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Verurteilt: Sebastian Q. wird am Montagvormittag in den Sitzungssaal 11 des Landgerichts Ingolstadt geführt.

Was passiert, wenn er freikommt?

Geiselnehmer von Ingolstadt: Haft statt Psychiatrie

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Ingolstadt - Der Geiselnehmer von Ingolstadt kommt in Haft, die Psychiatrie bleibt ihm erspart. Doch der Mann leidet an einer schweren Persönlichkeitsstörung.

Was er denkt? Wie er fühlt? Ob er wirklich bereut? So genau weiß das niemand, vermutlich nicht mal er selbst. Denn Sebastian Q., 25, der Geiselnehmer von Ingolstadt, ist krank. Psychisch krank. „Man kann keinen Zweifel daran haben, dass der Angeklagte schwer gestört ist“, sagt der Richter. Er sagt aber auch: Sebastian Q. sei „voll schuldfähig“ – er habe seine Tat akribisch geplant.

Deshalb wird Sebastian Q., blaue Jeans, schwarzes Schlabber-Sweatshirt, unberechenbarer Charakter, schuldig gesprochen: acht Jahre und drei Monate Haft. Keine Einweisung in die Psychiatrie, keine zeitlich unbegrenzte Unterbringung – sondern Gefängnis, zeitlich begrenzt. Und danach Führungsaufsicht, fünf Jahre lang. In dieser Zeit muss er sich bei den Behörden melden. Und: Er darf seine Opfer nicht kontaktieren.

Es ist Montagvormittag, kurz nach 11 Uhr, und es ist der letzte Verhandlungstag in einem Prozess, der „nah dran war, Gerichtsshows Konkurrenz zu machen“. Das sagt der Richter während der Urteilsbegründung. Immerhin hatte sich Sebastian Q. schon am zweiten Sitzungstag lautstark zu Wort gemeldet, und seine Wortwahl passte, nun ja, nicht unbedingt in einen Gerichtssaal. Am Ende zeigte er aber doch noch Reue: „Ich habe maßlos übertrieben“, erklärte er nach den Plädoyers.

Sebastian Q. kam es vor allem darauf an, nicht eingewiesen zu werden

Mit „maßlos übertrieben“ meint er den 19. August 2013, als er im Rathaus von Ingolstadt vier Menschen in Geiselhaft nimmt, sie bedroht und in Todesangst versetzt. „Es wird ein blutiges Ende geben“, erklärt er ihnen damals. In einer Hand hält er ein Messer, in der anderen die Attrappe einer Pistole. Sie sieht echt aus – bis zum Schluss glauben die Opfer, er könnte sie damit erschießen.

Sebastian Q. dürfte nun mit dem Urteil zufrieden sein: Ihm kam es vor allem darauf an, nicht eingewiesen zu werden. Die Nebenklage ist unzufrieden. Anwalt Peter Gietl, der alle vier Opfer vertritt, hatte eine Unterbringung gefordert. Ob er in Revision gehen will? „Das werde ich mit meinen Mandanten besprechen.“ Insbesondere mit seiner Mandantin Tatjana S., 26, Verwaltungsfachangestellte und Sekretärin des Dritten Bürgermeisters von Ingolstadt. Sie ist das Hauptopfer, ihr hatte der Angeklagte schon lange nachgestellt, sie mit unzähligen SMS bombardiert, mit Besuchen und Anrufen in der Arbeit terrorisiert. Irgendwann erwirkte Tatjana S. ein Hausverbot im Rathaus – doch auch das hielt ihren sogenannten Stalker nicht fern.

Selbst von einer späteren Verurteilung wegen Nachstellens ließ er sich nicht abschrecken; er kam damals auf Bewährung frei – und machte weiter. Bis zum 19. August 2013. Und an diesem Tag brachte er dann nicht nur Tatjana S. in seine Gewalt, sondern drei weitere Menschen. Er wollte sich rächen, an der Stadt, die ihn vor einem angeblichen sexuellen Missbrauch durch seinen Vater nicht geschützt habe. Er wollte eine offizielle Entschuldigung. Er war in katastrophalen Verhältnissen aufgewachsen, wurde von seiner alleinstehenden Mutter grob vernachlässigt.

Rund neun Stunden dauerte die Geiselnahme, dann stürmte ein Sondereinsatzkommando das Rathaus. Sebastian Q. wurde dabei als Einziger verletzt: drei Schusswunden. Seither kann er – der Linkshänder – die linke Hand nicht mehr benutzen.

Der Richter gibt ihm am Montag eine letzte Chance. Aber: Wenn er nochmal eine solche Tat begehe, sei „die Sicherungsverwahrung sicher“. Dann wird Sebastian Q. tatsächlich für sehr lange Zeit weggesperrt. Er selbst sagt am Montag nichts mehr, sitzt nur auf der Anklagebank, grinst zwischendurch, spielt mit seiner schwarz-grau gestreiften Mütze. Sebastian Q. leidet an einer sogenannten dissozialen Persönlichkeitsstörung. Ein hervorstechendes Merkmal dieser Krankheit: „Das Verhalten ist nicht änderungsfähig durch Bestrafung.“ Das sagen Experten.

Barbara Nazarewska

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