Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Einfach interessante, wunderbare Menschen

Träumen darf man - Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Der Urlaub war gebucht und das Auswärtige Amt brachte keine besonderen Sicherheitshinweise. Nur die Information, dass durch die Tötung des iranischen Generals Soleimani bei einem US-Luftangriff in Bagdad die Lage volatiler geworden sein und sich weiterhin schnell verändern könne.

Neben der generellen Terrorgefahr weltweit solle man bei Reisen in die Region besonders aufmerksam sein und sich über aktuelle Entwicklungen informieren. Wir wollten „in die Region“ reisen.

Weil die Situation als nicht extrem prekär eingestuft war, kam ein Storno nicht in Frage. Aber wer fährt unbelastet in den Urlaub, wenn Kriegsschiffe im Golf aufziehen und einen Tag vor der eigenen Abreise ein Passagierflugzeug abgeschossen wird, dessen Insassen allesamt ums Leben kommen? Ich weiß, man sollte eigentlich gar nicht fliegen. Aber wie will man bei begrenzter Zeit fremde Kulturen kennenlernen und Menschen treffen, die den eigenen Horizont erweitern ... Ich bin froh, dass wir von unserem Ziel nicht abgelassen haben.

Die Sorge um die politische Bedrohung war zu spüren

Überall hieß es: „Where a you from?“ Wir beteiligten uns gerne an diesem Quiz. Bei den Begegnungen war Sorge um die politische Bedrohung zu spüren. Aber auch Sehnsucht, in Frieden zu leben und mit anderen auszukommen. Wir trafen eine Libanesin, die am Golf aushalf, weil die eigenen Hotels kaum mehr Besucher haben. Eine Nepalesin, die daheim Management studiert hat und nun in die Hotellerie will. Inder, die sich über mein Unvermögen verwundert haben, richtig scharf zu essen - und sofort mildere Varianten anboten.

Wir wiederum bestaunten einen Araber, der an der Tankstelle nicht aussteigen wollte, weil es überraschend wie aus Kannen goss. Dann, nicht ganz so unterhaltsam, schmetterte ich mir einen metallenen Stuhl auf den großen Zeh. Aber in der Klinik, in die ich mit der Ambulanz gebracht wurde, fühlte ich mich gleich wohl. Auf einem Plakat an der Wand konnte man das staatliche Leitbild studieren: „Pflegen heißt, sensibel mit Patienten umzugehen - auf spirituelle, zwischenmenschliche, kulturelle und psychologische Bedürfnisse einzugehen.“

Ein gezeichneter Baum beschirmt Menschen aller Hautfarben und Bekleidungsstile, verschleiert oder auch nicht. Zu seinen Wurzeln gehörten „Toleranz, Verschiedenheit, Respekt, Vertrauen, Inklusion und Innovation“. Als Christin wurde ich bestens - und kostenlos - von Hindus und Muslimen behandelt. Laufen kann ich auch wieder. Ringsumher Kriegsgefahr - und vor Ort: Einfach Menschen, wunderbare, interessante Menschen. Und da kommt man tatsächlich ins Träumen.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

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