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Die durch die Folgen einer Krankheit vernarbten Hände des kleinen Jungens liegen um den Hals seines Vaters im Amtsgericht in Fürth.

Keinen Arzt gerufen

Vor Gericht: Flüchtlingskind Hilfe verweigert

Fürth - Keinen Rettungswagen alarmiert: Mitarbeiter eines Aufnahmelagers sollen einem kranken Flüchtlingskind die Hilfe verweigert haben. Seit Dienstag stehen sie deshalb in Fürth vor Gericht.

Sie sollen einem kranken Flüchtlingskind im Zirndorfer Aufnahmelager Hilfe verweigert haben - seit Dienstag müssen sich mehrere Mitarbeiter der Zentralen Aufnahmeeinrichtung (ZAE) vor dem Amtsgericht in Fürth verantworten. Zwei Pförtner, die wegen vorsätzlicher Körperverletzung durch unterlassene Hilfeleistung angeklagt sind, äußerten sich zum Prozessauftakt am Dienstag nicht zu den Vorwürfen. Den Ermittlungen nach sollen sie der Bitte der aus Serbien stammenden Eltern, einen Arzt oder Rettungswagen für ihr gut ein Jahr altes Kind zu rufen, nicht nachgekommen sein.

Der Junge soll ein schmerzverzerrtes Gesicht gemacht haben und schwarze Flecken auf der Haut gehabt haben. „Ich habe auf Knien gelegen und um Hilfe gefleht“, schilderte der Vater unter Tränen die Vorkommnisse im Dezember 2011. Statt einen Notarzt zu rufen, hätten die Pförtner ihn aufgefordert, sich zunächst einen Krankenschein zu besorgen.

Eine ZAE-Angestellte stellte das Dokument schließlich aus. Jedoch rief auch sie danach keinen Mediziner herbei. Vor Gericht gab die wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagte Frau an, sie habe es für zumutbar gehalten, dass die Familie mit dem Kind „ein bis zwei Kilometer“ zu einem niedergelassenen Arzt laufe.

Arzt: Vorwürfe "an den Haaren herbeigezogen"

Auf der Anklagebank sitzt wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Körperverletzung zudem ein Bereitschaftsarzt. Er war bereits eine Nacht zuvor gerufen worden, weil die Eltern bei ihrem Kind Fieber vermuteten. Die Staatsanwaltschaft nimmt an, dass er den Jungen nur oberflächlich untersucht hat und deshalb die lebensbedrohliche Situation nicht erkannte.

Dieser Vorwurf sei „an den Haaren herbeigezogen“, erklärte der 63 Jahre alte Mediziner. Er will bei dem Kind durch Handauflegen eine Temperatur „zwischen 38,5 und 39“ festgestellt haben. Er stellte ein Rezept für Fieberzäpfchen aus. Er habe auch die Herzströme gemessen, sagte er. Die Schläge pro Minute zählt er dabei nicht mit. Er begründete dies damit, dass er schon seit 25 Jahren Hausbesuche mache und über ein „gewisses Rhythmusgefühl“ verfüge. Der Blutdruck des Kindes sei ihm gut vorgekommen, deshalb habe er den nicht gemessen.

Eltern konnten sich kaum mit dem Arzt verständigen

Nach Angaben des Mediziners konnten sich die Eltern des Jungen kaum mit ihm verständigen. Eine andere Asylbewerberin habe für ihn übersetzen müssen. Dadurch sei die Untersuchung schwierig gewesen. Der Vater des Kindes will sich dagegen auf Deutsch mit dem Arzt unterhalten haben. Die deutsche Sprache habe er in Serbien in der Schule gelernt, sagte er.

Erst durch die Hilfe eines Autofahrers, der die Familie mit dem regungslosen Kind auf der Straße auflas, kam der Junge damals in ärztliche Behandlung. Später stellte sich heraus, dass er an einer massiven bakteriellen Infektion erkrankt war. Er wurde mehrfach operiert und musste mehr als ein Dutzend Hauttransplantationen über sich ergehen lassen. „Als uns niemand half, da dachte ich, wir verlieren unseren Sohn“, berichtete der Vater. Der Junge muss mehrmals am Tag mit einer Spezialcreme behandelt werden, damit seine Narben nicht aufbrechen.

Die Mutter sagte vor Gericht ebenfalls in deutscher Sprache aus. „Im Kampf um das Leben meines Kindes habe ich die Sprache in den Krankenhäusern gelernt“, berichtete sie. Der Prozess wird am 15. April mit der Vorstellung des medizinischen Gutachtens fortgesetzt.

dpa

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