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Bayan Alrazzah erzählt, wie der Krieg Syrien verändert hat.

TAGEBUCH EINES 22-JÄHRIGEN SYRERS

Gebrochene Lebensadern: Bayan erzählt, wie der Krieg Syrien verändert hat

Bayan Alrazzah ist 22 und kommt aus Aleppo in Syrien. 2016 ist er allein nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er in München, sein Asylantrag wurde anerkannt. Für den Münchner Merkur führt er ein Tagebuch über seinen Alltag. Heute berichtet er darüber, wie der Krieg seine Heimat verändert hat.

So sehr, wie sich mein Leben verändert hat, als ich nach Deutschland kam, hat sich auch der Alltag in Aleppo durch den Krieg verändert. Ich nehme an, dass ich heute in München mehr Plätze und Straßen kenne, als ich damals in Aleppo kannte. Als der Krieg begann, hat sich dort alles verändert. Die Geschäfte waren woanders, die Stadt wurde geteilt und dadurch kleiner, die Straßen verliefen anders. Dort, wo wir wohnten, herrschte Assads Armee – deshalb gab es alles, was es vor dem Krieg auch gegeben hatte. Wo die Freie Syrische Armee war, waren die Lebensadern gebrochen. Dort war alles schlimm. Es gab kein Wasser, keinen Strom, keine Arbeit. Das Leben war wie vor 100 Jahren. Ich habe dort eine Woche gelebt vor meiner Flucht in die Türkei.

Auf einmal war alles übertrieben teuer

Als der Krieg begonnen hatte, ist alles teuer geworden. Nicht nur in Aleppo, sondern überall in Syrien. Wir konnten Fleisch und viele Lebensmittel kaum noch kaufen. Ein Kilo Fleisch oder Hähnchen sowie Käse sind für viele Menschen ein Traum geworden. Alles war übertrieben teuer. Ich konnte nicht mal mehr Sport machen, weil wir kein gutes Essen mehr hatten und mir die Kraft gefehlt hat. Neue Klamotten zu kaufen konnte ich auch vergessen. Wir mussten auf sehr viele Sachen verzichten.

Vor dem Krieg hatte meine Familie ein normales Leben geführt. Wir waren nicht reich. Aber damals lebten viele Menschen dort so wie die Menschen hier in Deutschland. Dann begann der Krieg. Viele Menschen verschwanden aus ihren Wohnungen. Einige zogen woandershin, wenn sie Geld hatten, etwas zu mieten. Einige mussten im Garten campen. In unserer Straße haben drei Familien in einem Garten gewohnt.

Vor dem Krieg war ich 14 Jahre alt. Damals wusste ich nicht viel über das Leben. Ich kann mich nicht mehr gut an die schöne Zeit erinnern. Nur an den Krieg. Jeden Tag mussten wir an Wasser und Strom und Essen denken. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie in München eine Woche ohne Wasser und Strom wäre.

Zurzeit träumen viele Menschen in Syrien von einer Gasflasche – jetzt gibt es dort kaum noch Gas. Aber wie ich gehört habe, ist das Leben in Aleppo heute schon etwas besser, als es 2015 war. Einige Menschen konnten wieder zurück in ihre Wohnungen. Manche nicht, weil so viele Gebäude zerstört sind. Alles ist immer noch teuer. Ich vermisse meine Heimat Syrien. Trotzdem möchte ich nicht zurück nach Aleppo. Ich habe dort ja niemanden mehr. Und ich habe Angst, dass irgendwann wieder ein Krieg beginnt. Wenn ich Deutschland irgendwann verlassen müsste, dann möchte ich lieber in einem anderen Land leben als in Syrien.

Bayan Alrazzah

Lesen Sie hier, was Bayan Alrazzah in seinem Tagebuch beim Münchner Merkur bisher berichtet hat:

Ein Flüchtling führt Tagebuch: Bayans Neustart in Bayern

Bayans Leben in Bayern: „Es gibt viele schwere Wörter“

Bayans Leben in der Unterkunft: „Es geht drunter und drüber“

Bayans Erlebnisse in Aleppo: „Bei uns regnet’s Oma Zähne“

Bayans Leben in Bayern: „Jeder vermisst seine Heimat“

Bayan über Busse und Bahnen: „Hier verliert man keine Zeit“

Bayan über das Essen in Bayern: „Ich mag Supermärkte“

Der junge Flüchtling Bayan über seine Berufspläne in München

Bayan über den Ramadan: „Schwer durchzuhalten“

Bayan und die Musik: „Ich mag deutschen Rap“

Bayans Urlaubserinnerungen: „Wir waren oft am Meer“

Bayan und das Thema Haustiere: „Ich wollte einen Husky“

Bayan und die Liebe: „Verlieben kann man sich überall“

Bayans erster Ausflug in Bayern

Bayan vergleicht Lebensgewohnheiten: „Vor Feiern gehen alle zum Friseur“

Bayans Leben in Bayern - „Unpünktlichkeit ist peinlich“

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