Stalker in Ingolstadt angeschossen

Geiselnahme: Neun Stunden Angst im Rathaus

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Ingolstadt - Nervenkrieg im Alten Rathaus von Ingolstadt: Ein 24-jähriger Mann hat dort am Montag vier Geiseln genommen - darunter den dritten Bürgermeister. Nach neun Stunden beendete die Polizei das Drama.

Oberbürgermeister Alfred Lehmann (CSU) ist blass, als er um 13 Uhr in der Passage zwischen dem Rathausplatz und dem Viktualienmarkt in Ingolstadt eine improvisierte Pressekonferenz gibt und von den Erlebnissen des Vormittags erzählt. Er selbst saß um kurz vor neun in seinem Büro, als seine Sekretärin ihn alarmiert habe. Lehmann und seine Mitarbeiterin brachten sich in Sicherheit, dann versuchte jemand, im Büro des dritten Bürgermeisters Sepp Mißlbeck anzurufen. Doch statt des Kollegen hob der Mann ab, der Ingolstadt am Montag in Atem halten sollte. Er war mit einer Pistole bewaffnet in das Büro des dritten Bürgermeisters gestürmt und hatte sich dort erst mit vier Geiseln verschanzt, ließ eine aber umgehend wieder frei. Mehr als 200 Polizisten rückten an, darunter ein Spezialeinsatzkommando aus München, der Rathausplatz wurde weiträumig abgesperrt.

Neben Oberbürgermeister Lehmann steht Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und beantwortet Fragen. Vieles hatte die Polizei zuvor offengelassen, schließlich kann auch der Täter die Medien verfolgen. Doch Herrmann plaudert drauf los, was einige Polizisten als ziemlich unpassend empfinden, offen sagen will das aber niemand.

Geiselnahme im Rathaus von Ingolstadt

Geiselnahme im Rathaus von Ingolstadt

Es handle sich beim Täter um einen 24-jährigen Mann, mit einer ganzen „Latte weiterer krimineller Taten in der Vergangenheit“, sagt Herrmann. Und er gibt auch das Motiv des Täters bekannt: Immer wieder hatte der Mann in den vergangenen Wochen und Monaten einer Mitarbeiterin der Stadt nachgestellt – auch die junge Frau ist nun unter den Geiseln. Die Stadtverwaltung hatte mit einem Hausverbot für alle Rathäuser reagiert, doch der Täter hielt sich nicht daran. An diesem Morgen eskalierte die Situation.

Doch was will der Stalker mit der Geiselnahme erreichen? „Er möchte offenbar, dass wir einen Bescheid aufheben“, sagt OB Lehmann. Vermutlich das Hausverbot. Er selbst kenne den Täter nicht, es handle sich um eine sehr seltene Maßnahme, dass ein Bürger Hausverbot im Rathaus bekomme. „Schließlich sind die Rathäuser eigentlich für die Bürger da“, sagt Lehmann.

Zumindest ein politisches Motiv scheint damit ausgeschlossen. Auch darüber war zunächst spekuliert worden, schließlich sollte am Montagabend eigentlich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) auf dem Rathausplatz einen Wahlkampfauftritt absolvieren. Um 12.30 Uhr fällt die Entscheidung, den Termin abzusagen. „Wir waren der gemeinsamen Auffassung, keinen falschen Zeitdruck aufbauen zu wollen“, sagt Herrmann.

Ein paar hundert Schaulustige hat das Drama angelockt. Nicht alle nehmen das Geschehen ernst. „Immerhin hat der Typ Merkel in Ingolstadt verhindert“, sagt Wilhelm Rein und feixt. Der 72-Jährige steht wie fast jeden Tag mit ein paar Bekannten vor dem Kiosk „Garipler’s Taberna“ am Viktualienmarkt. „Ich glaub, das ist ein harmloser Knabe, ein Spinner halt“, sagt Rein.

Harmlos ist der Mann nicht, tatsächlich hat er massive psychische Probleme, soll bis vor Kurzem noch in einem psychiatrischen Bezirkskrankenhaus behandelt worden sein. Am Abend stellt OB Lehmann klar, dass der 24-Jährige nicht nur die Mitarbeiterin des dritten Bürgermeisters bedrängt, sondern auch andere Angestellte bedroht hatte. Mitarbeiterinnen seien zudem sexuell belästigt worden, das habe man zur Anzeige gebracht. Erst Ende Juli sei der Geiselnehmer wegen Stalkings, Beleidigung und Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, sagte Oberstaatsanwalt Helmut Walter. Laut einem Gutachter sei aber nicht zu erwarten gewesen, dass er eine schwere Straftat begehen würde.

Die Geiselnahme legte große Teile der Innenstadt Ingolstadts lahm. Nadine Schmidt und ihre drei Kolleginnen vom Optiker am Viktualienmarkt langweilten sich, weil kaum Kunden durch die Absperrungen kamen. „Wir dachten erst, es wäre wegen der Merkel“, sagt Schmidt. „Ich hätte nicht gedacht, dass das in Ingolstadt möglich wäre.“

Um kurz nach 14 Uhr kann die Polizei einen ersten Erfolg vermelden: Der Geiselnehmer hat nach zähen Verhandlungen den dritten Bürgermeister Mißlbeck freigelassen. Der würde am liebsten direkt wieder zurück, um seinen Mitarbeitern beizustehen.

Dann passiert lange nichts. Immer wieder verhandeln die psychologisch geschulten Polizeibeamten mit dem Täter – ohne Erfolg. Um 17.50 Uhr geht dann plötzlich alles ganz schnell: Erst ein lauter Knall, dann zwei weitere Schüsse. Kurz darauf gibt die Polizei Entwarnung: Die beiden letzten Geiseln sind unverletzt. Den Täter haben zwei Schüsse ins Bein und in die Schulter getroffen, aber er ist am Leben. Bei der Pistole des Geiselnehmers handelt es sich um eine täuschend echte Attrappe. Außerdem hatte er ein „größeres Messer“ bei sich.

Die Polizei habe sich für einen Zugriff durch das Sondereinsatzkommando entschieden, weil sich die Situation am späten Nachmittag zugespitzt habe, sagt Polizeivizepräsident Günther Gietl. Laut „Donaukurier“ fürchteten die Beamten, der Mann könne die letzte männliche Geisel freilassen, so dass er mit seinem Stalkingopfer allein gewesen wäre.

Von Philipp Vetter

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