Auf geht’s zum Heimat-Rundflug!

München - Ein Jahr seines Lebens, gut 9000 Stunden, hat Klaus Leidorf bereits im Himmel erlebt. Im Himmel über Bayern – an Bord seiner Cessna 172. Immer mit dabei: seine Kamera. Auf diese Weise schafft der Fotograf einzigartige Luftaufnahmen – und ein völlig neues Heimatgefühl.

Einmal haben sie ihn sogar für einen Spion gehalten. Klaus Leidorf kreiste mit seiner viersitzigen Cessna 172, Baujahr 1975, über einem Sägewerk, dann öffnete er das Fenster bei extremer Schräglage. Und fotografierte. Klick, klick, klick. Ein russischstämmiger Mitarbeiter des Sägewerks entdeckte den vermeintlichen Halunken im Tiefflug – und zeigte ihn beim Luftamt Südbayern an. Wegen versuchter Schutzgelderpressung und Kontakt zur Russenmafia. Kein Witz.

Einzigartige Luftaufnahmen

Im Himmel über Bayern: Einzigartige Luftaufnahmen

Später erklärte der Mitarbeiter, das machen die bösen Mafia-Jungs in seiner Heimat so. Sie verschaffen sich erst einen Überblick über den Besitz ihrer Opfer, wenn es sein muss auch aus der Luft, dann erst legen sie die Höhe des Schutzgeldes fest.

Leidorf benötigte einen Batzen Zeit und Überredungskunst, bis er das Verfahren wieder vom Hals hatte. Sein tatsächlicher Beruf allerdings, der ist ähnlich ausgefallen wie eine Mafia-Mitgliedschaft: Leidorf ist Luftbildarchäologe. Und das geht so: Der Mann aus Buch am Erlbach im Kreis Landshut fliegt mit seiner Cessna über Bayern, oft acht Stunden am Stück, und macht Fotos von außergewöhnlichen Bodenformationen, mittelalterlichen Burgen, Autobahnen und Naturschauspielen. Ein sagenhafter Beruf.

Wenn man die Flugzeit addiere, sagt er, „dann habe ich Bayern in meinem Leben ein ganzes Jahr lang aus der Luft beobachtet“. Es gibt kaum einen Flecken, den Leidorf noch nicht aus der Vogelperspektive gesehen, den er noch nicht fotografiert hat. Die Foto-Datenbank des Luftbildarchäologen ist ein Schatz. Heimatkunde aus der Vogelperspektive. Bayernkunde aus 500 Metern Höhe.

Da ist zum Beispiel dieses bizarre Gewirr an Straßen, das Leidorf in Gersthofen nahe Augsburg fotografiert hat. Aus der Luft sieht es aus, als ob sich eine Krake samt ihren Tentakeln über die Landschaft gelegt hätte. „Wenn man die Ingenieure lässt, dann zeigen sie eben, was sie können“, sagt der Flugfotograf. Oder da ist ein blühendes Rapsfeld, das wie ein akkurater, knallgelber Pinselstrich aussieht. Als ob ein Landwirt die Leidenschaft für großformatige, abstrakte Kunst auf seinem Feld auslebt. Gerade hat Leidorf tausende seiner Aufnahmen gesichtet, die schönsten, außergewöhnlichsten, verrücktesten sind nun in einem Bildband erschienen. „Von oben begreift man plötzlich“, sagt er. Man begreift Städte, man begreift den Aufbau eines Landes. Man begreift Heimat.

Probleme bekommt Leidorf allerdings, sobald er seine Cessna verlässt. Kürzlich wollte er seiner Frau ein altertümliches, römisches Legionslager zeigen, das er aus der Luft schon kannte. Leidorf war mit dem Auto unterwegs. Und: Er fuhr andauernd am Lager vorbei und kurvte eine kleine Ewigkeit durch Unterfranken. Verirrt im Heimat-Labyrinth, so was passiert ihm im Flieger nie.

Stefan Sessler

Das Buch

„Hoch über Bayern: Einmalige Entdeckungen aus der Vogelperspektive“ von Klaus Leidorf. Volk Verlag, 24,90 Euro.

Rubriklistenbild: © Klaus Leidorf

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