Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Hysterie in Zeiten von Corona

Das Maß verloren - Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Man tätigt Hamsterkäufe, bestellt im Internet Notfallrucksäcke und Krisenpakete. Schön, dass neben langweiligen Proteinriegeln auch Dosen mit Pulled Pork und Chicken Curry angeboten werden. Man will schließlich in der Not nicht kulinarisch zu Boden gehen.

Im Buchhandel greift man zur „Leichten Küche aus schweren Zeiten“. Da findet man originale Rezepte aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Buch ist gerade wieder neu erschienen. Corona bringt die Leute auf Ideen.

Es ist vernünftig, medizinischen Ratschlägen zu folgen und sich vor Krankheiten zu schützen: Hände nicht unbedingt schütteln, auf jeden Fall gründlichst waschen, in die Armbeuge niesen und husten, Einweg-Taschentücher entsorgen, solche aus Stoff gleich in die Wäsche. Aber gelegentlich gewinnt man den Eindruck, dass Maß und Ziel verloren gehen. Täglich verlieren fast 24.000 Menschen ihr Leben als Folge von Mangel- und Unterernährung. Alle zwei Sekunden stirbt ein Kleinkind unter fünf Jahren.

Heute ist es nötig, bei Trost zu sein und zu bleiben

Fast 1,5 Milliarden auf dieser Welt fehlt einfach alles, was man zu einem ganz normalen Leben braucht. Mir selbst liegen vier Menschen in meinem Familien- und Freundeskreis zutiefst am Herzen, die mit einer schweren Krebserkrankung kämpfen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun? Ja, wir haben alle früher mehr oder weniger gelangweilt geschaut und die Augen verdreht, wenn unsere Mütter darauf verwiesen, dass andere Menschen froh wären, wenn sie das zu essen bekämen, was unsereins verschmähen wollte.

Diese Aussage war vielleicht nicht pädagogisch wertvoll, aber menschlich völlig richtig. Genau so notwendig ist es heute, verhältnismäßig zu reagieren, sozusagen bei Trost zu sein und zu bleiben - damit Hysterie und Panik nicht grundlos um sich greifen. Natürlich erinnert die Bundesregierung an ihre Liste für Notvorräte - aber die ist schon etliche Jahre alt und nicht aus Corona geboren. Fakten sind wichtig. In unserem Land sind bis Freitag 534 Coronavirus-Fälle registriert worden. 

Gleichzeitig sind in Deutschland fast 120 000 Grippefälle nachgewiesen. 202 Menschen sind an dem Erreger bereits gestorben. Wird das täglich als Meldung durch die Medien gejagt? Nein – weil die Grippewelle jedes Jahr in etwa gleich ist. Corona eignet sich besser für Horrormeldungen. Es ist entlarvend, dass Kundinnen, die im Drogeriemarkt verzweifelt nach Desinfektionsmitteln fahnden, unbekümmert Lippenstift-Tester auftragen und sich Probe-Make-up-Stifte ins Gesicht schmieren. Das würde ich nicht machen. Und zwar nie. Ich brauche meine Gesundheit. Es gibt genug zu tun.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

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