Das gefährdete Paradies

Schliersee - Durch den Klimawandel sind Hochgebirgskräuter vom Aussterben bedroht. Die traditionelle Almwirtschaft hilft aber, die Arten über der Waldgrenze noch längere Zeit zu sichern. Teil V der Serie „Unsere Grenzen“.

Unterhalb des Rotwandhauses ist Gerhart Zwirglmaier in seinem Element. Hier, mehr als 1600 Meter hoch, streift sein Blick über die Almwiesen. Eben ist ein Murmeltier vorbeigehuscht. Jetzt bleibt Zwirglmaier oberhalb der Wildfeldalm auf dem Wanderweg stehen, um über Knabenkraut, Enzian und Thymian zu sprechen. Zwirglmaier, 61, stellvertretender Forstbetriebsleiter in Schliersee, ist ein nüchterner Mensch und die Ruhe selbst. Aber wenn er über die Wiesen schaut, kommt er ins Schwärmen. „Was hier alles wächst! Eine 100 Mal größere Vielfalt an Kräutern als auf einer landwirtschaftlich genutzten Wiese zwischen Augsburg und München!“ Eine Vielfalt, die möglich ist, weil über der Grenze, an der der geschlossene Wald endet, nur noch wenige Bäume stehen. Aber auch eine Vielfalt, die gefährdet ist.

Eigentlich läge die Waldgrenze in den Alpen zwischen 1800 und 2300 Metern – in Bayern eher im niedrigeren Bereich, weil hier die Sommer relativ kühl sind. Aber in Bayern gibt es noch heute die traditionelle Almwirtschaft. Der Mensch hat eine künstliche Waldgrenze geschaffen, über der er sein Vieh weiden lässt. Der Wald kann dort gar nicht natürlich ansteigen – wie er es aufgrund des Klimawandels und der höheren Temperaturen eigentlich tun würde. Denn das Vieh frisst die jungen Bäume.

Niklaus Zimmermann forscht an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft bei Zürich über Waldgrenzen. Um 15 bis 20 Meter sei die seit 1960 in den Schweizer Alpen angestiegen, sagt er. In Bayern ist das nicht so. „Der Weidedruck ist vielerorts noch sehr stark, weil Kühe weiden und damit alles abfressen“, sagt Zimmermann. Während Gräser und Kräuter gut überleben können, auch wenn Kühe weiden, werden die Schößlinge gefressen. So verändert sich die Waldgrenze in Bayern kaum – anders als in der Schweiz.

In Oberbayern sieht man noch das Vieh in den hohen Lagen. Am Rotwandhaus erzählt Gerhart Zwirglmaier, wie er als junger Mann ein paar Monate auf einer Forsthütte über der Waldgrenze gelebt hat. Außenrum waren sechs Almhütten – allesamt betrieben von Seniorinnen. „Und heute kommen so viele junge Leute auf die Alm!“, sagt er. Dass das Senner-Dasein auf Zeit wieder beliebt bei jungen Leuten ist, macht ihm Mut. „Die Leute hängen mit Herzblut an der Bewirtschaftung. Es gibt viele, die das machen wollen, auch wenn die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben ist.“ Und die Almwirtschaft hat eine einzigartige Vielfalt an Pflanzen über der Waldgrenze ermöglicht.

Auch wenn der Mensch die Waldgrenze im Griff behält und sie in Oberbayern meist an gleicher Stelle ist wie vor 100 Jahren – erste Anzeichen der Erderwärmung gibt es doch zu bemerken. „Der Borkenkäfer ist ein Vorbote“, sagt Gerhart Zwirglmaier. Einst ging man davon aus, dass es über 800 Meter keine Borkenkäfer gebe. Heute sind sie schon bis 1400 Meter zu finden – unterhalb des Rotwandhauses also bis zur Waldgrenze. Auch das ist ein Grund, warum man heute einen gemischten Wald anstrebt. „Eine Mischung mit Laubholz ist stabiler und gegen alle Naturgefahren wie Schnee, Windwurf und Schädlinge widerstandsfähiger“, erklärt Zwirglmaier.

In Regionen, in denen es keine starke Almwirtschaft mehr gibt, lässt sich schon beobachten, dass Pflanzen in höhere Lagen weiter wandern. „Oberhalb der heutigen Waldgrenze sieht man dann wahnsinnig viele Jungpflanzen und Jungbäume“, sagt Zimmermann, der Forscher. Je höher man gehe, desto jüngere Pflanzen könne man sehen. „Sie deuten an, dass die Waldgrenze in Zukunft höher sein wird.“

Auch in Bayern sind typische Gebirgspflanzen gefährdet. „Zunächst nimmt die Artenvielfalt sogar eher zu, weil Arten aus wärmeren Regionen einwandern“, sagt Zimmermann, „aber mit der Zeit verdrängen sie die einheimischen Arten.“ Auch wo heute noch Gletscher sind, werden irgendwann die Steinbrecherarten oder Kreuzblüter Wiesen weichen müssen. Das wird aber erst in 2000 bis 3000 Jahren sein, schätzt Zimmermann. Deutlich schneller könnte es bei anderen Hochgebirgsarten gehen. Sie können häufig nur oberhalb der Waldgrenze leben – etwa, weil sie keinerlei Schatten vertragen. Jetzt müssen sie der neuen Konkurrenz nach oben davonwandern. Irgendwann gibt es aber kein Weiter mehr, wenn nur noch Fels oder der Gipfel erreicht ist. Etwa ab 2050 rechnet Zimmermann mit einem Aussterben von Arten wie dem Gletscher-Hahnenfuß.

Heute kann man über der Waldgrenze noch die traditionelle Landschaft genießen. Gerhart Zwirglmaier ist oft da. Wann hier oben denn die schönste Zeit im Jahr ist? Da muss er nicht überlegen. „Das ist der Herbst, wenn die Weiden gelb und rot werden.“ Dann überlegt er doch kurz. „Und der Frühling, wenn die Weidepflanzen kommen.“ Kurze Pause. „Und der Sommer, der ist ganz attraktiv.“

Felix Müller

Rubriklistenbild: © dpa

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