Stilles Gedenken: Robert Schromm am Grab seiner Frau Michaela. Sie starb am 2. Januar 2006. Tochter Ricarda überlebte wie durch ein Wunder – sie wurde als Letzte lebend geborgen.

Ein Witwer erzählt

Gedenktag Bad Reichenhall: „Ich habe ein Wunder erleben dürfen“

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Bad Reichenhall - Vor zehn Jahren ist die Eislaufhalle von Bad Reichenhall eingestürzt. 15 Menschen starben, darunter auch Michaela Schromm. Ihr Witwer hat zum 10. Jahrestag aus seinem bewegenden Buch vorgelesen.

Robert Schromm hat gekämpft, immer wieder hat er das getan – und er wird es auch weiterhin tun, auf seine ganz persönliche Weise. Er hat ein Buch geschrieben: über die Trauer, die Wut, die Enttäuschung. Ein Buch über den 2. Januar 2006. Denn seither ist Robert Schromm Witwer – und auf der Suche nach Antworten.

Nach dem Einsturz: In Sekunden lag die Eislaufhalle in Trümmern – die Bergungsarbeiten dauerten tagelang.

Damals, an jenem Nachmittag, stürzte das Dach der Eislaufhalle in Bad Reichenhall ein. Es war kurz vor 16 Uhr – und Robert Schromms Frau Michaela stand mit der gemeinsamen Tochter Ricarda auf Schlittschuhen. Das Kind wollte noch eine letzte Runde drehen, weil doch gerade sein Lieblingslied lief: „Die perfekte Welle.“ Plötzlich ein lauter Knall – und die Halle lag sekundenschnell in Trümmern.

Ricarda überlebte, wenn auch schwer verletzt. Sie wurde als Letzte lebend geborgen. Ein kleines Wunder. Ihre Mutter starb, genauso wie 14 andere Menschen. Für sie alle kam jede Hilfe zu spät.

Ricarda ist heute 15 Jahre alt – und sie hat den Kampf ihres Vaters mitbekommen. Den Kampf gegen die Ungerechtigkeit, wie er selbst sagt: Warum mussten sich die Verantwortlichen der Stadt von damals nicht vor Gericht verantworten? Wieso erkannte niemand das Versagen im Rathaus? All das hat Robert Schromm nun in seinem Buch aufgearbeitet – und jetzt, zum 10. Jahrestag des Dramas, erstmals daraus vorgelesen. Er hat einen „demonstrativen Marsch“ organisiert: „von Michaelas Grab bis zum ,Ground Zero’“, so nennt er das Denkmal mit den Stelen, das an die 15 Toten erinnert. Er hat eine Lesung gehalten, mit persönlichen Gedanken und sehr klaren Worten. Hier die bewegendsten Auszüge:

Über Ricardas Rettung:

„Ich habe gerade ein Wunder erleben dürfen, ein echtes Wunder. Ein lächelndes Kind, die Händchen waren warm, als man es rettete. Eine Rettung in buchstäblich letzter Minute, denn um 22.30 Uhr erhielten die vielen Einsatzkräfte den Befehl: Rückzug, es wird zu gefährlich, weitere Einsturzgefahr! In diesem Rückzug schlug ein Suchhund der Bergwacht an, beim Rückzug befreiten sie unsere Ricarda aus den Trümmern, aus einem kleinen Loch, welches so groß war wie sie, weniger als ein Meter und zwanzig. Ricarda hatte unglaubliches Glück. Das riesige Dach, welches alles tötete, und dieses winzige Loch, welches dieses wunderbare Leben schenkte. Zentimeter, wahrscheinlich auf den Millimeter genau – genau richtig war wohl dieses Loch, der einzige Meter, in dem Leben existierte in diesem unwirklichen Schlachtfeld des Todes.“

Über Leben und Tod:

„Irgendwann kam das Morgengrauen, dann wurde es Tag, ein grauer Tag. (...) An diesem Tag bin ich ständig hin- und her gependelt, immer zwischen dem Krankenhaus und Ricarda und der Eislaufhalle und Michaela. Salzburg, Reichenhall, wieder Salzburg. Beim Eintritt in Ricardas Krankenzimmer habe ich es immer geschafft, den glücklichen Papa zu spielen. (...) Dieses kleine Mädchen, das langsam erwachte.“

Über den Prozess:

„Abertausende Seiten Prozessakten, viele Dutzend Prozesstage, dazu nervenaufreibende Nebenschauplätze. Eine große Katastrophe und eine Unmenge von irreführenden Strategien, um genau diese Katastrophe in der Versenkung des Vergessens verschwinden zu lassen. Um diejenigen, die als Beamte jahre- und jahrzehntelang geschlampt hatten, zu decken, vor Strafverfolgung zu schützen. (...) Wenn im Fall Reichenhall jemals Stadtverantwortliche auf der Anklagebank gesessen hätten oder am Ende sogar verurteilt worden wären, dann hätte eine gigantische Kettenreaktion gedroht. Ein Ruck wäre wohl durch die Republik gegangen und durch ihre Amtsstuben. In einer Republik, wo es allein in einer Kleinstadt wie Reichenhall 42 öffentliche Gebäude gibt. Macht im ganzen Land zehntausende Gebäude, für die es (...) nur wenig verbindliche Gesetze gibt.“

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