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Teure Geothermie: Eine einzige Bohrung kostet bis zu zehn Millionen Euro. Das Foto stammt vom Geothermie-Heizkraftwerk Sauerlach, Oktober 2007.

Haching macht Verluste, München investiert

Geothermie in Bayern: Der große Traum vom heißen Wasser

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München - An der Geothermie scheiden sich in Bayern die Geister. Unterhaching macht Millionenverluste. Die Stadtwerke München investieren Millionen. Kann das gut gehen?

Der Tag sollte ein neues Energiezeitalter für die ganze Region einläuten. 2. Juni 2009, Eröffnung des Geothermie-Kraftwerks Unterhaching. „Mehr als ein Leuchtturm“ sei die neue Anlage, schwärmte Sigmar Gabriel (SPD), damals Bundesumweltminister. Unterhaching sei der „Eisbrecher“ für die Geothermie in Deutschland. Ein Druck auf den roten Startknopf, eine Fontäne Heißwasser schoss aus der Erde, begoss die versammelten Honoratioren. Energieproduktion Marsch!

Die Gemeinde erhoffte sich ein lukratives Geschäft, seit eine Bohrung 2004 große Mengen heißen Wassers zutage befördert hatte. Thermalwasser direkt unter den Wohnsiedlungen – ein unerschöpfliches Reservoir an umweltfreundlicher Energie für Strom- und Wärmeproduktion. Eine „Gelddruckmaschine“ versprach der damalige Unterhachinger Bürgermeister Erwin Knapek (SPD). Mit Badehose und Sektglas ließ er sich in einem Becken mit Thermalwasser ablichten.

Geothermie - ein Millionengrab?

Eine „Gelddruckmaschine“: Unterhachings Ex-Bürgermeister Erwin Knapek (l.) mit Sektglas im Thermalwasser. Das war 2004, inzwischen ist die Stimmung gekippt.

Heute sieht man Vieles realistischer. Im Empfangsbereich des Kraftwerks am Grünwalder Weg steht Geschäftsführer Wolfgang Geisinger. Ein großer, heller Raum mit Besprechungstisch. An der Wand ein Schild: „Deutschland – Land der Ideen“. Eine Auszeichnung der Bundesregierung. Geisinger sagt: „Wir sind definitiv noch nicht auf der Kostenposition, auf der wir sein müssten.“

Drei Kilometer nördlich im Rathaus formulieren sie es drastischer. Millionengrab, Fass ohne Boden – das ist die Tonlage von der FDP bis zu den Grünen. Intern fordert mancher schon, das Kraftwerk für einen symbolischen Euro zu verkaufen. Die Anlage hat der Gemeinde bisher nur mehrere Millionen Euro Verlust gebracht.

Auch in Grünwald grummelt es. Die Gemeinde, die auch ein eigenes Kraftwerk besitzt, war vor gut drei Jahren mit einer Millioneninvestition in Unterhaching eingestiegen. Umweltschonend schön und gut, heißt es nun auch dort. Aber die Kosten!

In den Gemeinderäten mag die Kritik groß sein – Geisinger hat den Glauben an sein Kraftwerk aber noch nicht verloren. Es sei eben ein Lernprozess. Eine „ganz normale industrielle Entwicklungskurve“. Allerdings eine, die eben nicht die Industrie, sondern der Steuerzahler finanziert. Geisinger sagt: „Unterhaching hat sehr viel Lehrgeld gezahlt, von dem jetzt andere profitieren.“

Geothermie: Oberbayern besonders geeignet

Finanzieller Irrsinn oder nur Anfängerfehler? Fakt ist: An kaum einem Ort in Deutschland lässt sich die Erdwärme so gut nutzen wie in Oberbayern. Durch Erdverschiebungen vor Millionen von Jahren entstand unterirdisch das sogenannte Süddeutsche Molassebecken. Nördlich von München bis kurz vor die Alpen fließt teilweise mehrere Kilometer tief unter der Erde Thermalwasser. Gleichzeitig ist die Erdoberfläche vor allem in der Münchner Region dicht besiedelt. Die Wärme wird vor Ort gebraucht.

Das Problem: Geothermiekraftwerke sind komplex. Heißwasser wird aus der Tiefe gepumpt. Oben fließt es durch Wärmetauscher, erhitzt so einen anderen Wasserkreislauf. Der liefert Fernwärme an die Haushalte der Region. Das abgekühlte Thermalwasser wird über eine zweite kilometertiefe Bohrung anderswo wieder ins Erdreich gepumpt. So weit, so unproblematisch.

Das Heißwasser kann man aber mittels Verdampfung und Turbine auch zur Stromproduktion nutzen. Das Unterhachinger Kraftwerk sollte beides können. Dumm nur, dass die Stromerzeugung jahrelang nicht funktionierte. Die Pumpen förderten zu wenig Wasser und verschlissen viel zu schnell. Das verfügbare Gerät stammte aus dem Ölgeschäft. An speziellen Anbietern für die Förderung großer Mengen sehr heißen Wassers mangelt es. Dann verkalkten auch Leitungen viel schneller als angenommen. Das ölhaltige Thermalwasser zersetzte Dichtungen. Eigene Fehler kamen hinzu.

Unterhaching war der Wegbereiter

Sind definitiv noch nicht auf der Kostenposition, auf der wir sein müssten.“ Wolfgang Geisinger vor der Anlage in Unterhaching.

Doch trotz aller Probleme: Unterhaching war tatsächlich eine Art Wegbereiter. Etliche Gemeinden in der Region nutzen die Geothermie inzwischen. Die meisten produzieren nur Fernwärme. An die Stromproduktion wagt sich inzwischen kaum noch jemand heran. Um die Technik voranzutreiben, tauscht man sich in der regionalen Branche seit einiger Zeit aus, teilt Erfahrungen. „Das funktioniert, weil wir nicht in Konkurrenz zueinander stehen“, sagt Wolfgang Geisinger.

Die Rolle der Geothermie in der Energiewende ist dennoch ungewiss. Zumindest in der Stromproduktion ist die Lage unsicher. Die Kosten sind hoch. Eine einzige Bohrung kostet um die zehn Millionen Euro. Der Erfolg ist nicht garantiert. Und wie sehr der Staat bei der Entwicklung künftig noch hilft, ist unklar. Nach der geplanten Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes soll weniger Fördergeld fließen. Derzeit gibt es 25,2 Cent je Kilowattstunde. Ab 2018 sollen es jährlich fünf Prozent weniger werden. Schon bei einem Minus von zehn Prozent werde es schwierig, Anlagen wirtschaftlich zu betreiben, heißt es beim Bundesverband Geothermie.

Kürzlich beschloss auch der Agrarkonzern BayWa in seinen beiden Geothermiekraftwerken in Kirchstockach und Dürrnhaar im Landkreis München umzusteuern. Bisher produzieren beide Anlagen ausschließlich Strom. Nun soll nach und nach auf Wärme umgestellt werden. Die Wärme soll die Energieversorgung Ottobrunn an die Haushalte in den umliegenden Gemeinden vertreiben. Das Vorhaben ist ambitioniert, allerdings eher klein dimensioniert gegen das, was die Stadtwerke München derzeit planen.

Die Stadtwerke bohren in Freiham

Rechts Stadtwerke- Geschäftsführer Stephan Schwarz in Freiham. Hier soll Fernwärme für bis zu 25 000 Wohnungen entstehen.

Stephan Schwarz, Stadtwerke-Geschäftsführer, steht auf einem Feldweg in Freiham im Westen Münchens. Ringsum Felder und Wiesen. Es riecht nach Gülle. Auf einer mit Bauzäunen abgetrennten Fläche läuft ein dickes Rohr in die Erde. Es ist Teil dessen, was Schwarz „Vision 2040“ nennt. Bis dahin will der Energieversorger das komplette Angebot an Fernwärme der Stadt aus erneuerbaren Energien speisen. Vor allem aus Geothermie. „Ein Meilenstein hin zu einer klimaschonenden Wärmeversorgung“, sagt er.

Das Rohr auf dem Acker gehört zur Geothermieanlage Freiham. Hier wird das abgekühlte Thermalwasser wieder zurück in den Boden gepumpt. Entnommen wird es einige hundert Meter weiter an der Bodenseestraße – aus 2300 Metern Tiefe. Eine meterhohe gläserne Pyramide ragt dort aus einem grasbewachsenem Hügel. Fernwärme für bis zu 25 000 Wohnungen soll sie liefern.

Auch die Stadtwerke machen schon seit Längerem in Geothermie. In Sauerlach produziert der Versorger auch Strom. In Riem beliefert er die Messestadt schon mit Wärme. In den vergangenen Monaten wunderten sich Münchner über merkwürdige Geräte mit langen Kabeln, die an vielen Stellen in der Stadt scheinbar nutzlos auf Bürgersteigen herumlagen. Dahinter steckt „Grame“, ein aufwändiges Projekt zur Erkundung neuer Quellen. Sieben Millionen Euro kostete die Untersuchung möglicher Standorte für neue Bohrungen – zur Hälfte bezahlt vom Bundeswirtschaftsministerium.

Studiengang "Geothermie" ab 2017?

Was dabei am Ende herauskommt? Schwarz gibt sich zurückhaltend. Es gebe keine Erfolgsgarantie, sagt der Geschäftsführer. „Der Bergmann sagt: Vor der Schippe ist es dunkel.“ Doch die Hoffnungen sind groß. Die Stadtwerke sehen ein Potenzial von bis zu 16 weiteren Geothermieanlagen in München. Werden sie tatsächlich gebaut, nähme Schwarz’ Vision sehr konkrete Formen an.

Doch nicht nur die Kommunen in der Region treiben die Technologie voran. Anfang des Jahres hat die Geothermie-Allianz Bayern die Arbeit aufgenommen. Für die Forschungsinitiative gibt der Freistaat rund elf Millionen Euro aus. An der Technischen Universität München und der Uni Erlangen sollen Wissenschaftler die Technologie verbessern. Wie kann man das Risiko minimieren, an den falschen Stellen zu bohren? Wie die Kraftwerke sicherer und effizienter machen? An solchen Fragen wird getüftelt. Voraussichtlich ab dem Wintersemester 2017 sollen in einem neuen Studiengang an beiden Unis Fachkräfte ausgebildet werden.

Auch in Unterhaching gibt es Hoffnung auf wirtschaftliche Besserung – zumindest, wenn man Wolfgang Geisinger glauben darf. Derzeit funktioniere in der Anlage alles nach Wunsch, sagt der Kraftwerks-chef. „Wenn es so läuft wie wir es vorhaben, werden wir dieses Jahr im Plus sein.“ Der Gemeinderat dürfte die Bilanz mit Spannung erwarten.

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