen sind, einmal notiert, fix im Adressbuch. Sie werden eh kaum benötigt, weil Nachrichten elektronisch hinausgehauen werden: Neujahrswünsche, Geburtstagsgratulationen, an die man von Facebook erinnert wird, Urlaubsgrüße mit Fotos und Filmchen. Praktisch: Alles, was man nicht mehr braucht, mit wem man sich zerstritten hat oder wer dahin geschieden ist: Delete-Taste drücken. Löschen. Aus, vorbei. Das macht niemand ohne Weh im Herzen – aber digital geht es schon schnell, Menschen und Ereignisse aus den eigenen Beständen zu entfernen.

Werde das kommende Jahr nicht bloß per Tastendruck angehen  

Digital – das hat mit dem Finger zu tun, mit der Möglichkeit, auf etwas zu zeigen. Aufmerksam zu machen. Die Tage zwischen den Jahren werde ich nutzen, um das kommende 2020 nicht bloß per Tastendruck anzugehen. Ich habe mir einen schönen großen Kalender zugelegt, mit reichlich Platz für alle Tage und die Woche. Es gibt Raum für Straßen und Hausnummern, für Gedenktage, Jubiläen und kommende Feste. Ich erinnere mich an Paare, die geheiratet oder solche, die ein Kind bekommen haben, an Familien, die umgezogen sind. Jemand hat sich getrennt und jetzt braucht es zwei Adressen statt der einen, will man keinen der beiden aufgeben. Da sind die Menschen, die von einem gegangen sind. Sie schreibe ich erneut ein – mit dem Datum ihres Todes, damit ich an diesem Tag besonders an sie denke.

Theodor Fontane, der große Dichter, dessen 201. Geburtstag kurz vor Silvester gefeiert werden darf, hat leidenschaftlich und feinsinnig gedichtet: „Ich möchte leben bis all dies Glühn rückläßt einen leuchtenden Funken und nicht vergeht wie die Flamm im Kamin, die eben zu Asche gesunken“. Das kommende Silvesterfeuerwerk wird mit großem Pomp verlöschen – deleted – und einen Haufen Müll hinterlassen. Das sollte mit dem eigenen Leben und dem anderer nicht so sein. Her mit dem Kalender und der analogen Kommunikation. Echte Beziehungen sind auch mit ihren Schatten deutlich so lebendig und nachhaltig, dass sie bleibend Funken sprühen.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

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