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Einsatzkräfte stehen während der Geiselnahme vor dem Rathaus in Ingostadt.

Nach der Geiselnahme von Ingolstadt

Tausende Stalker bleiben auf freiem Fuß

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München - Der Geiselnehmer von Ingolstadt ist ein Stalker – er hatte seinem Opfer schon lange nachgestellt. Dieser Fall mag extrem sein. Aber aus dem Nichts kommt er kaum. Denn es gibt jedes Jahr tausende Stalking-Opfer. Und die meisten Täter bleiben auf freiem Fuß.

Die Geschichte begann harmlos: Die beiden lernten sich kennen, schrieben sich jeden Tag Kurznachrichten aufs Handy, freundeten sich an. Doch dann verliebte sie sich – in einen anderen Mann. Und er fühlte sich wie entsorgt, wollte nicht von ihr lassen, stellte ihr nach.

Irgendwann hatte sie genug: Sie schmiss ihn aus ihrem Leben. Da drängte er sich wieder hinein – nicht einmal eine Unterlassungsanordnung hielt ihn fern. Dabei durfte er sich ihr jetzt offiziell nicht mehr nähern, keinen Kontakt aufnehmen. Er machte trotzdem weiter. Im Sommer 2012 nahm ihn die Polizei dann fest. Er musste in psychiatrische Behandlung, wurde später verurteilt – eine Bewährungsstrafe. Und dann kam der 19. August 2013.

Er – das ist der Geiselnehmer von Ingolstadt.

Sie – das ist eine junge Frau, die er an jenem Montagmorgen in Geiselhaft nahm. Zusammen mit anderen Mitarbeitern des Rathauses.

Geiselnahme im Rathaus von Ingolstadt

Geiselnahme im Rathaus von Ingolstadt

Die Geschichte der beiden könnte sich so ähnlich jeden Tag wiederholen. Denn es ist die Geschichte eines Stalkers – meist männlich – und seines Opfers – meist weiblich. Die polizeiliche Kriminalstatistik hat allein fürs Jahr 2012 rund 24 600 Stalking-Fälle bundesweit erfasst. Fälle, in denen die Opfer in ständiger Angst leben mussten. Und wahrscheinlich zum Teil immer noch müssen. Zumal: „Die Strafen fallen oft sehr milde aus. Nicht selten werden die Verfahren sogar eingestellt“, sagt Erika Schindecker, Vorsitzende der Deutschen Stalking-Opferhilfe. Sie war einst selbst Opfer. Sie weiß, was es bedeutet, stets auf der Hut zu sein. „So etwas ist schrecklich“, sagt sie. „Man fühlt sich verfolgt.“

Was bringt das Anti-Stalking-Gesetz?

Denn: Das Anti-Stalking-Gesetz, Paragraf 238 im Strafgesetzbuch, ist ihrer Ansicht nach nicht streng genug. Und: Es greift oft zu spät.

Seit 2007 steht Stalking in Deutschland als „unbefugtes Nachstellen“ unter Strafe. Wird das Opfer in seiner „Lebensgestaltung schwerwiegend beeinträchtigt“, drohen dem Stalker bis zu drei Jahre Haft. Wird jemand durch Nachstellen „in die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung“ gebracht, sieht das Strafgesetzbuch bis zu fünf Jahre Gefängnis vor. Sterben das Opfer oder eine ihm nahestehende Person, sind es bis zu zehn Jahre. Was aber, wenn das Gericht den Terror nicht als Terror anerkennt? Wenn das Anrufen, Ausspionieren, Auflauern, jeden Tag, Woche für Woche, Monat um Monat in den Augen der Richter doch nicht als justiziabel erscheint? Dann hat der Stalker freie Fahrt. Und die nutzt er.

Eine Frau aus dem Kreis Ebersberg hat von ihrem Ex-Mann immer wieder wütende Kurznachrichten aufs Handy bekommen. Da stand dann: „Du wirst für alles bezahlen. Wenn ich mit Dir fertig bin, kannst Du Dich einweisen lassen.“ Oder: „Ich werde Dich aufschneiden und kein Stück Fleisch an Dir lassen.“ Ein Student aus München sah sich wegen eines Stalkers gezwungen umzuziehen, seine geliebte Wohnung aufzugeben. „Was hätte ich machen sollen?“, fragt er. „Ich habe mich umgedreht – und der Typ stand da. Er war immer da! Ich wollte nicht mehr auf der Flucht sein.“ Eine Frau aus dem Kreis Mühldorf am Inn, die von ihrem Ex-Mann verfolgt wurde, sagte – immerhin bei einer Gerichtsverhandlung gegen den Stalker: „Ich bin am Ende. Mein einziger Wunsch ist, von diesem Menschen endlich in Ruhe gelassen zu werden.“

Doch die Stalker lassen nicht locker. Wie Waidmänner in freier Wildbahn pirschen sie sich heran, belauern ihre Beute, bleiben ihr auf den Fersen. Kein Zufall, dass der Begriff „Stalking“ aus der Jägersprache stammt. Denn auch hier geht es ums Erlegen. Oder, um noch genauer zu sein: ums Machtausüben. Zahlreiche Studien zeigen, dass die meisten Stalker „Kontroll-Freaks“ sind.

Viele Opfer igeln sich deshalb immer mehr ein, gehen kaum noch vor die Tür, fangen sogar an, ihren Mitmenschen zu misstrauen. Eine betroffene Frau erzählt: „Es kam so weit, dass mich die Polizei in die Arbeit eskortieren musste.“ Sicher fühlte sie sich dennoch nicht. Nicht einmal, als er, ihr Ex, verurteilt wurde. Eine Haftstrafe – ohne Bewährung.

Danach verbrachte sie viele Monate in einer Klinik. Völlig gesund fühle sie sich seither dennoch nicht. Solche Erlebnisse hinterlassen eben Narben – vor allem auf der Seele.

Allzu oft leiden die Opfer unter einer sogenannten posttraumatischen Belastungsstörung. Also unter einer psychischen Erkrankung, die dann entsteht, wenn man etwas extrem Belastendes erlebt hat.

„Eine Studie kam sogar zu dem Ergebnis, dass die Betroffenen einen ähnlichen hohen psychischen Belastungsgrad aufweisen wie die Überlebenden eines Boeing-Absturzes“, sagte vor Jahren Dr. Jens Hoffmann vom Institut für Psychologie und Bedrohungsmanagement in Darmstadt bei einem Vortrag. Und damit nicht genug: „Die negativen Auswirkungen des Stalking beschränken sich nicht immer allein auf die Opfer.“ In etwa zwei Drittel der Fälle gerieten noch andere Menschen in den Fokus – zumindest phasenweise. So seien im Durchschnitt 21 weitere Personen betroffen, die in der Regel aus dem sozialen Umfeld des Opfers stammten. Und: In jedem vierten Fall handelt es sich sogar um die Kinder des Opfers.

Und manchmal handelt es sich auch um sehr junge Opfer. Ein besonders perfider Fall ereignete sich vor ziemlich genau einem Jahr: Da schaltete im August ein Stalker eine Todesanzeige – für sein Opfer. Die 17-jährige Steffi musste in der Zeitung lesen, dass sie tot sei. Sie war völlig am Ende.

In einem Interview Anfang 2013 sagte sie noch: „Ich leide unter Angst- und Panikattacken.“ Zudem seien sie und ihre Mutter auf Psychopharmaka angewiesen. Ihr Stalker, ein 42 Jahre alter Buchhalter, den Steffi bei der Arbeit kennengelernt hatte, kam am Ende mit einer Bewährungsstrafe davon. Über das Tatmotiv schwieg er sich aus – und zahlte gerade mal ein paar tausend Euro.

von Barbara Nazarewska

 

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