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Die Burgruine Wolfstein in der Oberpfalz: Hier waren die Geisterjäger auf ihrem gruseligen Einsatz. Tagsüber besichtigen Touristen die Überreste der Burg, in der Dunkelheit sucht das Ghosthunterteam regelmäßig nach Unerklärlichem.

Gespensterjagd

Die Geisterjäger auf gruseliger Mission

Neumarkt - Gespenster, Stimmen und Spukgestalten:  Das Ghosthunterteam Bayern sucht seit Jahren nach übernatürlichen Erscheinungen. Blanker Unsinn, klar. Oder ist da mehr?

„Hallo, ist da wer?“, fragt Bianca. Die 25-Jährige steht in der Burgruine Wolfstein. Ihr Gesicht ist blass, in ihrer Hand blinkt eine Videokamera. Sterne am Himmel. Es ist Biancas erster richtiger Einsatz, ihr erster Empfindungstest. Sie ruft: „Gib dich zu erkennen!“ Sie fordert: „Wirf einen Stein, irgendwas!“

Die Geister schweigen.

Die Jagd hat ein paar Stunden vorher begonnen. Ein ausklingender Spätsommertag in der Oberpfalz, 50 Kilometer südöstlich von Nürnberg. Die Geisterjäger treffen sich zur paranormalen Untersuchung, so nennen sie es. In der Abenddämmerung sitzen sie in der Wirtschaft unterhalb der Ruine: Kaffee, Zigaretten, Bierchen. Dann holt Alex, der Chef, aus seinem Auto drei silberne Koffer. Streng geordnet liegen darin Kameras, Aufnahmegeräte, Thermometer, Taschenlampen, ein Messgerät für Magnetfelder. „Vielleicht find’ ma diesmal was“, sagt Alex. Der 43-Jährige ist erster Vorsitzender des Ghosthunterteams Bayern. Seit bald sechs Jahren suchen er und die anderen nach übernatürlichen Erscheinungen, nach Geistern, nach Spukgestalten. Eigentlich aber suchen sie sich selbst.

Die Geisterjäger (v. l.): Doris, die fest an übernatürliche Erscheinungen glaubt. Alex, der skeptische Chef. Markus, der Schweigsame. Und Bianca, die in dieser Nacht zum ersten Mal dabei ist.

In der Luft liegt die letzte Wärme des Sommers, die Geisterjäger gehen ein Stück bergauf, dann erreichen sie die Überreste der Burg. Sie sind zu viert an diesem Abend: Alex, der Geister sucht, an die er nicht glaubt. Seine Freundin Doris, 43, eine herzliche Frau, die es nicht immer einfach hatte im Leben. Markus, Geburtsjahr 1981, der viel raucht und wenig spricht. Und seine Freundin Bianca, die Neue im Team, die ein paar Stunden später in die Dunkelheit rufen wird.

Die Geisterjäger arbeiten mit heiligem Ernst. Auch in der Wolfsteiner Ruine, die sie schon oft untersucht haben, weil sie ganz in der Nähe wohnen. Natürlich schlingen sich Mythen um die Burg: Eine weiße Frauengestalt soll es hier geben, auf ihre Erlösung wartend. Einen Schatz, bewacht von einer Feuer speienden Schlange. Das Team mag Orte wie diesen.

Alex holt die Kameras aus dem Koffer, das Thermometer, das Messgerät für Magnetfelder. Markus zündet sich noch eine Marlboro an. Ein paar Meter weiter messen Bianca und Doris die Temperatur der alten Gemäuer. „Wenn sich die Geister zeigen, ziehen sie Energie“, erklärt Doris. Alex legt zwei Spielzeugautos auf eine Mauer. Davor eine Videokamera auf einem Stativ, sie soll unnatürliche Bewegungen aufzeichnen. Einmal haben sich die Autos tatsächlich bewegt, erzählt Alex, aber es war der Wind.

Ein paar Mal haben sie Dinge gefunden, die sie sich nicht erklären können. Die Kinderstimme etwa, von der Alex später berichten wird. Aber die meisten Untersuchungen laufen ab wie in dieser Nacht. Die immer gleichen Griffe. Die immer gleichen Messungen. Routinen strukturieren ein Leben – auch dann, wenn es aus der Suche nach Geistern besteht.

Warum sind sie seit Jahren auf einer Jagd, die sie in den Augen der meisten Menschen zu liebenswerten Spinnern macht? „Weil es Spaß macht“, sagt Alex. „Weil da noch irgendetwas ist, zwischen Himmel und Erde“, sagt Doris. Das sind die beiden Extreme innerhalb des Teams. „Alex ist eher der Skeptiker“, sagt seine Freundin. „Doris geht eher auf die Gefühlsebene“, sagt er. „Sie glaubt an solche Geschichten.“

Solche Geschichten also. Die verstorbene Tante, der man noch was sagen möchte. Die verstorbene Oma, die man nochmal sehen will. Das Gefühl, den toten Schwiegervater um sich zu wissen, die Erinnerung an ihn. Es ist leicht, das als kindliche Träume abzutun. Es ist vielleicht konsequent, mit drei silbernen Koffern auf eine Burgruine zu wandern, um eine paranormale Untersuchung vorzunehmen.

Das Ghosthunterteam Bayern ist ein eingetragener Verein, 24 Euro Jahresbeitrag, neun Mitglieder. Bianca soll das zehnte werden, aber sie hat den ausgefüllten Mitgliedsantrag zuhause vergessen. Seit einer Weile versucht Alex das Finanzamt von der Gemeinnützigkeit des Vereins zu überzeugen. Es geht dabei um Steuern, aber da ist noch mehr. Es geht den Geisterjägern auch um Anerkennung. Über ihre eigene, kleine Anhängerschaft hinaus.

Warten auf die Geister: Am Ende der Jagd sitzen die Geisterjäger zusammen in der Dunkelheit.

Auch deshalb sind regelmäßig Journalisten dabei. Alex lehnt an einer alten Mauer, er erzählt die Geschichte von der RTL-Reporterin, nicht das erste Mal. 2009 hat sie die Geisterjäger begleitet, in einer Schlossruine bei Regensburg. „Ihr spinnt doch“, hat die Frau die ganze Zeit gemurmelt und den Kopf geschüttelt. Während er die Geschichte erzählt, lacht Alex immer wieder. Über sein Lachen legt sich der Zigarettenrauch, den er in die Dunkelheit bläst. Sein Lachen rasselt.

In jener von RTL gefilmten Nacht haben die Geisterjäger etwas aufgenommen, das sie bis heute beschäftigt. Eine Tonbandaufnahme, nachts um halb drei. Alex erzählt von der Kinderstimme, die auch auf der Homepage des Teams nachzuhören ist. Man kann die Stimme gut im Hintergrund hören, sagt Alex. Das Kind sagt: „Ich hasse dich.“ Aber da war kein Kind.

Eine Viertelstunde später sieht Doris den ersten Geist.

Zusammen mit Markus hat sie in einer dunklen Ecke der Ruine Fotos gemacht. Auf einem Bild erkennt man die Form eines Gesichts: hier die Augen, dort der geschwungene Mund, dazwischen die Nase. Doris geht zu Alex, sie schauen die Aufnahme auf dem winzigen Display der Kamera an. „Ist nur das Blitzlicht“, sagt Alex nach ein paar prüfenden Blicken. Solche Szenen gibt es häufig, es ist das immer gleiche Spiel.

Die Suche geht weiter, Markus fischt noch eine Zigarette aus seiner Schachtel. Tagsüber arbeitet er in einem Büro, ein paar Kilometer von Wolfstein entfernt. Es gibt vielleicht keinen Ort, von dem paranormale Erscheinungen weiter entfernt sind, als die Beschwerdeabteilung eines Elektronikunternehmens in Hirschau, Oberpfalz.

Bei der Suche nach sich selbst stellt sich schnell die Frage: Wie verbringt man seine freie Zeit? Für die vier Geisterjäger sind Abende wie dieser ein Ausbruch, ein Gegenentwurf. Markus aus der Beschwerdeabteilung. Bianca, arbeitssuchend, die sagt: „Ich würde alles machen, was man mir anbietet.“ Doris, die drei Jahre in München für das Finanzamt gearbeitet hat und von ihren Kollegen aus der Stadt gemobbt wurde, wie sie sagt. Und Alex, der eine eigene kleine IT-Firma hat und am Ende seiner Sätze meistens ein „na?“ nachschiebt. Als zweifle er manchmal an seinen eigenen Sätzen.

Nach den Untersuchungen treffen sich die Geisterjäger, um die Videos und Fotos auszuwerten. Stundenlang. Manchmal fahren sie auch zu Privatpersonen, die etwas in ihrer Wohnung vermuten, das dort nicht hingehört. Ohne Bezahlung. „Wir sind teilweise die letzte Hoffnung“, sagt Alex, „weil wir die Leute noch ernst nehmen.“ Einmal sind sie mit den silbernen Koffern zu einem Bauingenieur gefahren. Klopfgeräusche im Keller. Ein Geist, sagte der Ingenieur. Luft in der Heizung, sagten die Geisterjäger. Man ging auseinander, ohne sich zu einigen.

Es ist Nacht geworden in der Burgruine Wolfstein. Das Ghosthunterteam trifft sich zur Abschlussrunde. Sie nennen es Sit-Down. Doris startet den letzten Versuch. „Zeig dich“, ruft sie. Vor ihr blinkt das rote Licht eines Aufnahmegeräts, neben ihr sitzen die anderen. Alex, die Dunkelheit fotografierend. Markus, rauchend, er schweigt. Bianca, längst müde, die Hände in den Ärmeln ihres Pullovers versteckt. An diesem Punkt endet die Geisterjagd, nach gut vier Stunden. Ergebnislos. Bald geht sie weiter, in einer anderen Ruine, in einem anderen Heizungskeller.

Die Abschlussberichte über ihre Untersuchungen stellt Alex regelmäßig ins Internet, auf die Homepage des Teams. Dort stellen sich die Geisterjäger auch selbst vor, mit kurzen Steckbriefen. Sie haben sich mythisch klingende Namen gegeben für ihre Jagd. Alex heißt Trasgu, Doris heißt Hexana. Unter dem Punkt schlechte Eigenschaft steht bei beiden das Gleiche: ungeduldig. Das aber stimmt nicht.

Dafür schweigen die Geister schon zu lange.

Maximilian Heim

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