Der Präsident und die geheimen Golfbälle: BND-Chef Gerhard Schindler vor der größten der 13 weißen Kugeln im Antennenfeld.

Lausch-Station in Bad Aibling

Nun auch mit Schild: Geheimdienst enttarnt sich

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Bad Aibling - Der Geheimdienst lädt zu seiner Enttarnung. Weil eh alle wissen, dass der BND hinter der Lausch-Anlage in Bad Aibling steckt, schraubt der oberste Agent da nun sein Schild hin und sperrt kurz das Tor auf. Die neue Transparenz hat allerdings enge Grenzen.

Als sich die Umgebung leise summend zu drehen beginnt, behält der Chef-Agent seinen unbewegten Blick bei. Zahnräder zerren am Boden unter ihm, eine steile Eisentreppe schwenkt still vorbei. Im Dämmerlicht unter der Kuppel richtet sich die riesige Parabol-Antenne aus auf einen Punkt im Nichts. „Das ist eine Satelliten-Fernmelde-Aufklärung“, sagt Gerhard Schindler unaufgeregt. „Wir klären Krisengebiete auf. Afghanistan und andere.“ Die Plattform summt und rotiert noch ein bisschen, ein Computer blinkt, die Treppe kehrt zurück. „Das war’s“, sagt Schindler dann knapp. Man könne nun wieder nach draußen klettern. Er geht schon mal voraus.

So mausgrau ist die Agentenwelt, ausgerechnet da, wo man sie sich immer in den schillerndsten Farben ausgemalt hat. 83043 Mietraching bei Bad Aibling: Wie riesige Golfbälle liegen 13 geheime Antennen-Anlagen in der Voralpen-Kulisse, umgeben von Löwenzahn, Stacheldraht und Warntafeln vor Schusswaffengebrauch.

Ein Jahrzehnt lang durfte niemand wissen, dass in der Mangfall-Kaserne getarnt der Auslandsgeheimdienst die Welt abhört. Fast genauso lange wusste jeder in der Region, dass die angebliche „Fernmeldeweitverkehrsstelle der Bundeswehr“ eine Legende ist für den Bundesnachrichtendienst. Wer offiziell nachfragte, durfte sich über allerlei Verrenkungen und Notlügen der Behörden vergnügen. Wer sich am Tor umsah, bekam sehr bald Gesellschaft.

Das ging so bis Anfang der Woche. Dann wurde Schindler der Eiertanz zu blöd. Der Präsident des BND ließ ein Halb-Meter-großes Türschild mit Adler anschrauben, in Aibling und an fünf anderen Phantomstandorten, darunter Söcking und Stockdorf im Landkreis Starnberg. Er lud mit sanfter Ironie die Medien feierlich zur „Enttarnung“.

Dabei ist Schindler, 61, gar kein Scherzbold. Deutschlands obersten Spion darf man sich auch nicht als James Bond vorstellen: Er ist ein kleiner Herr im schwarzen Anzug, Haarkranz grau, Durchschnittsgesicht, Verwaltungsjurist, Raucher, die Hände meist am Körper verschränkt. Man weiß, dass er einst Fallschirmspringer war, immerhin. Dass er was Wichtiges sein muss, erahnen Außenstehende sonst jedoch nur am Blaulicht der zwei Limousinen mit Stern, aus denen vier kräftige Begleiter steigen.

Schindler aber hat den Dienst etwas Neues gelehrt: Dass es in der modernen Gesellschaft schlauer ist, auf überflüssige Geheimniskrämerei zu verzichten. Weil die Leute dem BND zu viel Schlapphut-Getue bestenfalls als Gschaftlhuberei auslegen, oder gleich als Tarnung für verbotene Spionage. Man glaubt ja in Zeiten der NSA-Abhörskandale Geheimdiensten nicht mehr viel.

„Transparenz“, predigt der Behördenchef seither, „nicht als Selbstzweck“, sondern um Vertrauen zu gewinnen. Er weiß genau, dass der BND ein Mindestmaß an Öffentlichkeit braucht, damit die Politik seine Millionen-Etats billigt. Zorn oder Misstrauen der Bürger kann ihm die Arbeit schwer machen und das Betriebsklima versauen. Das ist ohnehin gerade in Bayern belastet, weil etliche Stellen aus der Zentrale Pullach nach Berlin verlagert werden.

Vom „BND zum Anfassen“ spricht Schindler deshalb. „Wir brauchen uns nicht zu verstecken“, sagt er über seine Leute. Er hat das schon mal spektakulär durchgezogen, erst zum Entsetzen seiner Berater. In Berlin sperrte er eines Tages 2012 für ein Grüppchen Journalisten das Tor zur hochgeheimen Baustelle der neuen Zentrale auf. Jahrelang wurde vage über Kostensteigerungen berichtet, Baupannen, die gigantischen Dimensionen des abgeschotteten Areals. Der Ortstermin in kleinen Abhörräumen und auf dem Agentenklo war eher ernüchternd. Von goldenen Türklinken schreibt keiner mehr.

Er wiederholt das jetzt in Aibling. Dort blühen die Legenden von unterirdischen Bunkersystemen (falsch), vom früheren US-Kriegsgefangenenlager, in dem Joseph Ratzinger 1945 gefangen war (richtig), riesigen Abhöranlagen aus dem Kalten Krieg (richtig). Neues Konzept: Der Anschein kann gar nicht fad genug sein. Also stapft Schindler über die Wiesen durch plötzlich wundersam offene Tore, der Schusswaffengebrauch ist wohl vorübergehend ausgesetzt, und erklärt die geheimen Golfbälle. Mit den Antennen, die größte drei Fußballtore breit, fängt der Geheimdienst Satellitendaten aus Krisenländern ab. Spezialisten übersetzen die Gespräche und Mails, werten sie aus, schreiben Vermerke, informieren die Regierung.

Abhören also? Für einen Moment runzelt Schindler die Stirn, wirklich nicht sein Vokabular, und korrigiert: „Wir klären auf.“ Er sagt, damit habe der BND zum Beispiel über zehn Anschläge auf die Bundeswehr in Afghanistan verhindert. Und deutsche Staatsbürger würden nie, nie, nie ausgehorcht. Das wirkt nicht wie 007 hier, eher wie die Sendung mit der Maus.

Schindler freilich inszeniert die Transparenz nur. Sie hat in Wahrheit enge Grenzen. Das führt zu skurrilen Situationen an diesem Tag. Der BND-Dienststellenleiter vor Ort, ein sehr freundlicher Herr im braunen Anzug, gibt gern Auskunft über die Mitarbeiterzahl (140), über die Geschichte des Areals, über die Technik. „Das ist nichts Böses“, erklärt Herr..., Herr... – nun ja, da wird von der Seite „Ohne Namen!“ zugeraunt. Der Herr, der nicht heißt, scheint noch unenttarnt zu sein. Noch immer gibt es Decknamen und gefälschte Biografien im Dienst; noch immer Nachbarn, die treudoof an die Legende glauben vom langweiligen Bürojob bei der „Bundesstelle für Sondervermögen“ oder eben der „Fernmeldeweitstelle“.

Die Mitteilungsfreude endet auch dort abrupt, wo die Amerikaner ins Spiel kommen. Nach Unterlagen des Ex-US-Geheimdienstlers Edward Snowden ist es nämlich genau Bad Aibling, wo NSA und BND eng kooperieren. Bis 2004 horchten die Amerikaner selbst in Aibling, dann übergaben sie die Anlage den Deutschen. Daten tauschen die Dienste noch immer aus. Schindler und seine Leute werden da sehr schweigsam. „Auf dem Gelände befinden sich noch wenige amerikanische Mitarbeiter zur Unterstützung beim Betrieb“, sagt der BND-Präsident auf.

Dass sie nicht die Scharniere ölen, sondern NSA-Abhörspezialisten sind, mag man sich denken. Und dass sie nicht genau das machen, was dem deutschen Dienst verboten ist – Inländer abhören, die Wirtschaft ausspionieren –, muss man Schindler glauben, oder auch nicht. „Normale Bürger haben nichts zu befürchten. Wir schützen sie“, sagt er mit unbewegter Miene.

Ein Jahrzehnt lang bestand der BND also darauf, er lausche hier nicht – man glaubte ihm nicht. Jetzt besteht der BND darauf, nur er lausche hier – man glaubt ihm wieder nicht. Schindlers Leute sind nicht blöd, sie wissen schon, dass da skeptische Fragen kommen. Die freundlich-ausweichenden Phrasen reichen auch nur für eine Stunde, dann hat der Präsident einen Anschlusstermin. „Wir werden prüfen“, sagt er noch, „wo wir uns noch mehr Transparenz erlauben können. Es ist aber klar: Wir sind ein Geheimdienst.“ Alles könne man leider echt nicht offenlegen.

Die Tore schließen sich wieder in Aibling, sie werden wohl auch länger nicht mehr aufgehen. Die zwei Limousinen entschwinden vor prächtiger Alpenkulisse, am Kreisverkehr blitzt noch einmal kurz das Blaulicht auf.

Christian Deutschländer

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