Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Rituale für die fußballfreie Zeit

Fliegenpilze, Stoffhasen und die Bundesliga - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

In ihrer aktuellen Kolumne setzt sich Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler mit Ritualen auseinander.

Rituale geben Halt und Orientierung. Das weiß jeder. Aber nicht jedes Ritual, das man pflegt, muss gleich bekannt gegeben werden. Im Gegenteil. Es wäre schlichtweg peinlich, wenn die Leute erfahren, dass die weiße Stoffhasendame Edna einen auf alle Reisen begleitet. Oder beim Bügeln immer Howard Carpendale „Deine Spuren im Sand“ singt. Ganz zu schweigen davon, dass man bei Inspector Barnaby und sämtlichen Berichten aus dem schwedischen Königshaus gespannt wie ein Flitzebogen vor dem Fernseher sitzt. Nicht etwa, dass das bei mir so wäre. Wo denken Sie hin!

Intellektuellen Menschen ringen solch persönliche Rituale ein verächtliches Lächeln ab. Geschmacklos, aus der Zeit gefallen. Kleinbürgerlich, spießig. Mein Vater, ein Feinmechaniker mit DFB-Schiedsrichter-Lizenz, saß passend zu seiner alltäglichen Präzisionsarbeit jeden Samstagabend exakt um 18 Uhr vor der Sportschau. Keine Minute Fußball durfte ihm entgehen. Seine Gattin, meine Mutter, bereitete währenddessen das Abendessen zu. Fliegenpilze, also gefüllte Eier mit Tomatenhut und Mayo-Tupfern, Reissalat. Wurstplatte, Käse. Ich durfte beim Kicken zuschauen. Frühe Emanzipation. Mädels gehören ins Stadion und nicht an den Herd.

Ich brauche bis Mitte August Alternativen für den frühen Samstagabend 

An diesem Wochenende geht die Bundesligasaison zu Ende. Nur noch das DFB-Pokalfinale steht aus. Natürlich auch die Endspiele bei Champions und Europa League. Aber die Premier League ist erledigt, genauso wie demnächst die spanische Primera División. Folglich muss ich mir bis Mitte August Alternativen für den frühen Samstagabend überlegen. Da fängt zum Glück die neue Saison an. Aber bis dahin? Ich kann nicht ständig mit Edna verreisen, Howie hören, in der Grafschaft Midsomer auf Spurensuche gehen oder Kronprinzessin Victorias Familienleben checken. Hoffentlich fällt mir etwas ein, womit ich die fußballlose Zeit rituell überbrücken kann.

Aber jetzt ist erst noch einmal Atemnot angesagt. Wer wird Meister? Ein Ritual, ganz wie früher zuhause. (Augen auf bei der Partnerwahl!) Mein Mann sitzt garantiert schwer angespannt vor dem Fernseher. Nur eines ist anders als bei meinen Eltern. Ich stehe während der Spiele nicht in der Küche - das Abendessen ist selbstverständlich fertig. Ich muss doch sehen, wie unsere Jungs spielen. Kleinbürgerlich? Spießig? Von mir aus. Rituale geben Halt und Orientierung. Sie sorgen für Heimatgefühle und Zufriedenheit. Warum sonst wäre ich so ausgeglichen? Und Edna erst.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

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