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Eine Kirche voller Signalfarben: Mitglieder von Rettungsdiensten bei der Gedenkfeier in Bad Aibling.

"Nichts wird mehr so sein, wie es war"

Bad Aibling: Bewegende Momente beim Gottesdienst

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Bad Aibling - Ausgerechnet am Valentinstag müssen Familien und Freunde, Kollegen und Helfer der Toten des Zugunglücks von Bad Aibling gedenken. Bei einem ökumenischen Gottesdienst suchen sie Trost in der schwersten Zeit ihres Lebens.

Vor dem Altar in St. Georg, Bad Aibling, stehen elf weiße Kerzen. Sie erinnern an die elf Menschen, die diesen Valentinstag mit ihren Familien, mit ihren Lieben verbringen sollten. Doch sie wurden aus ihrem Leben gerissen, sie starben bei dem Zugunglück am Faschingsdienstag. Wir halten Sie in unserem Ticker über die Entwicklungen nach dem Zugunglück auf dem Laufenden.

Es ist einer der bewegendsten Momente beim ökumenischen Gedenkgottesdienst, als zwei Geistliche einen Wachsstab an der Osterkerze entzünden und die Flamme abwechselnd zu einer der elf Kerzen tragen. Sie zünden ein Licht an für elf Familienväter, Lebensgefährten, Freunde. Für Lokführer Thomas B. zum Beispiel, 30, aus Kolbermoor, er hat erst vor 20 Monaten geheiratet. Oder Lokführer Ronny B., 38, er hinterlässt Frau und eine Tochter.

Oder Lokführer Jürgen F., 47, aus Sauerlach, der als Fahrgast im Zug saß. Er war selbst Feuerwehrmann, Freunde haben für seine Frau und seine zwei Kinder eine Spendenaktion gestartet, über 8500 Euro gesammelt. Weil sie wenigstens ein bisschen helfen wollen, wo es keine Hilfe gibt. „Nichts wird mehr so sein, wie es war“, sagt Susanne Breit-Keßler, evangelische Regionalbischöfin, in St. Georg. „Es gibt ein Leid, für das wir keinen Grund finden, das wir nur miteinander aushalten können“, sagt sie weiter, ihre Stimme zittert ein bisschen.

400 Menschen sind an diesem grauen Nachmittag in die Kirche von Bad Aibling gekommen

Kardinal Reinhard Marx und Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, die Ständige Vertreterin des Landesbischofs, sprechen bei einem ökumenischen Gottesdienst für die Angehörigen der Opfer eines Zugunfalls und die Rettungs- und Hilfskräfte.

Und so sind an diesem grauen Nachmittag 400 Menschen in die katholische Pfarrkirche gekommen. Sie liegt ein bisschen außerhalb der Stadtmitte. Ein schlichtes Gotteshaus, in der Mitte hängt ein Holzkreuz von der Decke. Draußen stehen die TV-Teams, drinnen ist nicht genug Platz für alle, die teilnehmen möchten. Viele sitzen ab 16 Uhr vor dem Fernseher, andere, die näher dran sein möchten, verfolgen die Übertragung in Pfarrheim und Turnhalle.

Die Kirchenbänke sind voll mit Einsatzkräften, die so vielen Menschen geholfen haben, und doch nicht alle retten konnten. Feuerwehrmänner sind in Uniform da; Rotes Kreuz, Wasserwacht, Technisches Hilfswerk - viele haben ihre leuchtenden Einsatzjacken an. Manche waren unter den ersten, die am Unglücksort am Bahngleis angekommen sind. Jetzt, nach einer Gedenkminute der Stille, stehen ein paar von ihnen auf. Sie gehen vor zum Altar und stecken eine rote Rose in eine große Schale. 50 Blumen sind es am Ende. Sie symbolisieren den Dank für das Überleben.

Auch Menschen, die das Unglück überlebt haben, suchen Trost

Auch Menschen, die das Unglück überlebt haben, suchen Trost in der Kirche. Und die Familien derer, für die jede Hilfe zu spät kam. Sie werden abgeschirmt von Fotografen und Fernsehteams, sie betreten die Kirche durch einen Seiteneingang. Sie sollen in ihrer Trauer nicht gestört werden. Zwischen den Angehörigen sitzen Seelsorger. Manche haben Freunde dabei, die den Arm um die Trauernden legen. Andere tragen ein Sträußchen aus Buchs, zusammengebunden mit einem schwarzen Band, an der Jacke. Der Chor auf der Empore singt: „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr.“

„Gibt es einen sinnvollen Tod?“ fragt der Münchner Kardinal Reinhard Marx. Er sagt, er ist „unmittelbar berührt von den vielen ungelebten Tagen“ und den „vielen Augenblicken, auf die sie sich gefreut haben“. Der Schrecken und die Wucht des Unglücks hätten das ganze Land ergriffen. Die Zeit wird keine Wunde heilen, sagt Regionalbischöfin Breit-Keßler, vor ihr sitzen die Angehörigen der Opfer. Es bleibe nur die „verzweifelt-zuversichtliche Antwort: Gott verlässt uns nicht, er verlässt Sie nicht“.

Direkt neben der Kirche ist die Grund- und Hauptschule, hier beginnt am Montag wieder die Schule. Es wären wohl auch Kinder im Zug gewesen, wenn nicht Faschingsferien gewesen wären. Die Tragödie wird auch Thema im Unterricht sein, denn die Region steht unter Schock. Die Fassungslosigkeit ist vor allem in der 18000-Einwohner-Stadt Bad Aibling groß. Beim Bäcker, Metzger, Friseur, in den Einkaufsmärkten – immer wieder fließen Tränen, wenn Menschen über die Katastrophe reden. Am Samstag schon haben Menschen in St. Georg ein Vaterunser für die Opfer gebetet, während draußen die großen Übertragungswagen des Bayerischen Rundfunks vorfuhren und Techniker hunderte Meter Kabel verlegten.

Der Landrat weiß, wie sich so ein Schicksalsschlag in der Familie anfühlt

Landrat Wolfgang Berthaler und seine Frau Edith haben in einer Bank vor dem Altarraum Platz genommen, sie sind mit ihren Gedanken den Familien der Opfer besonders nah – die Tragödie erinnert sie an einen persönlichen Schicksalsschlag: Eine ihrer Töchter war vor 16 Jahren bei einem Busunglück in Österreich, bei dem acht Menschen starben, schwer verletzt worden. „Da wurden die Bilder von damals und die ganze Ohnmacht, die wir als Eltern verspürt haben, in uns wieder lebendig“, sagt der Landrat. Schreckliche Bilder vom Einsatz am Bahngleis, die sich in seinen Kopf eingebrannt haben, muss auch Christian Glock, 21, verarbeiten. Der Student ist ehrenamtlich für die Malteser in Rosenheim tätig. Er ist nicht nur in die Kirche gekommen, um Abschied zu nehmen. Er sucht auch einen Weg für sich selbst, um wieder innere Ruhe zu finden. Leicht ist das nicht.

Bayerns Landtagspräsidentin Barbara Stamm ist die einzige Politikerin, die am Sonntag an das Pult neben dem Altar tritt. Mit brüchiger Stimme spricht sie den Angehörigen Mut zu. „Jede dunkle Nacht hat ein helles Ende“, sagt sie. Aber an eine Rückkehr in den Alltag sei heute, morgen und für lange Zeit nicht zu denken. Dann ist der Gottesdienst vorbei. Angehörige umarmen sich, manche haben Tränen in den Augen. Und über allem liegt die Hoffnung, dass keiner der Schwerverletzten, die in Kliniken noch immer um ihr Leben ringen, diesen Kampf verliert.

Lesen Sie auch: Die aktuellen Nachrichten vom Zugunglück.

Norbert Kotter mit

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