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Unendliche Trauer: das Grab von Ursula Herrmann am Echinger Friedhof. Die Eltern besuchen es fast täglich.

Prozess im Fall Ursula Herrmann

Gerechtigkeit für die kleine Ursula

Eching – 1981 entführten Unbekannte die zehnjährige Ursula Herrmann. Das Mädchen erstickte in einem Erdloch. Erst nach 27 Jahren wird der mutmaßliche Täter verhaftet: Werner M., ein Nachbar. Schon damals stand er unter Verdacht. Ab morgen wird ihm und seiner Frau der Prozess gemacht.

Als die jungen Polizisten den Deckel der Holzkiste öffnen, die da im Waldboden eingelassen ist, laufen ihnen Tränen über die Wangen. Sie blicken auf ein totes Mädchen, es sitzt zusammengekauert in seinem engen Gefängnis unter der Erde – und ist qualvoll erstickt. Drei Wochen lang haben sie nach der zehnjährigen Ursula Herrmann gesucht. Sie war entführt worden, vom Rad gezerrt und verschleppt, am 15. September 1981, auf dem Uferweg zwischen Schondorf und Eching am Ammersee (Kreis Landsberg). Jetzt, am Morgen des 4. Oktober, hat die Suche ein grausames Ende.

Nun beginnt eine neue Suche – die nach den Tätern. Drei müssten es gewesen sein, darunter eine Frau, darauf deuten die Spuren am Tatort hin. Es wird 27 Jahre dauern, bis die Polizei im Mai 2008 den mutmaßlichen Täter verhaftet: Es ist Werner M., der 200 Meter entfernt von Ursulas Elternhaus wohnte. Schon vor 27 Jahren stand er unter Verdacht, wurde festgenommen, kam dann aber wieder frei – mangels Beweisen.

Entführungsfall Ursula Herrmann

1981 ermittelt erst die Kripo Fürstenfeldbruck, später das Bayerische Landeskriminalamt. Mehrere Dutzend Beamte arbeiten in der „Soko Herrmann“. Doch der Erfolg bleibt aus – selbst dann noch, als sich Eduard Zimmermann 1982 des Falls bei „Aktenzeichen XY..ungelöst“ annimmt. 2002 versuchen sie es noch einmal im Fernsehen, wieder vergebens.

Ursula Herrmann Die Zehnjährige erstickte in einer Holzkiste.

Pech und Pannen lähmen die Ermittlungen. Die Arbeit der bis zu 50 Polizisten wird scharf kritisiert, sogar aus den eigenen Reihen. Erfahrene Ermittler beklagen: Die abgestellten Mitarbeiter seien nicht die fähigsten, sondern die am besten entbehrlichen – darunter Sachbearbeiter, die ihre Ermittlungen in den Biergarten nach Andechs verlegen. Ein Beamter wird versetzt, nachdem ihn seine Recherchen im Fall Herrmann vorzugsweise nach Landsberg geführt hatten – um dort seine Geliebte zu treffen.

2500 Spuren sind zu untersuchen, 20 000 Personen vernehmen die Beamten im Laufe der Jahre – manche als Verdächtige, andere als Zeugen. Mehrere Personen werden festgenommen – auch Werner M. Der Mechaniker führt eine kleine Werkstatt am Dorfbrunnen in Utting. Den „Fernsehdoktor“ nennen ihn die Leute, weil er TV-Geräte repariert. In der Kiste, in der Ursula erstickt ist, haben die Beamten ein Kofferradio gefunden. Die Antenne ist so gelötet, dass das Gerät 1,60 Meter unter der Erdoberfläche Empfang hat. Das muss ein Fachmann gemacht haben, sagt die Polizei.

Gegen Werner M. spricht auch, dass er 150 000 Mark Schulden hat. Sein Geschäft läuft schlecht. Ein Zeuge sagt aus, er habe im Wald für Werner M. das Loch für die Kiste gegraben, widerruft seine Aussage aber. Im Januar 1982 nehmen die Beamten Werner M. fest. Obwohl er sich in Widersprüche verstrickt, müssen sie ihn wieder freilassen.

27 Jahre lang haben sie ihn im Hinterkopf. Auch wenn zeitweise andere Männer ins Visier der Fahnder geraten: der Ex-Polizist Harald Wilhelm etwa, den sie seit Mai 1984 in der Mangel haben. Ein Zeuge behauptet, er habe Wilhelms Ford Transit am Tag der Entführung in Tatortnähe gesehen. Die Beamten beschatten den früheren Kollegen, hören ihn ab, vernehmen ihn immer wieder. Erst nach fünf Jahren stellen sie die Ermittlungen gegen Wilhelm ein. Der greift „aus Verbitterung über die unbegründeten Vorwürfe“, wie sein Bruder später anklagt, immer öfter zur Flasche. 1995 stirbt er – mit 46 Jahren.

Eine andere Spur führt 2006 nach Taiwan – zu einem dort inhaftierten Deutschen. Auch sie erweist sich als falsch. 2007 kocht der Fall wieder hoch: Die Ermittler haben genetisches Material von der Holzkiste ausgewertet – und finden an einer Schraube Spuren, die identisch sind mit Spuren vom Mord an der Münchner Parkhaus-Millionärin Charlotte Böhringer. Wem die Gen-Spur gehört, ist bis heute offen.

Unterdessen forsten sie im Fall Herrmann noch einmal die alten Unterlagen durch. Die LKA-Beamten bleiben, wie einst ihre Kollegen von der Kripo Fürstenfeldbruck, an der Spur „237“ hängen: Werner M. Der lebt inzwischen mit seiner Frau in Kappeln, einem Fischerstädtchen an der Ostseeküste. Der heute 58-Jährige betreibt dort ein Geschäft für Bootszubehör. Seine Seglerfreunde aus Kappeln beschreiben Werner M. als „freundlichen Grantler“.

Doch man hört auch anderes über ihn. Er sei zwar selbstbewusst und intelligent, aber auch arrogant, aufbrausend und zynisch. Seine Ex-Frau erzählt eine gruselige Geschichte: Als sein Hund einmal den Küchen-Mülleimer durchwühlt, steckt Werner M. das Tier lebendig in die Gefriertruhe. Die Frau findet den Hund am nächsten Tag – schockgefroren.

Das Kisten-Gefängnis.

Am 30. Oktober 2007 fahren die Ermittler mit einem Durchsuchungsbeschluss in der Tasche zu Werner M. Sie wollen den Verdächtigen und seine Ehefrau Gabriele verunsichern. Die Beamten hoffen, dass nach ihrer Abreise das Paar über die Tat spricht. Ein Münchner Ermittlungsrichter hat für 48 Stunden den Großen Lauschangriff genehmigt: Das Haus und das Auto sind verwanzt, der E-Mail-Verkehr wird überwacht. Im Haus von Werner M. finden die Beamten zufällig ein Tonbandgerät – das Hauptindiz der Augsburger Staatsanwaltschaft. Es soll sich um das Gerät handeln, mit dem die Entführer in Anrufen bei Ursulas Eltern die „Bayern-3-Melodie“ abgespielt haben.

In der „Gesamtschau der Indizien“ sei Werner M. dringend tatverdächtig, sagt Augsburgs Leitender Oberstaatsanwalt Reinhard Nemetz. Verteidiger Walter Rubach hält dagegen: Bis auf das Tonband sei alles eine „reine Neubewertung altbekannter Indizien“. Sein Mandant und dessen Frau bestreiten die Tat. Auch Ursulas Eltern scheinen unsicher zu sein. Ihre Anwältin Marion Zech sagt: „Sie wollen nicht, dass ein Unschuldiger verurteilt wird.“

Ab morgen muss sich Werner M. vor dem Landgericht Augsburg wegen räuberischen Menschenraubs mit Todesfolge verantworten, seine Frau wegen Beihilfe. An 52 Verhandlungstagen will das Schwurgericht bis Jahresende 200 Zeugen und etliche Sachverständige hören – und einen der spektakulärsten Indizienprozesse der bayerischen Kriminalgeschichte klären.

Bettina Link


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