63-Jähriger aus der S-Bahn geprügelt - Polizei findet Zeugin

63-Jähriger aus der S-Bahn geprügelt - Polizei findet Zeugin
+
Stolze Handschuhfabrikanten: die Kommerzienratsfamilie Roeckl im großbürgerlichen Ambiente. Im Bild sieht man sogar die Dienstbotenklingel.

Die Geschichte der Kommerzienräte

Die Geschichte der Kommerzienräte: Als die Bayern titelsüchtig waren

  • schließen

München - Grüß Gott, Herr Kommerzienrat! Küss die Hand, Frau Justizrat! Wer nun meint, er sei in Österreich, der irrt: Auch in Bayern gab es eine Zeit, in der der Titel viel galt: Gewerberat, Baurat – und als höchstes der Gefühle: der Geheime Kommerzienrat.

1880 war in Bayern ein Jubeljahr. Nicht, weil sich König Ludwig II. gerade mit Finanzierung und Bau von Schloss Neuschwanstein abmühte. Nein, vielmehr sollte die 700-jährige Herrschaft der Wittelsbacher gebührend gewürdigt werden. Was lag da näher, als die Bürger, vor allem die Reicheren unter ihnen, huldvoll mit Titeln und Orden zu bedenken. Dazu legten zwei enge Berater, Kanzleisekretär Friedrich von Ziegler und der Minister Krafft Graf von Crailsheim, ihrem König am 9. August 1880 drei Vorschläge über neue Titel vor: Commissionsrath, Finanzrath oder Commerzienrath – Crailsheim bevorzugte den letzteren, und so geschah es: Nach Ludwigs Genehmigung konnten pünktlich zum Geburts- und Namenstag des Königs am 25. August die ersten 22 königlich-bayerischen Kommerzienräte ihren neuen Titel entgegennehmen.

„Der glückliche Kommerzienrat“ – eine Zeichnung aus dem Simplicissimus, 1913, mit dem folgenden Text: „Wissen Sie, mein lieber Herr Baron, ein angenehmes Bewusstsein ist es doch, wenn man sich sagen kann: jederzeit kannste zweitausend Arbeiter brotlos machen.“

In Bayern gab es einen ausgeprägten Hang zur Titelei, ein Bedürfnis nach Ruhm und gesellschaftlicher Anerkennung, ja eine Titelsucht. Kommerzienrat – das klingt nach „k.u.k.“-Monarchie, nach Titelprotzerei und lächerlichem Großmannsgehabe. Die Augsburger Historikerin Marita Krauss ist der Spur der bayerischen Kommerzienräte zusammen mit einem Autorenteam in einer groß angelegten Studie gefolgt. Der kleine Volk Verlag in München hat den mehrere Kilo schweren Band soeben herausgegeben. Dass es ein kleiner Verlag in Zeiten von E-Books wagt, so ein prächtiges Liebhaberstück herauszugeben, verdient Anerkennung – ebenso wie die Forschungsergebnisse.

Das „Who is who“ der bayerischen Wirtschaftsgeschichte

Die insgesamt 1850 bayerischen Kommerzienräte und – das war die Krönung – Geheimen Kommerzienräte, waren eine exklusive Gruppe. Ihre Biographien, sämtlich in einem über 300 Seiten starken Anhang aufgeführt, lesen sich wie ein „Who is who“ der bayerischen Wirtschaftsgeschichte. Unter ihnen waren Unternehmer, Fabrikanten und Großhändler. Auch einige Juden wurden im bayerischen Königreich zu Kommerzienräten ernannt. Krauss interpretiert das vorsichtig gegen die verbreitete These, Antisemitismus sei im königlichen Bayern sozusagen en vogue gewesen. Zumindest in der sozial exklusiven Gruppe des Großbürgertums war eher das Gegenteil der Fall: „Die Zugehörigkeit zur israelitischen Religion hatte weder in der Monarchie noch in der Republik eine ausschließende Bedeutung.“

1849 der 1850 Kommerzienräte in Bayern waren männlich – einzig die Fabrikantin Lina Pfaff aus der gleichnamigen Nähmaschinen-Dynastie durchbrach 1924 die Männerdomäne. Aber so richtig bayerisch war die Kommerzienrätin aus dem pfälzischen Kaiserlautern, das damals noch zu Bayern gehörte, nun auch wieder nicht.

Brauer, Banker und Tabakhändler: Die reichsten Kommerzienräte

Hang zum Protz – die Mercedes-Flotte der Familie Roeckl, um 1930.

Die meisten Kommerzienräte waren reich – über ein Drittel der 1914 erfassten Räte besaß mehr als eine Million Mark Vermögen –, und einige waren Superreiche. Drei Berufsgruppen stechen hier besonders hervor: die Brauer, die Bankiers und die Tabakhändler. Die Liste der „Top 25“ wird angeführt vom Geheimen Kommerzienrat Gabriel Ritter von Sedlmayr, Besitzer der Franziskaner-Brauerei. Hinter ihm rangierten mit einem Vermögen von geschätzt 20 Millionen Mark die Geheimen Kommerzienräte Anton Sedlmayr und Carl Borromaeus Sedlmayr, beide Mitbesitzer der Spaten-Brauerei. Sie leisteten sich einen Lebensstil auf höchstem Niveau: Villen, Dienstboten, selbst die Grabdenkmäler hatten adligen Stil – eine „Feudalisierung“ des Großbürgertums, die schon in den 1920er-Jahren Autoren wie Thomas oder Heinrich Mann kritisch beleuchtet haben. Der Bayerische Industriellen-Verband war quasi durchsetzt von Kommerzienräten, der Bayerische Brauerbund sowieso.

Die Liste der Bankiers führte damals, ausweislich des „Jahrbuchs der Millionäre“ von 1914, Wilhelm von Finck an. Sein Sohn August von Finck erhielt, weil adlig, den begehrten Titel zwar nicht mehr, hätte vom Typus her aber dem Kommerzienrat der zweiten Generation (nach 1918) zweifellos entsprochen. Statt dem „ehrbaren Kaufmann“ dominierte nun der gewissenlose Geschäftsmann. An der zweifelhaften Persönlichkeit des frühen NSDAP-Förderer („seine billigen Zigarren waren ebenso legendär wie seine Gewohnheit, andere um Kleingeld anzuschnorren, das er nie zurückgab“) lässt Herausgeberin Marita Krauss kein gutes Haar.

Der Oberammergauer Patriarch Guido Lang

Besuch bei Kommerzienrat Guido Lang (r.): Ministerpräsident Gustav von Kahr (2.v.l.) in Oberammergau, 1921.

Doch die honorigen Personen waren in der Gruppe der Kommerzienräte insgesamt klar in der Mehrzahl, auch in der bayerischen Provinz. Ohne beispielsweise Otto von Steinbeis, Kommerzienrat seit 1889, Geheimer Kommerzienrat seit 1909, ist Brannenburg im Landkreis Rosenheim nicht zu denken. Er baute zunächst ein Werk zur Herstellung von Eisenbahnschwellen auf, betrieb später ein Tonwerk und saß in Aufsichtsräten zahlreicher Unternehmen. Ein anderes Beispiel ist der Oberammergauer Patriarch und Besitzer einer Fabrik für Holzschnitzerei, Guido Lang, dessen Name in Oberammergau bis heute legendär ist. 1911 erhielt er den Titel eines Kommerzienrats. Gerade in kleinen Städten wuchsen Unternehmer „zu Schlüsselfiguren der lokalen und regionalen Entwicklung“.

Wie wurde man zum Kommerzienrat?

Kommerzienrat wurde man nicht einfach so. Es gab ein strenges Auswahlverfahren. Mehrere Instanzen – etwa Bürgermeister, Landrat und Regierungspräsident – mussten den Unternehmer positiv begutachten. Die Handelskammer hatte mitzureden, die Polizeibehörde ebenso. Ausschlaggebend war ökonomischer Erfolg, politisches Engagement und Spendenbereitschaft. Stiften und Spenden war ein wichtiges Merkmal – damit demonstrierten die Räte ihre Wohltätigkeit und ihr Mäzenatentum. Brunnen, Parks, Verschönerungsvereine, aber auch Museen, Sammlungen und soziales Engagement waren hier bedeutsam. Erst dann hatte man Chancen auf den Titel. „Es fand also eine substanzielle Auslese durch die Wirtschaftsvertreter und die Bürokratie statt“, schreibt Marita Krauss. Beileibe nicht jeder konnte Kommerzienrat werden: Zwei Drittel der Anträge auf Titelverleihung wurden zurückgestellt oder gar abgelehnt.

Reichsinnenministerium beendete den Rats-Spuk

Das Ende des Kommerzienrats kam eigentlich schon mit dem Ende der Monarchie: Mit der Revolution 1918 wurde jegliche Vergabe von Titeln per Reichsverfassung untersagt. In Bayern lebte der Titel trotzdem zwischen 1923 und 1928 noch einmal auf, mit seltsamen Blüten wie dem dann eingeführten Geheimen Sanitätsrat und dem Geheimes Landesbaurat. Schließlich wurde es dem Reichsinnenministerium zu bunt – es klagte und bekam am 9. Dezember 1929 vor dem Staatsgerichtshof Recht: Da war es aus und vorbei mit der Titelei in Bayern. Wer den Titel aber schon erworben hatte, der durfte ihn behalten – einer der letzten Kommerzienräte außerhalb Münchens, der Augsburger Papierfabrikant Georg Clemens Friedrich Haindl, starb erst 1958.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Für Kleinkinder sehr gefährlich: Münchner Einzelhändler ruft dieses Produkt zurück
Ein Einzelhänder mit Sitz in München ruft seine schwarzen Augenbohnen zurück. Grund dafür sei das Pestizid Chlorpyrifos, das in hoher Menge in den Lebensmittel gefunden …
Für Kleinkinder sehr gefährlich: Münchner Einzelhändler ruft dieses Produkt zurück
Frachter steckt in Fluss fest - Donau nicht mehr gesperrt
Seit Donnerstagvormittag ist die Donau aufgrund der Havarie eines Schiffes gesperrt. Der Einsatz könnte noch den ganzen Tag dauern.
Frachter steckt in Fluss fest - Donau nicht mehr gesperrt
Gruseliger Verdacht: Paar soll Leiche aus Wohnung verschleppt haben
In Günzburg wurde auf einem Parkplatz eine Leiche gefunden. Wie die Polizei herausfand, verstarb der Mann jedoch nicht am Fundort, sondern zuvor in seiner Wohnung. 
Gruseliger Verdacht: Paar soll Leiche aus Wohnung verschleppt haben
Razzia in Augsburg abgeschlossen: Terrorverdacht gegen drei Männer
In Augsburg durchsucht die Polizei seit Donnerstagmorgen 13 Wohnungen. Grund dafür ist der Terrorverdacht gegen drei Männer.
Razzia in Augsburg abgeschlossen: Terrorverdacht gegen drei Männer

Kommentare