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Ludwig I. auf der gleichnamigen Medaille.

Was hat er wohl geschrieben?

Die geheimen Tagebücher des Königs

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München - Kaum jemand hat sie bisher zu Gesicht bekommen: Die Tagebücher von Ludwig I., immerhin 233 Bände, sind bis heute für die Forschung gesperrt. Dagegen regt sich nun Widerstand.

Was wird er wohl geschrieben haben, unser Ludwig I., Bayerns zweiter König, der Erbauer von Alter und Neuer Pinakothek, von Glyptothek und Walhalla? Zum Beispiel über die verhängnisvolle Liebe des 60-Jährigen zu Lola Montez? Oder über seine erzwungene Abdankung als König im Revolutionsjahr 1848? Wer den König verstehen will, der ist zumeist auf die Überlieferungen angewiesen, die das Geheime Hausarchiv der Wittelsbacher in der Münchner Ludwigstraße aufbewahrt. Für die Einsichtnahme in Akten und Briefe des eigenwilligen Königs braucht man zwar eine Genehmigung der Wittelsbacher Verwaltung. Die jedoch ist in aller Regel Formsache – und dann enthält einem der Archivleiter Gerhard Immler selbst pikante Briefe nicht vor.

Es gibt jedoch noch eine Quellengattung, die der Forscher wohl zu Rate ziehen müsste, um wirklich den ganzen Ludwig zu verstehen: die Tagebücher. Sie befinden sich infolge einer Laune der Geschichte und der bayerischen Bürokratie nicht im Geheimen Hausarchiv, sondern gleich nebenan in der Nachlassabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek. Die sie aber hermetisch abschließt, ja abschließen muss. „Absurd“ sei das, findet zum Beispiel der Historiker Paul Hoser. Er ist auch Vorsitzender der Gesellschaft der Münchner Landeshistoriker. „Inzwischen liegt der Tod Ludwig I. 146 Jahre zurück“, sagt Hoser. „Es gibt keinen vernünftigen Grund, diese Quelle vor der Forschung weiter zu verschließen.“ Auch Hermann Rumschöttel, Landeshistoriker und früherer Generaldirektor der Staatlichen Archive Bayerns, schließt sich der Kritik an: Ernsthafte, solide Wissenschaftler wüssten selbst, dass sie Persönlichkeitsrechte zu beachten hätten. „Es ist an der Zeit, zu überprüfen, ob die Regelung noch zeitgemäß ist.“

Ludwig, so viel ist bekannt, führte fast täglich Tagebuch. Für die Zeit von 1804 bis 1867 sind insgesamt 233 Bände erhalten – kleinformatige Kladden im Format weniger als ein DinA 5-Heft. Über vier Regelmeter nehmen die Bände ein. Eine einzigartige Quelle. Der König hatte zwar eine rechte Sauklaue, aber sie ist lesbar, wie Rumschöttel bestätigt.

Es gibt nur ganz wenige Historiker, die die Tagebücher selbst einsehen durften: der längst verstorbene Ludwig-Biograph Heinz Gollwitzer gehörte dazu, ebenso der Historiker Hubert Glaser, der den Briefwechsel zwischen Ludwig und seinem Chefarchitekten Leo von Klenze herausgab. Für alle anderen Wissenschaftler gilt ein umständliches Procedere: Zunächst muss man einen Forschungsantrag bei der Generaldirektion der Bayerischen Staatsbibliothek einreichen. Diese leitet den Antrag an das Haus Wittelsbach weiter – offenbar betrachtet Herzog Franz, selbst Kenner der Wittelsbacher Geschichte, die Tagebücher noch als sein Privateigentum, er lässt sich jeden Antrag persönlich vorlegen.

Gibt es die Genehmigung, dann muss ein Beauftragter der Stabi das Tagebuch sichten. Nur zwei Bediensteten der Bibliothek sei das erlaubt, bestätigt Sprecher Peter Schnitzlein. Sie erteilen dem Forscher dann „Auskunft“, auf die man vertrauen kann – oder auch nicht. Jedenfalls sind die Bediensteten keine ausgewiesenen Fachhistoriker. Außerdem sichten sie die Tagebücher „nur in einem gewissen zeitlichen Rahmen“, wie Schnitzlein sagt. Der Historiker selbst bekommt das Tagebuch keinesfalls zu Gesicht. Die Tagebücher sind Verschlusssache.

Dabei hatte es der König eigentlich anders verfügt. In seinem Testament bestimmte Ludwig I., die Tagebücher nach seinem Tod in die Hof- und Staatsbibliothek – die heutige Stabi – zu bringen und 50 Jahre zu sperren. So geschah es. Nach dem Ableben des Monarchen 1868 wanderten acht Schränkchen aus edlem Kirschholz (die die Stabi bis heute pflegt) mitsamt Tagebüchern in die Bibliothek. Nach Ablauf der Sperrfrist im März 1918, mitten im Weltkrieg, entschied sich das Königliche Staatsministerium des Äußeren indes für die weitere „unbedingte Geheimhaltung des schriftlichen Nachlasses“, wie der Historiker Reinhold Rauh berichtet. Die Briefe wurden dann doch freigegeben. Für die Tagebücher aber vereinbarte 1982 die Wittelsbacher Verwaltung mit dem Kultusministerium die noch heute geltende restriktive Genehmigungspraxis – die der damalige Minister Hans Maier am 23. Dezember 1982 sanktionierte. Ausdrücklicher Zusatz: „Über die Privatsphäre“ des Königs, wie sie in den Tagebüchern durchscheine, werde überhaupt keine Auskunft erteilt.

Diese Erklärung verärgert den Historiker Paul Hoser einmal mehr. Ein bayerischer König, sagt Hoser, habe nach so langer Zeit keine Privatsphäre mehr. Sonst müsse man auch „mittelalterliche Quellen über den Mord an König Philipp von Schwaben durch einen Wittelsbacher 1208 unter Verschluss halten“.

Dirk Walter

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