Abdul Khalil steht im Atelier in München und hält einen selbstgenähten Rock in die Kamera
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Im Münchner Atelier hat Abdul Khalil seine Ausbildung zum Schneider gemacht. Den Rock und die Mäntel im Hintergrund hat er selbst entworfen und genäht.

Junger Syrer baut sich in Bayern neues Leben auf

Die Chance seines Lebens: Junger Schneider aus Syren schafft Schritt auf die Meisterschule - „Ich will zeigen was ich kann“

  • Katrin Woitsch
    VonKatrin Woitsch
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Abdul Khalil ist vor sechs Jahren aus Syrien nach Bayern geflüchtet. Er hat um eine Chance gekämpft – und sie bekommen. Inzwischen ist ausgebildeter Schneider und kann bald den deutschen Pass beantragen. Eine Geschichte von einem, der angekommen ist – und seine neue Heimat über alles liebt.

Svenja Jander erinnert sich gut an den Tag, als Abdul Khalil das erste Mal in ihr Atelier im Münchner Glockenbachviertel kam. „Er fragte, ob ich einen Schneider-Lehrling brauche.“ Sie musste ablehnen. Dann fragte er, ob er ein Praktikum bei ihr machen dürfe. Sie wollte dem jungen Mann aus Syrien eine Chance geben. Und Abdul Khalil hatte nur auf eine Chance gewartet. „Am Ende seines ersten Praktikumstages habe ich ihm doch einen Ausbildungsplatz angeboten“, erzählt Jander.

Seitdem sind drei Jahre vergangen. Vor wenigen Tagen hat Abdul Khalil seine Gesellenprüfung bestanden. Der Weg dahin war nicht einfach. In der Berufsschule war er mehr als zehn Jahre älter als die meisten seiner Mitschüler. Er brauchte viel mehr Hilfe in Fächern wie Sozialkunde oder Mathe. Dafür hatte er in der Praxis mehr Erfahrung. Denn sein großer Bruder hatte in Syrien als Schneider gearbeitet und ihm viel beigebracht. Vor allem aber hatte Abdul Khalil eines: grenzenlosen Ehrgeiz. Drei Jahre verging kein einziger Tag, an dem er nicht eisern auf sein Ziel hinarbeitete. „Jeden meiner Urlaubstage habe ich genutzt, um zu lernen“, erzählt der 30-Jährige.

Abdul Khalil hätte den Mantel einfacher gestalten können. Er hat sich an etwas gewagt, was sich noch niemand getraut hat.

Svenja Janker

Dann begann die letzte Phase seiner Ausbildung. Er musste sein Gesellenstück entwerfen – und in nur 32 Stunden umsetzen. Khalil entschied sich für einen Mantel in verschiedenen Grüntönen. Er hätte ihn einfacher gestalten können, sagt seine Chefin. „Aber er hat sich an etwas gewagt, was sich noch niemand getraut hatte.“ „Es sollte was ganz Besonderes werden“, sagt Khalil. Der Mantel besteht auch vielen kleinen Stoffstücken, mit vielen Ecken und Zacken – eher ein Meisterstück als ein Gesellenstück, sagt Jander. Abdul Khalil erinnert sich an viele Nächte, in denen er bis tief in die Nacht in seiner Wohnung saß und über Schnittmuster grübelte. „Viele haben mich gefragt, warum ich mir das antue“, erzählt er. Die Antwort war für ihn immer ganz einfach – er will zeigen, was er kann. Und er schaffte es. Der Mantel wurde genauso, wie er ihn sich vorgestellt hatte. Er bestand die Abschlussprüfung. Und Svenja Jander bot ihm eine feste Stelle an.

Doch dann kam wieder sein Ehrgeiz dazwischen. Abdul Khalil hat sich an der Meisterschule beworben. „Ich will noch mehr lernen und noch besser werden“, sagt er. Und er bekam erneut eine Chance. In einem Monat kann er die zweijährige Meister-Ausbildung beginnen. Leichter wird es nicht, das ist ihm klar. Am Ende steht eine schwere Prüfung. Abdul Khalils Ziele reichen darüber hinaus. Er träumt von einem eigenen Atelier – irgendwann. Dafür ist ihm kein Weg zu steinig.

Abdul Khalils Mäntel: Sein Gesellenstück trägt seine Chefin Svenja Jander (rechts). Die anderen beiden Mäntel hat er ebenfalls selbst genäht.

Seine Motivation ist riesengroß. Schon allein, weil sich immer wieder eine Chance auftut. Zum Beispiel vor zwei Tagen. Er bekam einen Anruf von der Schneider-Innung. Die Landesvorsitzende Ulrike Wenzel will im Schaufenster am Oberanger die Mäntel ausstellen, die Khalil für die Prüfung entworfen hatte. „Ich bin einer von nur vier Schülern, die diese Chance bekommen“, erzählt er stolz. Eine schönere Auszeichnung gibt es nicht für einen ehrgeizigen Schneider.

Manchmal kann auch Abdul Khalil kaum glauben, was er in seiner neuen Heimat alles geschafft hat. Er telefoniert oft mit seiner Familie, die jetzt im Libanon lebt und die er mit dem Geld unterstützen kann, das er in Deutschland verdient. Natürlich vermisst er sie – genau wie er Syrien vermisst. Zum Beispiel die Olivenbäume in Afrin. Aber das Syrien das er kannte, gibt es nicht mehr, sagt Khalil. Und seine neue Heimat hat er längst lieben gelernt. „Ich mag die Natur, die Berge – und vor allem den bairischen Dialekt“, sagt er und lächelt. „Zu meinen Freunden sage ich immer: Wenn ihr mir eine Freude machen wollt, redet Bairisch.“ Khalil hat inzwischen eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Vor Kurzem bekam er einen Anruf aus dem Bürgerbüro, dass er nun auch einen deutschen Pass beantragen könne. Natürlich möchte er das. Er lacht. Dann sagt er auf Bairisch: „I bin zufriedn.“

Kontakt

Abdul Khalil freut sich über Aufträge. Er ist unter der Email-Adresse a.khalil.de@gmail.com erreichbar.

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